Alles nur geklaut

Bücher im Internet

Trends & News | Interview

Nicht nur Filme und Musik werden im Internet rege ausgetauscht. Auch der Bücherliebhaber findet immer mehr eingescannten Lesestoff im Netz.

Aufmacher

Die Prinzen haben die heimliche Hymne der Tauschrausch-Generation erfunden: ‘Das ist alles nur geklaut und gestohlen, nur gezogen und geraubt. Entschuldigung, das hab’ ich mir erlaubt’. Keine Frage, mit dem Boom von Tauschbörsen und Breitband-Flatrates werden Megabytes über die Leitungen gejagt, bis der Anwalt kommt.

Entgegen aller pädagogischen Besorgnis scheint die nachwachsende Internet-Generation allerdings nicht nur Interesse an Filmen, Musik und First-Person-Shootern zu haben, sondern auch an so vergleichsweise altmodischen Medien wie Büchern. Ginge es nur nach dem Börsenverein des deutschen Buchhandels, könnte diese Szene noch einige Zeit munter wachsen und gedeihen. Eugen Emmerling, Sprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, erklärte gegenüber c't: ‘Raubkopien von Büchern sind in Deutschland seit Ende der 70er Jahre generell kein Problem mehr. Im Internet gibt es so gut wie keine Raubkopien von Büchern, allenfalls marginale Copyright-Verletzungen.’

Seine Kollegen von Sybex Inc. sehen das anders: Die ‘Computer Science Library’ - nach eigenen Angaben einst die ‘largest free knowledgebase of the world’ hat nach einem Brief der Sybex-Anwälte die Segel gestrichen. Bis zu 100 000 US-Dollar hatten die Rechtsvertreter für jeden zukünftigen Copyright-Verstoß gefordert.

Zyniker könnten der Verlagsbranche vorwerfen, sie habe am Wachstum der Raubkopier-Szene erfolgreich mitgewirkt - und das vor allem durch eine zu zögerliche Haltung. Zwar betont die Branche gebetsmühlenartig die Parole von der ‘Konvergenz der Print- und elektronischen Medien’, aber nimmt man beispielweise die Frankfurter Buchmesse als Indikator, stellt man fest, dass 2001 im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Aussteller mit elektronischen Publikationen im Sortiment um fast zehn Prozent gesunken war.

Neben der mangelnden Hardware und rigiden Rechteschutzsystemen dürfte vor allem der mangelnde Wille der Hersteller sich zu einigen den Benutzer abschrecken. Die Raubkopier-Szene hat sich unterdessen weitgehend auf das PDF-Format geeinigt. Wer weiß, wo er suchen soll, findet Computer-Literatur, Science-Fiction und Fantasy, philosophische Grundlagenwerke, abgedrehte Esoterik und natürlich die üblichen Bestseller: Von ‘Harry Potter’ über den ‘Herrn der Ringe’ bis zu Umberto Ecos neuestem Werk ‘Baudolino’. Die Szene wächst und gedeiht, diskutiert und spielt Räuber und Gendarm mit Systemadministratoren und Webspace-Anbietern.

Ihre enge Verwandtschaft mit der Software-Raubkopier-Szene können die Buch-Piraten dabei nicht leugnen. Zu ähnlich sind die Organisationsstrukturen und Gepflogenheiten: Man tarnt sich mit Pseudonymen, die allerdings in der Regel nicht so martialisch sind wie in der Jung-Hacker-Szene, und tauscht sich in den Foren spezieller Boards aus. Verbreitet werden die ‘Bookz’ über IRC-Kanäle, per Mail, FTP-Server, P2P-Diensten und Gratis-Webspace-Anbieter.

Die Verbreitung via IRC ist besonders im angelsächsischen Raum beliebt - die Struktur des weltweiten Chat-Systems erlaubt eine besonders flexible Kommunikation. Nach dem beispielsweise Anfang Dezember vergangenen Jahres das FBI und internationale Zollbehörden eine international koordinierte Welle von Untersuchungen gegen die Raubkopier-Szene losgetreten hatte, verlagerte sich das Geschehen um die ‘Bookwarez’ vorsichtshalber rasch in einen anderen Kanal: ‘bookwarez’ verschwand aus irc.dal.net; und schnell wurde auf irc.bookwarez.net ein neuer Kanal kreiert.

Um die Bücher zu verteilen, verwenden die Aktivisten Skripte, die die IRC-Erweiterung DCC (Direct Client to Client) steuern. Das DCC-Protokoll baut eine direkte Verbindung zwischen zwei IRC-Nutzern auf, die nicht über den IRC-Server läuft. Das Verfahren lässt sich nicht nur sehr handlich automatisieren, es verrät - oberflächlich - auch die Identität des Fileservers nicht. Dass diese Art der Verbindung ein gewisses Sicherheitsrisiko darstellt, stört die IRC-Benutzer in der Regel nicht: Schließlich ist ein gewisses Grundvertrauen notwendig, um sich überhaupt in der Szene bewegen zu können. Die meisten File-Server haben mittlerweile keine Download-Beschränkungen mehr. In Zeiten knapper Bandbreite war es hingegen noch üblich, für jeden Downlaod in einem gewissen - je nach System festgelegten - Tauschverhältniss, auf dem Server auch frische Ware zu hinterlegen.

Während die englischsprachige Szene ihre Tauschgeschäfte vorwiegend über das IRC-Netzwerk abwickelt, scheinen in Deutschland eher die bequemen Downloads direkt von der privaten Homepage angesagt zu sein. Besonders beliebt sind bei den deutschen Freunden der Bücher-Raubkopie die so genannten Briefcases von Yahoo; aber auch Links zu freenet und tripod sind in einschlägigen Listen reichlich vertreten. Die Verteiler generieren ihre Accounts mit fiktiven Userdaten dabei komfortabel mit so genannten Webspace-Fakern: Das sind Programme, die die einschlägigen Anmelde-Seiten von Gratis-Webspace-Anbietern mit fiktiven Namen und Adressen füttern - in besonders komfortablen Ausführungen auch gleich vollautomatisch die Aktivierungs-URL ansurfen, und die Zugangsdaten des so generierten Accounts in einem Textfile abspeichern. Die Buch-Dateien selbst bekommen dann noch unverfängliche Dateiendungen, wie etwa jpg, und sind meist mit einer kurzen ‘Gebrauchsanweisung’ versehen, die das eigentliche Dateiformat und eventuell vorhandene Passwörter angeben. Gepackt sind die Bücher meist in den in der Warez- oder Moview-Szene beliebten Multivolume-Packformaten wie ace oder rar.

Das Risiko, bei solchen Aktionen erwischt zu werden, ist verhältnismäßig gering - in der Regel fällt eine Seite nicht durch den Inhalt, sondern eher durch den untypischen Traffic auf, den sie verursacht und wird dann kommentarlos gelöscht. Um noch weniger aufzufallen sind allerdings in letzter Zeit einige Bookz-Anbieter wieder dazu übergegangen, die Zugangsdaten für Free-Webspace-Anbieter möglichst authentisch, von Hand zu fälschen - beispielsweise mit Namen und Adressen aus dem Telefonbuch - oder, von Freunden, Fans und Unterstützern, fälschen zu lassen.

Die Adressen, unter denen die Bücher im Web zu finden sind, werden über einschlägige Diskussionsseiten verbreitet - einige dieser ‘Underground Boards’ enthalten nur diverse Diskussionsforen; andere haben sich auf die Pflege mehr oder weniger umfangreicher Linklisten spezialisiert. In der Regel sind diese Seiten technisch gut gemacht - mit einem Hang zu liebevollen Details wie etwa einer Piraten-Flagge in der URL und bisweilen findet sich sogar andere als die übliche Porno-Bannerwerbung. Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie, wenn auf einer solchen Underground-Seite ausgerechnet für den Bertelsmann-Buchklub geworben wird.

Die Verbreitung der einschlägigen Adressen ist dabei durch so genannte Redirektoren in den letzten Jahren erheblich vereinfacht worden. Der User, der die Piraten-Boards nur gelegentlich ansurft, tippt beispielsweise einfach eine Adresse wie ‘kickme.to/beispiel_geklaute_buecher’ in die Adresszeile seines Browsers - welche URL das Board tatsächlich verwendet, braucht sich bei diesem Service niemand zu merken.

Gelegentlich findet sich auch ein FTP-Server in den Linktipps - für die Raubkopierer ist ein solcher Server, wenn er denn mit hoher Bandbreite am Netz hängt, ein echter Glücksgriff. Unfreiwilliger Helfer der Szene kann dabei jeder werden, der auf seinem mit dem Internet verbundenen Rechner einen FTP-Server laufen lässt, der Schreibrechte für anonyme User oder Gast-Zugänge bietet. Natürlich versuchen sich die Piraten auf dem Server unauffällig zu verhalten - legt man beispielsweise ein Verzeichnis mit dem Namen ‘.name’ an, wird dieses mit dem FTP-Kommando ‘dir’ nicht angezeigt. Trotz solcher Vorsichtsmaßnahmen ist die Lebensdauer eines solchen Servers Glückssache; dass ein FTP-Server wie der in der Szene wegen seines ISPs ‘der Spanier’ genannte mehrere Monate funktioniert, ist eine sehr seltene Ausnahmeerscheinung.

Solche ‘Pubs’, wie sie im internen Jargon genannt werden, kann man mit spezialisierten Scan-Programmen finden - weil die Standard-Installationen vieler Betriebssystem-Varianten aber immer sicherer werden, ist das ein Zeit raubendes Hobby. Grim’s Ping etwa führt unter Windows so etwas wie einen einfachen Portscan in einem vorgegebenen Subnetz aus: Hat das Programm einen Rechner gefunden, der auf Port 21 antwortet, versucht es sich als Gast oder ‘Anonymous’ einzuloggen und testet, ob Schreibrechte vergeben sind. Das Scannen selbst ist zwar nicht illegal, aber da mittlerweile viele Überwachungssysteme bei Portscan-Versuchen automatisch anspringen, kann sich der Hobby-Pirat auf diese Weise auch leicht die Aufmerksamkeit verärgerter Systemadministratoren zuziehen - in einem einschlägigen Forum berichtet ein User gar, sein Account sei wegen notorischer Benutzung von Grim’s Ping gesperrt worden. Wenn man Pech hat, ist die Beute allerdings schon besetzt; insbesondere in der Warez-Szene werden solche Server, die eine Gruppe aufgespürt hat, aber vielleicht nicht sofort nutzen will, ‘getaggt’, also markiert. Einen Pub zu stehlen, also trotz einer solchen Markierung zu benutzen, gilt in der Szene als absolut ehrenrührig.

Darüber hinaus gelten die Bücherwürmer aber - trotz intellektueller Piraten-Attitüde - auch innerhalb der Raub- und Tauschszene als Völkchen für sich. ‘Ich möchte mal sagen’, klagt ‘n8 lotho’, ‘dass die Gesellschaft die Bookz-Szene gar nicht ernst nimmt. Hab’ meinen Kumpels erzählt, dass ich Bücher runterlade und werde einfach nur schief angeguckt und dann kommt:

Wer so fragt, wird wahrscheinlich auch nicht verstehen, warum der echte Bookz-Enthusiast ein Exemplar durch ein schöneres ersetzt, wie jüngst bei ‘Professor CasimYr’ zu lesen: ‘Heute ist mir eine überarbeitete Version von Umberto Ecos ‘Der Name der Rose’ in die Finger gefallen. Die alte war hässlich und gar kein Vergleich mit diesem Musterbeispiel für die gesamte E-Book-Scene.’

In der Tat ist der Szene eine gewisse Detailverliebtheit nicht abzusprechen: Da werden in die PDF-Dateien, die nach dem Scannen natürlich extra von einem Korrektor gecheckt werden, liebevoll editierte Seitenspiegel mit dem Namen oder dem Logo des Scanners eingefügt. Andere spezialisieren sich auf Online-Versionen der von ihnen gesammelten Werke und produzieren sorgfältig ausgewählte und gestylte Internet-Bibliotheken, die auch den (geschädigten) Verlagen durchaus als Werbung dienen könnten.

Neben technischen Details lebt die Szene natürlich auch vom Geist der ‘Community’ - was nützt denn auch die schönste Seite, wenn es kein Publikum gibt, das applaudiert. Auch die ethische Seite der Bücher-Piraterie kommt in den Szene-Diskussionen nicht zu kurz; so wird beispielsweise auch über die Frage ‘bin ich kriminell’ diskutiert. Ein User mit dem Pseudonym ‘ultradoc’ will angeblich wissen, dass ‘viele Autoren’ nicht ‘wegen des Geldes’ schreiben, sondern ‘um ihre Gedanken mit anderen zu teilen. Klar, als Autor muss ich leben, aber das meiste Geld verdient nicht der Autor, sondern der Verleger, der Großkonzern, Herr Bertelsmann und Herr Gates’. ‘WerWennNichtIch’ schlägt in dieselbe Kerbe und verweist auf den Philosophen Michel Serres: ‘Ganz klar, jemand der belesen ist und seinen Geist erweitert durch die unterschiedlichste Literatur, kann doch nur zum Wachsen der Gesellschaft beitragen’. Und Callisto ergänzt ‘Grade wenn ich mir die Ergebnisse der Pisa-Studie anschaue, finde ich, dass es den Kids leichter gemacht werden sollte zu lesen, nicht schwerer.’ (wst)

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‘Die Mühe wird allgemein überschätzt’

Der Mann, der unter dem Pseudonym Dr. Gonzo auftritt, betreibt seit etwa zwei Jahren ein Szene-Board rund um E-Bookz. Nach eigenen Angaben ist er Anfang 40, verheiratet, hat eine akademische Ausbildung, ist aber nicht in der IT-Branche tätig. Das Interview ist per E-Mail geführt worden.

c't: Wie lange betreiben Sie Ihr Hobby schon?

Dr. Gonzo: Angefangen hab ich im Herbst 2000 mit einer E-Book-Homepage. Dort wurde zunächst mal das angeboten, was im Internet in irgendeiner Form zu finden war. Schwerpunktmäßig Computerliteratur und zum großen Teil noch in Englisch. Auf dieser Basis hat sich alles weiterentwickelt und irgendwann kamen dann auch die ersten eigenen Scans. Diese Seite habe ich ein gutes Jahr betrieben, bis mir das Thema ‘Webspace-Problematik’ über den Kopf gewachsen ist. Seitdem haben sich dann die Aktivitäten in eine andere Richtung entwickelt. Weg von den direkten Downloads über Webseiten hin zu alternativen Methoden. Mittlerweile ist das Ganze ja auch kein Ein-Mann-Projekt, sondern quasi eine Kooperation von befreundeten ‘Crews’.

c't: Wie groß ist nach Ihrer Einschätzung die Szene in Deutschland?

Dr. Gonzo: Diese Frage ist jetzt etwas schwierig zu beantworten, da es eigentlich ein beständiges Wachstum gibt. Die ‘Stammbelegschaft’, die ständig in irgendeiner Weise (scannen, Korrektur lesen, uppen) aktiv ist, schätze ich mal auf etwa 50. Dazu kommen aber immer wieder ‘Gelegenheitsmitarbeiter’, die ihren Teil zur Gemeinschaft beisteuern. Die Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit wird m. E. auch dadurch gefördert, dass es eine gut funktionierende Board- und IRC-Community gibt und nicht nur einen passiven, anonymen Download über Webseiten.

c't: Hat sich die Szene mit der großflächigen Einführung von DSL in Deutschland verändert?

Dr. Gonzo: Im Gegensatz zur Warez-Szene werden bei unserer ‘Ware’ ja nicht solche Unmengen an Megabyte bewegt, sodass auch Modem-User immer noch ganz gut dabei sein können. Also die Szene an sich hat sich wohl nicht verändert, aber DSL und die damit verbundene Flatrate begünstigt natürlich die Verbreitung. Da sind dann eben 100 Bookz mal relativ flott geuppt und wenn es gekickt wird, ist das auch nicht weiter schlimm. Dazu kommen dann eben noch die Möglichkeiten von IRC und File-Sharing-Systemen, die zumindest von Seiten der ‘Anbieter’ lange Online-Zeiten erfordern, die sich eigentlich nur mit einer Flatrate verwirklichen lassen.

c't: Was treibt jemanden an, stundenlang mit großer Mühe ein Buch einzuscannen, zu bearbeiten und dann auch noch das Risiko einzugehen, erwischt zu werden?

Dr. Gonzo: Zunächst zur ‘Mühe’, bzw. dem Arbeitsaufwand: Ich will ja auf keinen Fall die Leistung abwerten, aber die Arbeit wird wohl oft überschätzt. Natürlich gibt es auch grafisch aufwendige Sachbücher, bei denen das Layout sehr viel Arbeit macht, wenn es sich aber um reine Texte handelt, ist die Arbeit zwar eintönig, geht aber doch recht flott vonstatten. Und nun, warum macht man das? Tja, wir haben uns das untereinander selber schon gefragt und sind eigentlich nur zu dem Schluss gekommen, dass es einfach nur Spaß macht. Das Ganze ist ungefähr so spannend wie Briefmarkensammeln, aber es macht Spaß.

c't: Was heißt das nun konkret? Wie lange sitzt man im Schnitt an einem 300-Seiten-Buch, bis das Ganze fertig für den Upload ist?

Dr. Gonzo: Wenn ein Buch kein Überformat hat, scannt man üblicherweise doppelseitig. Das heißt bei 300 Seiten sind das eben 150 Scanvorgänge. Die Zeit für eine Scanseite hängt natürlich vom verwendeten Scanner ab und liegt zwischen drei und zehn Sekunden für reinen Text. Dazu kommt dann natürlich immer noch das lästige Umblättern der Seiten. Ganz konkret würde ich sagen: Unabhängig vom Scannermodell sollten 150 Doppelseiten in maximal zwei Stunden zu schaffen sein. Bis hierhin hält sich der Zeitaufwand also in Grenzen.

Nun kommt es darauf an, welche Qualitätsansprüche sich der ‘Scanner’ selber stellt. Um eine Überarbeitung der Formatierung kommt man meistens nicht herum, da die OCR-Software teilweise recht eigenwillig ist. Wenn man nun noch einen möglichst fehlerfreien Text abliefern will, muss das Werk noch Korrektur gelesen werden, da automatische Rechtschreibprüfungen nicht sonderlich zuverlässig sind. Und ab diesem Punkt fängt der eigentliche Zeitaufwand an, da kaum jemand 300 Seiten am Stück liest. Für ein nachformatiertes und Korrektur gelesenes Buch kann man also vom Scan bis zur Veröffentlichung mindestens eine Woche ansetzen. Alles in allem ist das natürlich ein recht hoher Zeitaufwand, aber das reine Scannen wird oft überschätzt.

c't: Was entgegnen Sie Autoren/Verlagen, die ein Recht auf Verdienst an ihrem geistigen Eigentum proklamieren?

Dr. Gonzo: Bisher bin ich von zwei Verlagen darauf hingewiesen worden, dass ich bestimmte Bücher entfernen sollte. Da habe ich nicht lange diskutiert, sondern die Bookz aus dem Angebot genommen.

Zu diesem Thema sind zwar schon einige Diskussionen geführt, aber ich halte mich dabei eher zurück. Argumente für das E-Book gibt es in der Szene zur Genüge, aber ich kann die nicht immer so unterschreiben.

Es ist nun zwar Fakt, dass es auch aktuelle Bücher und Bestseller als E-Book gibt, aber was ich eigentlich viel schöner finde, ist, dass es mittlerweile etliche Bücher in digitaler Form gibt, die es gar nicht mehr im Handel gibt. Das wäre für mich eines der Argumente, das ich persönlich gelten lasse. Dazu kommt noch die Möglichkeit auch Autoren kennen zu lernen, die nicht so populär sind, dass man sie regelmäßig auf den Bestenlisten findet. Und ja, es soll sogar Leute geben, die sich die Bücher richtig kaufen, nachdem sie erst mal reingelesen haben. Und das ist jetzt nicht als Scherz gemeint.

Zum Abschluss noch etwas, was uns in der letzten Zeit ziemlich verärgert hat und von dem wir uns ausdrücklich distanzieren möchten: Bei ebay tauchen schon seit längerem immer wieder E-Bookz in den Auktionen auf, die eindeutig aus der Szene stammen. Und das verurteilen wir, da wir selber keine finanziellen Interessen haben.

c't: Welche Argumente können Sie denn nicht unterschreiben?

Dr. Gonzo: Es herrscht hier wohl zum Teil derselbe Gedanke wie auch in der MP3- und Warez-Szene. Die grenzenlose Freiheit des Internet und alles zum Nulltarif. Anspruch auf kostenlose Information, Unterhaltung oder Bildung. Und ganz wichtig: ‘Ich möchte so viel wie möglich haben, aber kann es mir finanziell nicht leisten.’ Ich bin zu sehr Realist, als dass ich diese Argumente so akzeptieren kann. Wenn es jemandem wirklich nur ums Viel-Lesen geht, dann gibt es dafür Leihbüchereien. Und die niedrigen Gebühren könnte sich nun wirklich jeder leisten.

Ein Argument, was auch immer wieder genannt wird, ist: Seitdem ich aktiv in der E-Book-Szene bin, kaufe ich mehr Bücher als früher. ‘Ich bin durch die E-Books erst wieder dazu gekommen, mal wieder mehr zu lesen und kaufe mir seitdem auch immer mal wieder ein ‘richtiges’ Buch.’ Diese Aussagen kann ich im einzelnen natürlich nicht nachprüfen. Für mich persönlich und für einige Kollegen, denen ich das wirklich glaube, gilt das aber tatsächlich.

c't: Hatten Sie schon mal juristische Schwierigkeiten wegen Bookz?

Dr. Gonzo: Nein.

c't: Wie gehen die großen Webspace-Provider Ihrer Erfahrung nach mit der Problematik ‘Filetrading’ um?

Dr. Gonzo: Da haben wir dasselbe Problem wie zum Beispiel die Warez-Szene. Was zu viel Traffic verursacht, wird gekickt. Das ist eine ganz einfache Regelung. Damit haben teilweise sogar völlig legale Seiten zu kämpfen. In der Anfangsphase, als E-Bookz noch nicht so populär waren, war die Haltbarkeit der Files erfreulich hoch, aber diese Zeiten sind leider vorbei.

c't: Wäre es nicht einfacher, eine Art Bücher-Gnutella aufzubauen, statt mühsam einzelne Bücher im Netz zu platzieren, die nach einigen Tagen bis Wochen wieder gelöscht werden?

Dr. Gonzo: Diese Bestrebungen sind im Gange, allerdings denke ich, dass die Akzeptanz solcher Systeme noch nicht so hoch ist. Auch die Möglichkeiten des IRC werden längst nicht von allen Interessenten genutzt. Wenn die Szene aber weiter bestehen soll, werden früher oder später auf jeden Fall andere Wege der Verteilung beschritten.

c't: Die Akzeptanz ist nicht so hoch, weil? Was könnten das für ‘andere Wege’ sein?

Dr. Gonzo: Die Akzeptanz ist nicht so hoch, weil bei einigen doch Sicherheitsbedenken bestehen. Dadurch, dass der Kreis der E-Book-Szene noch relativ klein ist und nicht in einer Masse von Usern wie bei anderen Warez-Formaten (Filme, Musik, Software) verschwinden würde, ist die Furcht vor Entdeckung und Verfolgung vermutlich doch noch größer. Edonkey & Co. selbst sind sehr intransparent in der Betrachtung ‘wer saugt was bei mir’, aber absolut nicht sicher hinsichtlich einer Anonymität des Anbieters selbst. Der freie Webspace oder der anonyme FTP wird dann doch eher bevorzugt. Auch das IRC ist akzeptierter als Filesharing-Technologie, weil man da zumindest Einsicht und Kontrolle darüber hat, wer saugt. Auch wenn es nur Nicknamen sind, aber man kann sich zunächst im Dialog eine ‘credibility’ erwerben.

Welche anderen Wege noch beschritten werden könnten, das müssten Sie schon die ‘Tüftler’ fragen. Ich weiß wohl, dass da ständig an etwas gebastelt wird, aber ob dabei irgendwann mal wasserdichte Lösungen herauskommen oder ob das ewig Beta-Projekte bleiben, kann ich jetzt wirklich nicht sagen. (wst)

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