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Einstweilige Verfügung gefährdet Microsofts Windows98-Strategie

Als Bettvorleger gelandet

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Nach der einstweiligen Verfügung eines amerikanischen Bezirksgerichts muß Microsoft PC-Herstellern erlauben, Windows ohne Web-Browser auszuliefern. Doch bedeutende PC-Bauer wie Dell und Compaq zeigen dazu wenig Neigung. Denn die einzige bisher verfügbare Windows-Version ohne eingebaute Browser-Funktionalität ist mittlerweile technisch überholt.

An den Gedanken, daß Richter über Wohl und Wehe eines Betriebssystems entscheiden, will sich die Führungs-Crew von Microsoft nur schwer gewöhnen. Um das Unbehagen an der richterlichen Anordnung (siehe c't 16/97) zu artikulieren, hatten sich die Regisseure in Redmond auf einen Aktionsplan verständigt, der Zweiflern die Augen öffnen sollte. Wenn es die PC-Hersteller so wünschten, wolle man widerspruchslos den Explorer entkoppeln, gab sich die Gates-Firma zunächst geläutert und goß sogleich neues Öl ins Feuer: Durch nachträgliches Löschen der Explorer-Files würden aktuelle Versionen des Betriebssystems inoperabel (siehe dazu auch Seite 19 [1]). Das System lasse sich schlicht nicht mehr starten. Verbraucher müßten deshalb mit zwei älteren Windows-Versionen vorliebnehmen. Gemeint sind wohl die Versionen 950 und 950a.

Die Inszenierung mit der Maßgabe klein beigeben und mit der Pranke drohen wird nun zum Boomerang. Diese Firmenpolitik widerspreche dem Ziel der richterlichen Anordnung von Thomas Penfield Jackson, empörte sich ein Sprecher der Justizbehörde. Die Ultima Ratio könne schließlich nicht darin bestehen, PC-Hersteller vor die Wahl eines nicht funktionierenden oder veralteten Betriebssystems zu stellen. Ed Black, President des Herstellerverbands Computer and Communications Industry Association, der 36 hochkarätige High-Tech-Unternehmen wie Sun und AT&T vertritt, bezeichnete Microsofts Entkoppelungsvorschlag als `zynisch´. Das Verfahren verwehre PC-Herstellern die versprochene freie Wahl und lenke öffentlichen Zorn auf den Richter, der für die Verfügung zuständig sei.

Ungeachtet solch harscher Töne fand Microsoft auch vielerorts Verständnis. Schließlich ticken in Redmond derzeit viele Uhren nur noch für die Markteinführung von Windows 98, deren dritte Betaversion soeben freigegeben wurde. Das Nachfolger-Betriebssystem sollte dem Hersteller eigentlich die Vorherrschaft auf dem Browser-Markt bescheren. Zumindest bemühte sich Microsoft in den vergangenen Wochen immer wieder zu betonen, daß der Explorer fester Bestandteil des Betriebssystems sei und so fest mit dem OS verschweißt wurde, daß er sich ohne Wenn und Aber nicht mehr abkoppeln lasse.

Die richterliche Verfügung scheint diese Strategie nun zu durchkreuzen - auch wenn sich Microsoft um Gelassenheit bemüht. Das letzte Wort in der Angelegenheit sei noch nicht gesprochen und Windows 98 gar nicht betroffen, wies MS-Sprecher Max Murray aufkeimende Spekulationen zurück. Auch Microsoft Vize-President Brad Chase wehrte bisher Nachfragen mit dem Hinweis ab: `Sollten spätere Verfügungen Windows 98 betreffen, reagieren wir - vorher jedoch nicht.´

Wenn es so weit kommt, steht Microsoft ein ungemütliches Jahr bevor. Ganz unvorbereitet, wie Chases Worte vermuten lassen, ist der zweitgrößte Softwarekonzern der Welt auf einen solchen Fall nicht, wie die schriftliche Begründung, mit der Microsoft eine Revision der einstweiligen Verfügung beantragte, nahelegt. Offensichtlich rechnet man in Redmond durchaus mit dem Schlimmsten und wies im Revisionsantrag auf `erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich der technischen Anlage und des geplanten Auslieferungstermins für Windows 98´ hin. Ein weitreichender Schaden für bedeutende Teile der US-Wirtschaft sei nicht auszuschließen.

Die Erklärung war zwar nur wenig geeignet, das Bezirksgericht zu beeindrucken - auf dem Markt sorgte das Statement sogleich für die erhoffte Resonanz. So begrüßten zunächst viele Wiederverkäufer die Entscheidung des Bezirksgerichts. Michael Warner, Direktor des Computerhandelshauses Datel, das auch als Internet-Provider auftritt, quittierte die neueste Entwicklung mit deutlicher Genugtuung: `Weder ich noch meine Kunden würden den Internet Explorer 4.0 wählen. Jetzt können wir ohne Gefahr einen anderen Browser installieren. Wenn Microsoft uns trotzdem mit Windows beliefern muß, wäre das super.´ Doch gleichzeitig mehrten sich auch Stimmen, die Besorgnis ausdrückten.

Dabei fürchtet der Handel nicht so sehr die mögliche Verspätung des Windows-95-Nachfolgers, sondern Verunsicherung bei Händlern und Käufern: Wenn Microsoft tatsächlich den Internet Explorer kappe, sorgt sich Jeff Davis, Vorstandsmitglied des Distributors D&H, sei es auch um die bequeme Verpackung des Produkts geschehen. Dann nämlich konkurrierten mehrere Windows-Versionen gegeneinander. Käufer und Verkäufer hätten es dann schwerer, die jeweils gewünschte Version zu erwischen.

Für die großen PC-Hersteller stellt sich das Problem allerdings anders. So erklärte Dell, man wolle, solange es die Kunden wünschten, den Internet Explorer 4.0 als Standard-Browser mitliefern. Dell seien keine besonderen Browser-Vorlieben der Kunden aufgefallen, alles bleibe beim alten. Auch der weltgrößte Computer-Produzent Compaq sieht derzeit keine Notwendigkeit, Windows vom Explorer zu trennen. Vor einem dreiviertel Jahr sah das noch ganz anders aus. Damals wollte Compaq auf Netscape als Standard-Browser setzen, und Microsoft drohte mit einem Entzug der Windows-Lizenz. Durch den Umschwung in den bedeutenden PC-Manufakturen könnte sich die richterliche Anordnung jetzt schon als überwiegend wirkungslos darstellen.

Für Ralph Nader, der sich an die Spitze einer Verbraucherbewegung gesetzt hat, die Microsofts Geschäftspraktiken breitflächig attakiert, stand das schon immer außer Frage. An der arroganten Haltung und den zweifelhaften Geschäftspraktiken der Redmonder werde sich auch durch die einstweilige Verfügung wenig ändern, kommentierte er giftig. Die richterliche Anordnung sei `enttäuschend zahnlos´ ausgefallen, das Gericht als Tiger gestartet und schließlich als Bettvorleger gelandet.

Damit hätten sich eigentlich alle Beteiligten in den Weihnachtsurlaub verabschieden können. Doch kurz vor Jahresende braute sich neues Ungemach über Redmond zusammen. Das Justizministerium forderte Richter Jackson auf, Microsoft wegen Mißachtung des Gerichts mit einer Zahlung von einer Million US-Dollar pro Tag zu belegen. Die Summe soll so lange gezahlt werden, bis die Firma den Explorer von der aktuellen Windows-Version abkoppelt. Das vorläufige Schlußwort in der Angelegenheit blieb Joel Klein, dem Leiter des Anti-Trust-Büros im Justizministerium, vorbehalten: Microsoft habe die Verbindung von Browser und Betriebssystem gelöst, um nun den PC-Herstellern die Fesseln anzulegen´. (em [2])


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