Angesehen: Gnome 3.12

Test & Kaufberatung | Test

Mit der neuen Gnome-Version erhalten mehrere Anwendungen ein Facelifting. Deutlich ausgebaut wurde die Wayland-Unterstützung und der noch junge App-Store. Die Foto-App der vorwiegend für Linux entwickelten Desktop-Oberfläche greift nun auch auf Facebook-Fotos zu.

Zu den auffallendsten Neuerungen des jetzt erhältlichen Gnome 3.12 zählen Verbesserungen am Software-Installationswerkzeug Gnome-Software. Das Programm, das sich wie ein App-Store von Mobilbetriebssystemen bedienen lässt, zeigt jetzt Screenshots und Qualitäts-Ratings von Programmen an. Die erst vor einem halben Jahr mit Gnome 3.10 und Fedora 20 eingeführte Anwendung kann nun auch lokal vorliegende Software einrichten – etwa Pakete, die man mit dem Browser heruntergeladen hat.

Komplett geändert hat sich das Aussehen von Videos (früher Totem): Der Video-Player hat ein weiter vereinfachtes User-Interface erhalten, das dem anderer Gnome-3-Anwendungen wie Photos, Documents oder Contacts ähnelt. Die Software bietet jetzt auch Channel, über die man das Video-Angebot von Rai.tv, The Guardian, Blip.tv und Apples Movie Trailer durchstöbern kann; weitere Web-Videokänäle lassen sich recht einfach nachrüsten.

Auch der Texteditor hat ein Facelifting hinter sich: Wie zuvor schon Evince, Nautilus und viele andere Gnome-Anwendungen zeigt nun auch Gedit keine Menüzeile an, sondern integriert die wichtigsten Bedienelemente direkt in der Fensterleiste am oberen Rand. Ähnlich ist es jetzt auch beim Web-Browser (Web, früher Epiphany); ferner nutzt er nun für jedes Tab einen eigenen Render-Prozess, was Stabilität und Reaktionsgeschwindigkeit verbessern soll.

Das obere Bedienleiste des Desktops zeigt im Statusbereich rechts nun auch ein Netzwerk-Icon an, wenn das System in einem LAN hängt; damit korrigieren die Entwickler eine viel kritisierte Eigenschaft von Gnome 3.10, das Verbindungs-Informationen nur bei einer Anbindung über WLAN, Mobilfunk und Co. angezeigt hat.

Es gibt aber auch diesmal Änderungen, die Kritik auslösen dürften. Im Fenster- und Kontext-Menü des Gnome-Terminals ist etwa der Eintrag verschwunden, um ein neues Terminal-Tab zu öffnen. Mehrere Terminal-Tabs werden aber weiterhin unterstützt, die Tastenkombination Strg+Shift+T funktioniert nach wie vor; alternativ kann man nun Strg gedrückt halten, wenn man über das Menü ein weiteres Terminal öffnet.

Eine andere Neuerung dürfte Kommandozeilenfreunde hingegen erfreuen: Die Suche in der Aktivitäten-Übersicht der Shell findet nun Terminals, in denen ein zum Suchbegriff passender Befehl läuft. Läuft in einem Terminal beispielsweise eine SSH-Verbindung zum Rechner "foo.home" auf, dann listet die Gnome-interne Suche ein Terminal-Tab auf, wenn man nach diesem Netzwerknamen sucht. Bei Auswahl dieses Suchergebnis aus springt der Desktop dann zum Terminal-Fenster und öffnet sogar das passende Tab, wenn man zwischenzeitlich zu einem anderen gewechselt war; das klappte bei unseren Versuchen aber nicht, wenn mehrere Terminal-Fenster offen waren.

Nachdem bereits einige Komponenten von Gnome 3.10 Unterstützung für besonders hochauflösende Displays boten, soll Gnome 3.12 diese nun vervollständigen. In der Übersicht der Anwendungen lassen sich Programm-Icons nun zu Gruppen zusammenfassen, wie es ähnlich auch Android und iOS ermöglichen. Die Fenster-Übersicht der Gnome-Shell zeigt nun auch Programm-Dialoge an. Die Knöpfe in Dialogen haben ein leicht anderes Aussehen erhalten und heben sich dadurch jetzt nicht mehr so stark ab; das gleich gilt für Tabs in Gedit, Browser und Co., denn auch die wurden umgestaltet.

Die zentrale Software zur Zugangsdatenverwaltung von Online-Konten unterstützt nun Fotoalben von Facebook; die Gnome-Anwendung Photos kann darauf zurückgreifen, um bei Facebook hinterlegte Bilder anzuzeigen oder zusammen mit lokalen Bildern in Alben zu organisieren.

Drei neue Anwendungen sind hinzugekommen: der IRC-Client Polari, ein einfacher Sound-Recorder und der Protokollbetrachter Gnome-Logs. Unter den Änderungen am Virtualisierungs-Frontend Boxes ist eine Import-Funktion, um mit dem Virt-Manager angelegte VMs zu verwenden. Zudem kann das Programm nun auch eine Netzwerkkonfiguration für Gastsysteme erstellen, die NAT (Network Address Translation) nutzt. Der Entwickler des Laufwerks-Verwaltungsprogramms Gnome-Disks hat die Unterstützung zum Einrichten von Software-RAIDs entfernt, um Bedienoberfläche und Code zu vereinfachen; zudem habe es bekannte Schwierigkeiten mit Mdadm gegeben und Features wie das Btrfs-interne RAID wurden nicht unterstützt.

Gnome 3.12 ausprobieren

Die Gnome-Entwickler haben ein Live-Linux veröffentlicht, mit dem man das neue Gnome ohne Installation testen kann. Die 900 MByte große Distribution bootet von DVDs und USB-Sticks; sie basiert auf Komponenten von Fedora 20 und einem Add-On-Depot, das die Distribution des Fedora-Projekts mit dem neuen Gnome versorgt.

Die Gnome-Entwickler haben die bei Gnome 3.10 eingeführte Unterstützung für den potenziellen X-Server-Nachfolger Wayland erheblich ausgebaut. Durch eine der Umbauten lässt sich eine Wayland-Sitzung jetzt sehr einfach über den Anmeldemanager GDM aufrufen. Da es aber immer noch Funktionslücken bei der Wayland-Unterstützung gibt, bleibt diese bis auf weiteres experimentell.

Kurz vor der neuen Gnome-Version haben auch die Entwickler von GTK+ einen neue Version der von Gnome verwendeten Grafikbibliothek veröffentlicht. Unter den neuen Features von GTK+ 3.12 sind Popover, die Informationen oder Bedienelemente zu einem Oberflächenelement in einem Bereich sammeln, der einer Comic-Sprechblase ähnelt und oberhalb des normalen Fensterinhalts angezeigt wird (1, 2, 3).

Das Gnome-Projekt stellt die wichtigsten Neuerungen von 3.12 in einem Video vor.

Einen anderen Blick auf diese und weitere Neuerungen von Gnome 3.12 bietet die Release-Notes des Gnome-Projekts; sie umfassen auch Auflistungen, die Neuerungen bei der Benutzeroberfläche, verbesserte oder neue Apps sowie für Entwickler wichtige Änderungen bündeln.

Einige der bekannten Gnome-Entwickler haben zudem Blog-Einträge geschrieben, in denen sie einige Änderungen detaillierter erläutern; darunter Allan Day sowie Matthias Clasen, der gleich eine ganze Reihe von Blog-Beiträgen verfasst hat (1, 2, 3, 4). Weitere Informationen liefern die beiden in einem Interview, das die von der Linux-Foundation betriebene Webseite linux.com kürzlich veröffentlicht hat. (thl)

Kommentare

Kommentare lesen (59 Beiträge)

Infos zum Artikel

Kapitel
  1. Facelift
  2. Terminal
  3. Oberfläche
  4. Anwendungen
  5. Wayland
  6. Grafikbibliothek
  7. Weitere Neuerungen
59Kommentare
Kommentare lesen (59 Beiträge)
  1. Avatar
  2. Avatar
  3. Avatar
Anzeige

Anzeige

Anzeige