Angriff auf die Festung

Mobile Wimax könnte bald UMTS Konkurrenz machen

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Mit einer Reichweite von mehreren Kilometern für schnelle Internetzugänge schien die Funktechnik Wimax bisher nur so etwas wie der große Bruder von WLAN zu sein. Mit dem neuen „Mobile Wimax“-Standard IEEE 802.16e nehmen Intel & Co. nun die etablierte Mobilfunkindustrie ins Visier.

Das Wimax-Forum, das 420 Mitglieder starke Industriekonsortium hinter dem Standard 802.16e, will den Wettbewerb vom Endgerätemarkt her aufrollen. So wie heute WLAN-Schnittstellen sollen Wimax-Chips demnächst in Laptops, PDAs, iPods und Playstations zu finden sein. Intel hat für die künftigen Centrino-Laptops bereits den „Wimax Connection 2300“-Chipsatz vorgestellt, der die Wimax- und WLAN-Funkschnittstelle in einem System-on-Chip vereint; die Bemusterung des Chipsatzes wird gegen Ende des Jahres starten. Externe Module, das war jetzt auf dem Wimax-Kongress von IQPC Ende März in Berlin zu erfahren, werden schon früher auf den Markt kommen. Das israelische Unternehmen Alvarion, ein Pionier der ersten Stunde und inzwischen eine Art Cisco der Wimax-Branche, lässt seine PC-Card-Adapter derzeit bei AT4Wireless im spanischen Malaga auf Interoperabilität testen, um sie dann mit dem Label „Wimax Forum Certified“ zu vertreiben.

Gemeinsam mit dem taiwanischen Spezialisten für Netzwerkadapter Accton hat die Wimax-Schmiede kürzlich die Accton Wireless Broadband (AWB) gegründet, um gemeinsam den Massenmarkt für Konsumentengeräte zu erschließen. „Wimax wird zu einem Embedded Device“, erklärt Vice President Rudy Leser die Strategie; „Service-Provider sollen sich nicht mehr mit Endgerätesubventionen herumschlagen müssen, wenn sie ihre Dienste vermarkten wollen“. Und wo bisher der Netzzugang mit dem Handy die Freischaltung der SIM-Karte durch den Provider erfordert, sollen die Käufer der Geräte sich künftig ähnlich wie in einen WLAN-Hotspot unmittelbar ins Wimax-Netz einloggen können, wo immer sie eines finden.

Zurzeit gibt es weltweit schon mehr als 180 kommerziell betriebene Wimax-Netze, die auf der Basis des Vorläuferstandards 802.16d („Fixed Wimax“) als Funk-DSL operieren. Doch mit der Mobilvariante stoßen die Player nun auf das Terrain des 4G-Mobilfunks vor, bei dessen Entwicklung bisher die beiden großen Industriekonsortien 3GPP (UMTS) und 3GPP2 (CDMA 2000) den Ton angeben. Einen ersten Durchbruch konnten die Newcomer im vergangenen Jahr verzeichnen, als die Sprint Nextel Corporation den Aufbau eines landesweiten 802.16e-Netzes in den USA ankündigte. Sprint, hinter Cingular und Verizon der drittgrößte US-Mobilfunkanbieter, will in diesem und im kommenden Jahr rund drei Milliarden US-Dollar in die 4G-Technologie stecken und dabei mit Intel, Motorola und Samsung zusammenarbeiten.

Ein vergleichbarer Durchbruch auf dieser Seite des Atlantiks ist nicht so schnell zu erwarten, Europa gilt bislang als UMTS-Festung. In der Bundesrepublik hatten bei der Versteigerung der „Broadband Wireless Access“-Frequenzpakete im Dezember mit Clearwire Europe, Deutsche Breitband Dienste und Inquam Broadband zwar drei Anbieter bundesweite Lizenzen zum Aufbau von Wimax-Netzen im 3,5-GHz-Band erworben, doch nach den Lizenzbedingungen müssen sie sich auf stationäre oder allenfalls nomadische Anwendungen beschränken. Echte Mobilfunkdienste lassen die geltenden Frequenzbereichszuweisungs- und Frequenznutzungspläne in diesem Band nicht zu. In Berlin kündigte der Vertreter der Bundesnetzagentur jedoch an, dass die Regulierungsbehörde beide Dokumente überarbeiten wolle.

Experten glauben ohnehin nicht, dass sich die restriktive Lizenzierung gegen den Druck der Straße lange aufrecht halten lässt. „Im Weihnachtsgeschäft 2008 werden PCs mit Wimax-Centrino der Renner sein“, ist Leser von Alvarion überzeugt; „man wird keine Mauern errichten können, wenn überall Wimax-fähige Endgeräte auf dem Markt sind.“

Für die Bundesnetzagentur wird Wimax so zu einer ersten Nagelprobe, wie weit das in der Brüsseler Radio Spectrum Policy Group vereinbarte WAPECS-Konzept zur Frequenzvergabe in der Praxis trägt. Laut WAPECS (Wireless Access Policy for Electronic Communication Services) soll die Funkregulierung technologie- und dienstneutral erfolgen und im Prinzip jeder Dienst mit jeder Technologie in jedem Frequenzband betrieben werden können, sofern gegenseitige Störungen technisch ausgeschlossen sind. Konkret stehen demnächst Entscheidungen zur Zukunft des sogenannten UMTS-Erweiterungsbandes von 2500 bis 2690 MHz an, das ursprünglich als Frequenzreserve für den digitalen zellulären Mobilfunk gedacht war und auf das jetzt auch das „Mobile Wimax“-Lager ein Auge geworfen hat, weil es in fast allen Weltregionen zur Verfügung steht.

Den UMTS-Betreibern bietet dieses Band die Möglichkeit zur Weiterentwicklung ihrer Netze. Denn die Roadmap des 3GPP-Industriekonsortiums endet nicht mit der Einführung des High Speed Packet Access (HSPA) im Downlink und Uplink (HSDPA beziehungsweise HSUPA). Im nächsten Schritt soll HSPA+ mit fortgeschrittenen UMTS-Modulationstechniken (64QAM im Downlink, 16QAM im Uplink) das Spektrum effizienter nutzen und wie Wimax Datenraten von einigen -zig Megabit pro Sekunde vom und zum Teilnehmer erlauben. Die eigentliche Runderneuerung aber wird in diesem Jahr mit der Standardisierung einer neuen Funkschnittstelle im Rahmen der 3GPP „Long Term Evolution“ (LTE) eingeläutet. Dahinter steht ein Entwicklungssprung, der dem von GSM zu UMTS vergleichbar ist und mit dem das 3G-Camp auf die robusteren OFDM-Verfahren umschwenkt - die Wimax bereits einsetzt.

Der technische Vorsprung von 802.16e relativiert sich jedoch insofern, als sich die etablierten Mobilfunkkonzerne von den Antennenstandorten über das Mobilitätsmanagement bis zu den Abrechnungssystemen auf bereits existierende Netzplattformen stützen können, welche die Wimax-Konkurrenz erst aufbauen muss. „Das Zeitfenster für den Markteintritt könnte knapp bemessen sein“, schätzt daher Stefan Gustafsson von der niederländischen TNO. „LTE steht bisher nur auf dem Papier“, hält Marketing-Stratege Moty Rosenbaum von Alvarion dagegen. „Bei uns gehen die ersten ‚Mobile Wimax’-Produkte schon in die Zertifizierung.“ (uma)

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