Anruf genügt

Intelligente Netze

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Manchmal meldet er sich weder zu Hause noch im Büro oder auf dem Mobilofon: Der gewünscht Gesprächspartner ist zeitweise so schwer erreichbar, dass man ihn nach dem x-ten erfolglosen Anruf mitsamt seinen Telefonen zum Teufel wünscht.


Viele Zeitgenossen verfügen über drei bis vier Rufnummern für private sowie berufliche Festnetz und Mobiltelefone, und so mancher Anrufer muss überlegen, unter welcher Nummer die Wahrscheinlichkeit am höchstens ist, den Gesuchten an die Strippe zu kriegen. Manchmal kommt bei solchen Kommunikationsversuchen auch nur heraus, dass die Handy-Nummer veraltet ist - der Segen, den die heutige Telekommunikation bringt, wird für den Anrufer zum Ärgernis.

Doch ob moderne Nomaden oder nonstop gesprächsbereite Telefon-Junkies, auf die verschiedenen Telefone wollen sie nur schwer verzichten - schließlich soll, ob in der Garage oder im Grünen, kein Anruf, kein Fax und keine Kurznachricht verloren gehen. Dafür müssen sie regelmäßig ihre Sprach- und Faxboxen abfragen, Anrufregister steuern, die nicht angenommene Rufe erfassen und tagaus, tagein Weiterleitungen von einer Nummer auf die andere schalten. Ein Telefonführerschein und penible Sorgfalt beim Warten der Kommunikationsweichen scheinen unumgänglich.

Doch es geht auch bequemer. Ein intelligentes Universalnetz, das sowohl Festnetz- als auch Mobileigenschaften hat, und darüber hinaus jederzeit über den Aufenthaltsort des Teilnehmers im Bilde ist, würde auf einen Schlag mit dem heutigen Wirrwarr aufräumen. Man wäre wie gewünscht mobil, auf Verlangen jederzeit erreichbar und hätte eine einheitliche Bedienung.

Doch da bereits Milliarden von Mark in den Aufbau vorhandener Netze investiert wurden, kann man sie nicht einfach abschalten. Warum auch, denn im Grunde sind die einzelnen Netze Spezialisten, die in bestimmten Anwendungsbereichen ihre Stärken haben. Die Handy-Netze decken den Bedarf des Anwenders nach Mobilität. Im Mittelpunkt steht dabei die Sprachkommunikation. Im Unterschied dazu eignen sich die Festnetze besser für Sprachübertragungen mit hoher Qualität und für Datendienste mit hoher Übertragungsgeschwindigkeit.

Um die Misere zu beseitigen, genügt es, die Netze funktional zu koppeln. Als Bindemittel dient das intelligente Netz IN. Der Begriff beschreibt lediglich eine Netzarchitektur, bei der die Vermittlungs- beziehungsweise Transportfunktionen von der Steuerung der Dienste funktional getrennt werden.

Alle zu einem Dienst gehörigen Funktionen stellen im intelligenten Netz separate Rechner bereit, die logisch gesehen in einer oberen Ebene angesiedelt sind. Diese wiederum steuern das in einer unteren Ebene liegende Transport- und Vermittlungsnetz.

Dieser modulare, hierarchisch gegliederte Netzaufbau hat eine Reihe von Vorteilen. So ist zum Beispiel die Gestaltungsfreiheit bei der Festlegung von Diensten wesentlich größer. Für den Netzbetreiber dürfte die Möglichkeit noch wichtiger sein, diese Dienste weitestgehend unabhängig vom Hersteller des Netzes gestalten und verwalten zu können.


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Funktionsschema des intelligenten Netzes IN: 1. A wählt eine IN-relevante Nummer wie die 0700. 2. Die Vermittlung gibt die Rufdaten an die Rechner des IN weiter. 3. Diese ermitteln in Abhängigkeit von Parametern wie zum Beispiel Quelle, Tag oder Uhrzeit das Ziel und steuern die Vermittlungsstelle. 4. Die Vermittlungsstellen des ISDN schalten daraufhin die Verbindung.

Beispiele für solche Dienste sind die flexible Rufnummerngestaltung, die ursprungs- und zeitabhängige Zielansteuerung, Mechanismen zur Anrufverteilung in Abhängigkeit von diversen Parametern, die Umlenkung von Anrufen zu Alternativzielen in Abhängigkeit von verschiedenen Parametern, Statistiken aller Art, Modelle zur Tarifierung oder auch die Möglichkeit der Steuerung und Konfiguration des Dienstes durch den Anwender.

Das intelligente Netz ist schon heute die Basis für eine ganze Reihe von Telefonmehrwertdiensten wie zum Beispiel Freecall 0800, Shared Cost 0180 oder auch die lebenslange persönliche Rufnummer 0700. Letztere besteht aus dem Prefix 0, der Dienstekennzahl 700 sowie der achtstelligen Teilnehmernummer. Eine solche Nummer gewährt Zugänge zu und von allen Telekommunikationsnetzen, unabhängig vom Standort, vom Endgerät oder dem Übertragungsmedium.

Sie bleibt unabhängig von Umzügen erhalten, auch beim Wechsel der Telefongesellschaft. Möglich gemacht wird das durch die Benutzer-definierte Anrufweiterschaltung: Wie ein Spürhund sucht ein Anrufmanager nach einem vorher definierten Profil den Nummern-Inhaber - zum Beispiel erst zu Hause, dann auf dem Handy, dann im Wochenendhaus. Wenn gar kein Anschluss zu bekommen ist, schaltet sich die Mobilbox an.

Da der gesamte Rufnummernraum in Deutschland Eigentum der Bundesrepublik ist, müssen Interessenten ihre persönliche Rufnummer bei der Regulierungsbehörde gegen 62,50 Euro Gebühr beantragen. Doch trotz der unbestreitbaren Vorteile kommt die Sache nur schwer in Schwung. Während sich neben der mittlerweile berüchtigten 0190 auch die Servicenummern 0180 und 0800 allmählich in Deutschland verbreiten, nimmt kaum jemand Notiz von Nummern mit der Vorwahl 0700. Fünf Jahre nach dem Start der so genannten Mehrfachnummer im Jahr 1998 hat die zuständige Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation in Bonn gerade einmal 84.500 dieser Nummern vergeben. 100 Millionen hat die Behörde reserviert. "Am Bekanntheitsgrad der Nummern könnte noch gearbeitet werden", stellt Harald Dörr, Sprecher der Regulierungsbehörde, nüchtern fest.

Mit anderen Worten: Kaum jemand weiß, was sich hinter der unscheinbaren Vorwahl verbirgt. Und das, obwohl die Telekommunikationsanbieter - unter ihnen die Deutsche Telekom in Bonn sowie die privaten Anbieter Mobilcom in Büdelsdorf (Schleswig-Holstein), 1&1 in Montabaur (Rheinland-Pfalz) und Extracom in München - seit Jahren kräftig die Werbetrommel für die 0700 rühren. Vorteile für die 0700 gebe es genug, so die Betreiber unisono. Der ihrer Ansicht nach größte: Mit der "persönlichen Rufnummer" soll kein Anruf mehr verloren gehen.

An der geringen Vermehrung hat auch die Tatsache wenig geändert, dass Kunden mehrere Nummern beantragen können, zum Beispiel eine für das Telefon und eine für den Faxanschluss. Als weiteres Extra haben sich die Betreiber die freie Wunschnummernwahl ausgedacht. Der Inhaber einer 0700er-Nummer kann sich die acht Stellen nach der Vorwahl selbst auswählen. Vorausgesetzt, die Nummer ist noch nicht vergeben, sagt 1&1-Sprecherin Ingrun Senf. Einfache Kombinationen wie 0700-12345678 oder 0700-99999999 seien längst weg. Die 0700er sind zudem "vanity-fähig". Das heißt: Statt Zahlen kann sich der Nummern-Inhaber auch Buchstaben aussuchen, die leichter zu merken sind. Zum Beispiel entspricht MeinName der Rufnummer 63 46 62 63. Bei der Wahl solch einprägsamer Rufnummern sind so genannte Vanity-Rechner behilflich.

So praktisch der Service für den Inhaber ist, der größte Nachteil ist der Preis der 0700er Nummern. Neben der Anmeldegebühr fallen monatliche Grundgebühren an, die je nach Anbieter zwischen 4 und 13 Euro variieren. Einige Anbieter wie die Telekom verlangen zudem noch eine zusätzliche Anschlussgebühr.

Doch damit geht das Rechnen erst richtig los: Nur die Umleitung von Anrufen ins nationale Festnetz ist kostenlos. Sobald aber der Anrufmanager das Gespräch aber auf das Handy weiterleitet, werden Gebühren zwischen 13 und 25 Cent pro Minute für den Rufnummerninhaber fällig. Ins Ausland wird es noch teurer. Daneben fallen bei einzelnen Anbietern auch Kosten für die Benachrichtigungsfunktion der Mailbox an. Bei Mobilcom wird beispielsweise jeder, der die Stimme der automatischen Anrufweiterleitung verschmäht und lieber eine persönliche Begrüßung aufsprechen möchte, mit 25,56 Euro zur Kasse gebeten. Damit ähnelt der 0700er Dienst den Mobilfunkanschlüssen, wenngleich die Kosten für den Anrufer nicht gar so hoch sind.

Auch die Konfiguration des Anrufmanagers lassen sich die meisten Anbieter bezahlen. Wer häufiger neu definieren will, wann er wo unter welcher Nummer zu erreichen ist, muss zahlen. Es sei denn, er hat einen Internetzugang. Dann bleibt die Aktualisierung der wichtigen Anrufdaten kostenfrei. Solch einen Service bieten zum Beispiel die privaten Telekommunikationsanbieter Extracom und 1&1.

Nicht so viel rechnen muss dagegen derjenige, der eine 0700er-Nummer anruft - weil er nie wissen kann, wo sich der Angerufene gerade befindet. Der Anrufer bezahlt nur den Preis für eine Festnetzverbindung. Aus dem Festnetz der Telekom sind das zum Beispiel in der Hauptzeit von 9 bis 18 Uhr 12 Cent pro Minute, in der Nebenzeit von 18 bis 9 Uhr fallen 6 Cent Kosten pro Minute an. Dennoch ist der 0700er-Anschluss nicht immer der direkte Draht. Der Anrufer wird womöglich auf eine Geduldsprobe gestellt: Erst Festnetz daheim, dann Handy und dann vielleicht noch im festen Zweitwohnsitz auf Mallorca. Der Anrufer hört es nur klingeln...

Überall und ständig erreichbar zu sein, hat mit der 0700er-Nummer bislang noch einen hohen Preis. Wie hoch, ist für den Kunden wegen der vielen Weiterschaltungstarife nicht immer leicht durchschaubar. Für den Normalverbraucher reichen Festnetzanschluss und Handy meist vollkommen aus.

"Es gibt einfach zu wenig hochmobile Personen, die diesen Service derzeit benötigen", hat auch Christian Dittmann, Sprecher des Telekommunikationsanbieters Arcor in Eschborn festgestellt. Die Konsequenz hat Arcor, 1998 der erste Anbieter von 0700er-Nummern, bereits gezogen: Seit Anfang des Jahres bietet das Unternehmen den Service nicht mehr an. Christian Dittmann: "Es hat sich einfach nicht rentiert". (em)

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