Apples Handy wird erwachsen

Ein erster Blick auf iPhone OS 3.0

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100 neue Funktionen und 1000 neue API-Routinen - im iPhone-Betriebssystem 3.0 rüstet Apple vieles nach, was Anwender und Entwickler bislang vermissten.

Die systemweite Suche des iPhone OS 3.0 findet unter anderem Programme, Termine, E-Mails, Notizen und Musikstücke.

Seit Erscheinen des ersten iPhone bemängeln Nutzer das Fehlen einer Zwischenablage. Sie dürften mit der Lösung mehr als zufrieden sein, die Entwickler in der Betaversion von iPhone OS 3.0 bereits testen dürfen: Doppeltes Tippen auf ein Wort markiert dieses; über zwei Marker kann man die Auswahl erweitern oder verkleinern. Die jeweils anwendbaren Funktionen, zum Beispiel Kopieren, Ausschneiden oder Einsetzen, erscheinen in einer kleinen sprechblasenartigen Palette. Während all das systemweit in jedem Textfeld funktioniert, lassen sich andere Inhalte nur nach Programmänderungen transportieren. Apples E-Mail-Anwendung kann bereits Fotos aus der Zwischenablage einfügen. Beim Schütteln des Geräts öffnet sich ein Dialog, in dem man die letzte Aktion widerrufen oder erneut ausführen kann.

Zwar beherrscht das iPhone von Anfang an Multitasking und unsichtbare Hintergrundprozesse (daemons), Apples SDK bietet aber keine Möglichkeiten, solche zu erstellen. Tests mit Windows Mobile, Blackberry und Symbian hätten ergeben, dass Hintergrundprozesse die Akkulaufzeit um mindestens 80 Prozent verringern. Die Push Notifications, die schon vor einem halben Jahr angekündigt wurden und in iPhone OS 3.0 integriert sind, reduzieren sie hingegen um nur 23 Prozent, so Apple. Sie können echte Hintergrundprozesse zwar nicht ersetzen, geben einem Server aber immerhin die Möglichkeit, quasi ständig mit seinem iPhone-Client verbunden zu bleiben.

Reißt beispielsweise eine Chat-Verbindung ab, weil der Anwender einen Anruf entgegennimmt, informiert der Chat-Server den Apple-Server über die Anzahl neuer Nachrichten (nicht deren Inhalt). Der Apple-Server wiederum leitet diese Info an den Push-Notifications-Hintergrunddienst auf dem zugehörigen iPhone weiter, der die Zahl als Etikett ans Symbol des Chat-Clients klebt. Optional präsentiert er einen Dialog oder spielt ein akustisches Signal ab. Für das Abholen der Nachrichten muss der Chat-Client beim nächsten Start selbst sorgen.

Hilfreich ist auch die neue Spotlight-Suche, die sich in allen Apple-Programmen von iPhone OS 3.0 findet und die man als zentrale Funktion über den Home-Bildschirm erreicht. Wie bei Mac OS X kann man damit systemübergreifend Daten – Adressen, Mails, Notizen oder Musikmetadaten – durchsuchen und Anwendungen finden.

Erfreulicherweise beherrschen nun alle Apple-Programme das Querformat, das der Bildschirm anzeigt, wenn man das iPhone dreht. Im Aktienprogramm profitiert man beispielsweise von einer größeren Kursgrafik, in Mail von größeren Tasten.

Dem Bluetooth-Stack hat Apple nach eigenen Angaben nun alle wichtigen Protokolle spendiert, darunter A2DP zum drahtlosen Einsatz von Stereokopfhörern. Auf Apples Präsentation der neuen iPhone-Software gab es ein Blutzuckermessgerät zu sehen, das seine Ergebnisse per Bluetooth an das iPhone übermittelte. Über dieselbe Technik funktioniert auch die Spontanvernetzung zweier iPhones per Bonjour, eine weitere Software, die man vom Mac kennt. Mit passender Software können iPhone-Besitzer ohne Vermittlungsstelle Daten austauschen oder Programme gemeinsam nutzen, etwa um zu spielen oder – wie von den Ocarina-Entwicklern gezeigt – im Duett zu musizieren.

Erstmals klappt auch die Verwendung des iPhone als Modem, etwa am Notebook. Die Fähigkeit muss allerdings pro Mobilfunknetz per Konfigurationsdatei freigeschaltet werden. Apple führt derzeit Gespräche mit Providern, um deren Erlaubnis einzuholen.

Drittanbieter dürfen nun per Software auf den Dock-Connector zugreifen, um mit externer Hardware zu kommunizieren. So gab es eine Equalizer-Software zu sehen, welche das angeschlossene Boxensystem steuerte.

Vor einigen Monaten sorgte eine Navigationslösung für gehackte iPhones für Furore. Mit iPhone OS 3.0 nimmt Apple solchen inoffiziellen Lösungen den Wind aus den Segeln. Eine Verwendung des Handys zur Turn-by-Turn-Navigation ist in den neuen Lizenzbedingungen gestattet. Das Kartenmaterial müssen Hersteller allerdings selbst beisteuern oder von Kartenanbietern lizenzieren; gratis verwenden darf man etwa die Inhalte der Kartenapplikation (Maps) nicht, obwohl Apple auch deren API offengelegt hat.

Hersteller datenintensiver Anwendungen dürften das neu von Mac OS X portierte Core-Data-Framework begrüßen, mit dem sich aufwendige Anwendungen bei geringer Codegröße erstellen lassen. Auch Kleinigkeiten wie eine neue Klasse, um E-Mails ohne Hilfe des Mail-Programms einzugeben und zu versenden, dürften von den mehr als 50 000 registrierten iPhone-Entwicklern gerne angenommen werden. Im App Store können sie künftig auch Inhalte für ihre Programme offerieren, zum Beispiel Lesestoff für einen E-Book-Reader oder Gegenstände für ein Spiel. Wie schon bei den Programmen behält Apple 30 Prozent des Umsatzes ein.

Das finale iPhone OS 3.0 soll „im Sommer“ erhältlich sein – einen genauen Termin nennt Apple bislang nicht. iPhone-Anwender sollen das Update kostenlos erhalten, für den iPod touch wird es 9,95 US-Dollar kosten.

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