Audio-Discurs

Statt Vinyl und Kassette: die eigene Audio-CD-Manufaktur

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Da hatte sich doch Santanas Samba pa ti mal wieder ins Radio verirrt und Erinnerungen an die Jugend geweckt. Mehr davon, flugs die CD gesucht. Doch die fehlt in der Sammlung. Richtig, die habe ich ja nur auf einer Vinyl-LP. Da hat man nun eine Infrastruktur aus sechs CD-Playern in Wohnung und Auto etabliert, und dann das. Das Zeug muß dringend auf eine CD!

Die eigene Audio-CD
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Werkzeuge zur Klangbearbeitung Seite 134
Audio-Fachbegriffe Seite 148
Vergleichstest Sound-Editoren Seite 154
Digital-Audio Neuheiten: MP3, Super CD, DVD Audio Seite 242

Immerhin habe ich ja noch einen betriebsbereiten Plattenspieler. Und obwohl er 'unter Glas' steht, wird er auch alle zwei Jahre entstaubt. Richtig gelesen, entstaubt; benutzen ist viel zu umständlich:

LP gründlich mit Spezialtuch abwischen, vorsichtig auf den Plattenteller legen, die mitlaufende, geerdete Carbonfaserbürste auflegen, den Tonarmlift hoch, den Motor anwerfen, vorsichtig aufsetzen - und nach zwanzig Minuten schon wieder vom Sofa hoch und die Scheibe umdrehen. Ständig muß ich aufpassen, daß die Katzen nicht aufs HiFi-Rack springen, weil der rotierende Plattenteller sie magisch anzieht. Dann die dürftige Qualität. Nostalgische Plattenknackser auf einer Portishead-CD finde ich amüsant, die Originalgeräusche der LP nicht.

Seit CD-Player fürs Auto erschwinglich sind, entfällt bei mir endlich auch das zeitraubende Aufnehmen auf Musikkassette. Die Audio-CD war damit bereits vor dem Aufkommen des CD-Brenners für mich - und vermutlich viele andere - sozusagen zur Universal-Musikkonserve geworden.

Mit dem CD-Brenner eröffnen sich jetzt aber noch ganz andere Möglichkeiten, zum Beispiel die vorhandenen, sperrigen schwarzen Scheiben in Eigenarbeit ins handliche CD-Format zu überführen. Für PC-Besitzer sieht die Rechnung verlockend aus: 600 Mark für den Brenner, drei Mark für jeden Rohling. Im Prinzip taugt für diese Aufgabe jeder heutige PC mit Soundkarte. Daneben kann ein PC mit CD-Writer auch CD-ROMs etwa für Backup-Zwecke brennen.

Wer sich statt dessen einen Brenner aus dem HiFi-Laden kauft, muß für weniger Funktionalität derzeit mindestens 700 Mark hinblättern. Und er ist meist auf die bis zu 10 Mark teuren Rohlinge mit Audio-Signatur angewiesen (im Preis sind GEMA-Abgaben enthalten, mehr dazu ab Seite 134).

Ein weiteres Plus verbucht die PC-Lösung dadurch, daß der 'Producer' mit ihr das digitalisierte Musikmaterial komfortabel nachbearbeiten kann. Das Rumpeln läßt sich ausfiltern; Knistern und Rauschen können sogenannte Denoiser und Declicker entfernen - richtig angewendet gewinnt das Resultat um Klassen mehr Qualität.

Aufnehmen und erst recht eine gute Nachbearbeitung kosten aber Zeit und Mühe. Mancher, der die ersten Stunden damit am PC verbracht hat, wird bald erkennen, daß das Nachkaufen auf CD die wiedergewonnene Freizeit aufwiegt, zumal gerade ältere Pop-Scheiben selten mehr als 15 DM kosten. Wenn sich überdies echte Profis bei einer kommerziellen CD-Produktion ins Zeug legen, dann hat der Heim-Produzent auch mit Super-Plattenspieler und digitaler Nachbearbeitung keine Chance, deren Qualität zu erreichen.

Für die meisten dürfte es daher interessanter sein, einzigartiges Material aufzubereiten und zu konservieren: die 30 Singles, die sich noch nicht wieder auf CD-Samplern angefunden haben; Uraufführungen zeitgenössischer Werke, aufgenommen vom heimischen Regionalsender, die es nicht als Konserve zu kaufen gibt. Landläufige 45-Minuten-LPs passen zusammen mit verstreuten Singles locker auf einen 74-Minuten-Rohling. Und nicht zuletzt sind jede Menge eigener Sampler möglich, die Material von Vinyl, Kassette, Tonband und CD auf einer selbstgemachten Audio-CD vereinen.

Echte Vinyl-Fans trauen sich immer seltener, ihre kostbaren und nicht mehr wiederbeschaffbaren Lieblinge der 'abspanenden' Prozedur durch die mechanische Abtastung mit dem Diamanten zu unterziehen. Für diese Klientel ist das Überspielen auf CD die Lösung: Alle liebgewonnenen Details, vom Staubgeknister bis zum Röhrenverstärker-Sound, können 'naturgetreu' aufgezeichnet werden.

Solange man nicht gerade die wenig geschützte Metallschicht an der Oberseite der CD mit dem Bleistift graviert oder mit Tesafilm abzieht, sind die gepreßte und die selbstgebrannte CD recht hart im Nehmen. Anders als LP und Kassette werden sie verschleißfrei (optisch, also ohne mechanische Berührung) abgespielt, so daß man erwarten darf, daß sie nach 10 Jahren noch genauso klingen wie am ersten Tag. Da können weder Revox-Bänder noch Dolby-C-Kassetten mithalten. Ebenso müssen die Rillen einer Vinyl-Platte der Fräswirkung des Abtastdiamanten auf Dauer Tribut zollen.

Ein weiterer, wesentlicher Vorzug der CD besteht darin, daß sich das einmal digitalisierte Material immer wieder verlustfrei kopieren läßt. Daß die Medienbranche das verlustfreie Kopieren durch Anwender scheut wie der Teufel das Weihwasser, zeigen zum Beispiel die Querelen um den Kopierschutz für die DVD. Vor diesem Hintergrund ist es fast schon ein Wunder, daß noch niemand einen effizienteren CD-Kopierschutz nachgeschoben hat, denn das Serial Copy Management System (SCMS) von DAT und CD ist auf dem PC wirkungslos und läßt sich auch bei HiFi-Komponenten leicht austricksen. Vermutlich sucht die HiFi-Industrie bereits ihr Heil in der nächsten CD-Qualitätsgeneration wie Super Audio CD oder DVD Audio (dazu mehr ab Seite 242).

Der beste Kopierschutz besteht aber immer noch darin, daß jede Kopie schlechter ist als das Original. Bei allen analogen Aufzeichnungsverfahren ist das gewährleistet - der handelsübliche VHS-Videorecorder ist dafür ein Musterbeispiel. Aber auch mit digitalen Verfahren läßt sich dieser Effekt erreichen. Sonys MiniDisc, die uns die HiFi-Industrie derzeit so ans Herz legt, fällt in diese Kategorie, ebenso übrigens DCC, der mittlerweile aufgegebene digitale Kassettenrecorder von Philips. Einzig DAT-Recorder sind neben CD-Systemen zu einer verlustfreien, bitgenauen 1:1-Kopie in der Lage. Doch DAT hielt die Musik-Industrie durch Hochpreispolitik erfolgreich vom Consumer-Markt fern. Heute ist die selbstgemachte CD so viel attraktiver - schon wegen der quasi überall anzutreffenden Abspielmöglichkeiten -, daß von DAT keine Massenkopiergefahr mehr ausgehen wird.

Auch wenn uns die Werbung weismachen will, daß die MiniDisc CD-Qualität bietet, so unterscheidet sie sich doch deutlich von der CD: Eine Audio-CD mit 60 Minuten Spielzeit enthält 600 MByte Audio-Daten, eine 60-Minuten-MiniDisc hingegen nur 130 MByte.

Um Musikdaten derart kräftig 'eindampfen' zu können, reichen verlustfreie Kompressionsverfahren, wie sie von Packern à la Zip oder Arj bekannt sind, nicht aus. Vielmehr wird Klangmaterial nach gehörpsychologischen Gesichtspunkten irreversibel weggelassen: Wozu speichern, was eh keiner hören kann? Grundsätzlich ist gegen diese Argumentation nichts einzuwenden, und mit MP3 (siehe Seite 242) boomt dieses Konzept gerade im Internet. Nicht zu vergessen, daß auch alle digitalen Rundfunk- und Fernsehverfahren auf ähnliche Art vorgebliche CD-Qualität durch die Kanäle quetschen.

Doch egal, wie man dazu steht: MiniDisc ist nicht gleich CD. Hinzu kommt, daß der Anwender - anders als etwa bei MP3 - nicht zugunsten einer höheren Qualität eine geringere Aufnahmekapazität wählen kann. Bei den ersten MiniDisc-Recordern, die kaum die Qualität eines guten Kassettenrecorders erreichten, war das ein ernstes Problem.

Doch auch wer sich mit der Qualität der heutigen MiniDisc arrangieren kann, erlebt spätestens beim 'digitalen' Kopieren eine Überraschung: Der aufnehmende MiniDisc-Recorder dreht jedes eingehende Musikmaterial durch die Datenreduktionsmühle, also auch die bereits reduzierten digitalen Daten eines anderen MiniDisc-Recorders. Wenn Sie etwa aus einigen Stunden Radio- oder Live-Mitschnitt hernach die Rosinen rauspicken, kopieren Sie bereits wieder verlustbehaftet. Wenn schon reduzieren, dann besser mit MP3, das - zumindest beim Einsatz auf dem PC - das verlustlose Kopieren einmal eingedampfter Sound-Dateien erlaubt.

Das bitgenaue Kopieren einer Audio-CD ist allerdings in der Praxis nicht ganz so einfach, wie es bei einem digitalen Medium eigentlich zu erwarten steht. In neun von zehn Fällen, in denen uns Leser berichten, daß ihr CD-Brenner nur Audio-CDs mit Störgeräuschen produziert, steckt in Wirklichkeit ein Problem beim digitalen Auslesen aus dem CD-ROM-Laufwerk dahinter. Was sich dagegen tun läßt, erfahren Sie im folgenden natürlich auch.

Aber auch das Einspielen von Vinyl-LPs ist nicht ohne Tücken. HiFi-Spezialisten fallen üblicherweise auf Werbeversprechen der PC-Industrie herein: Zusammenstecken, einschalten, läuft. Doch wer das Zusammenspiel von HiFi-Gerätschaft als Maßstab zugrunde legt, der erlebt am PC einen Schock nach dem anderen: Soundkarten, die sich nicht konfigurieren lassen, CD-Recorder, die erst nach dem dritten Treiber-Update laufen; der völlig unbrauchbare Windows-eigene Sound-Recorder, der zudem keine Audio-CDs digital auslesen kann.

Reine PC-Spezialisten auf der anderen Seite schließen Plattenspieler ohne Entzerrervorverstärker direkt an den Mikrofon-Eingang der Soundkarte an und wundern sich über den schrillen Klang. Die, die das berücksichtigen und die Soundkarte an den Tape-Ausgang des Receivers anschließen, kämpfen statt dessen gegen Brummstörungen. Der nachfolgende Artikel befaßt sich ausgiebig mit solchen Problemen bei den Klangquellen.

Danach geht es um die Software. Wann ist zum Beispiel Filtern angesagt? Ist es sinnvoll, das Material nachzubearbeiten, etwa um den Pegel schlecht ausgesteuerter Digitalaufnahmen anzuheben? Wie bekommt man Knackser und Knistern nachträglich weg, wie das Rauschen einer Musikkassette? Ein PC mit Sound-Editor stellt heute ein tolles Werzeug zur digitalen Musikbearbeitung dar. Doch ebensowenig, wie man durch die Anschaffung einer Hebebühne zum Kfz-Mechaniker wird, macht einen der bloße Besitz eines Sound-Editors zum Toningenieur. Zwar kann man am PC durch Herumprobieren keinen Schaden anrichten, aber ein bißchen Einstiegshilfe verringert den Frust erheblich. (gr)