Auf Beutelzug

@ctmagazin | Editorial

Auf Beutelzug

Hannover, Mitte März: Im riesigen Stadtwald Eilenriede erwacht die Natur aus ihrem Winterschlaf; ein Meer aus weißen Buschwindröschen überzieht den Boden, die ersten Zugvögel kehren zurück. Etwas südlicher, auf dem Messegelände, ist jetzt der alljährliche Zug einer anderen Spezies zu beobachten, der Zug der Beutelratten.

Die Rede ist nicht von den possierlichen Nagern der Familie Didelphida, die in den Wäldern und Steppen Amerikas heimisch sind; gemeint ist vielmehr eine ganz spezielle Abart der Spezies Homo sapiens. Ihre Vertreter strömen in zehntausenden Exemplaren auf das Messegelände, durchstreifen die Gänge und Hallen systematisch nach Buntem, Lärmendem und Blinkendem und stopfen alles in ihre großen Taschen, was sie in die Hände bekommen, vom Kugelschreiber über das Mousepad bis zum Drachen.

Auch wenn’s das Standpersonal nervt, das der Laufkundschaft den verächtlichen Namen verpasst hat: Dieses Jahr dürften die Beutelratten wieder deutlicher das Bild der Messe prägen als bei der CeBIT 2003. Denn die Branche erholt sich; wenn man den Auguren glauben darf, steht ihr im laufenden Jahr ein Umsatzwachstum von mehr als drei Prozent bevor (siehe Seite 18). So lohnt es sich auch wieder Geld für Markting auszugeben, insbesondere für eine Form, bei der tausende freiwillige Hilfskräfte bereitstehen, die Werbebotschaften kostenlos per XXL-Papierbeutel oder Ballon durch die Hallen zu tragen.

Man darf also wieder wetten, wo die interessantesten Gimmicks abzustauben sein werden, sprich: Wo dichte Menschentrauben an Werbegeschenke-Tresen die normale Fortbewegung durch die Hallen am nachhaltigsten beeinträchtigen. Die Mobilfunkbetreiber sind heiße Kandidaten, müssen sie nach milliardenschweren Investitionen jetzt Kunden für ihre UMTS-Netze gewinnen. Auch die Hersteller von DVD-Medien und -Geräten, die derzeit einen Wettstreit um das Format für die DVDs der nächsten Generation austragen, und die Prozessorhersteller, die ihre 64-Bit-Architekturen vorstellen, dürften sich nicht lumpen lassen.

Wer also nach einem CeBIT-Tag wie in den besten Jahren Jo-Jo, Regenschirm, Aufkleber, Bälle, Kugelschreiber, Trinkflaschen et cetera aus seinen großen Taschen fischt, kann gleich aus zwei Gründen zufrieden sein: Der Branche geht es wieder gut - und er hat seinen Beitrag zu ihrer Prosperität geleistet.

Jo Bager

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