Auflösungserscheinungen

In neuen Lesegeräten sollen E-Books neben Büchern bestehen können

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Elektronisches Publizieren, allen voran E-Books, war eines der Kernthemen auf der Frankfurter Buchmesse. Neue Lesegeräte sollen den E-Book-Markt ankurbeln und mit neuen Strategien drängt die IT-Branche in die Verlagswelt.

Bislang gibt es auf dem US-Markt nur die Lesegeräte SoftBook und Rocket eBook, in Deutschland kann man nur das Rocket eBook kaufen. Das Lesematerial fällt hierzulande mit rund 600 E-Books äußerst dürftig aus und nur wenige Leser sind bereit, ihre Bücher gegen ein Kästchen mit Display einzutauschen.

Scheinbar im krassen Gegensatz zu dieser trüben Bestandsaufnahme waren die Themen elektronisches Publizieren und E-Books auf der Buchmesse präsent wie noch nie zuvor: Gemstar eBook und Franklin Electronic Publishers haben neue Lesegeräte vorgestellt, Adobe kauft Firmen wie Glassbook auf, um den Anschluss an den Massenmarkt nicht zu verpassen, E-Book-Online-Shops buhlen um Verlage und sind trotz des mageren Leseangebotes guten Mutes - und über allem glänzte der Frankfurt eBook Award, einer der höchstdotierten Literaturpreise überhaupt, verliehen für die besten E-Books.

IT-Unternehmen und Verlage sind sich darin einig, dass am elektronischen Publizieren und an E-Books in Zukunft kein Weg vorbei führt. Damit enden die Gemeinsamkeiten der beiden Interessengruppen auch schon. Wann immer über E-Books diskutiert wird, kommen drei Punkte kontrovers zur Sprache: Wie bleibt das Urheberrecht gewahrt, wie umfangreich ist das Lesematerial und taugt das Lesegerät als Buchersatz?

Zu allen Themen hat Gemstar eBook einiges zu sagen, denn dieses Unternehmen wird aller Voraussicht nach den E-Book-Markt allein wegen der zukünftig großen Zahl der E-Book-Lesegeräte dominieren. Mit zwei neuen Readern, REB1100 und REB1200, will Gemstar eBook den dahindümpelnden Markt für elektronische Bücher in Schwung bringen.

Das REB1100 hat ein Graustufen-Display und sieht dem einzigen in Deutschland verfügbaren Lesegerät, dem Rocket eBook, ähnlich, ist aber leichter und etwas dünner. Im Unterschied zu diesem ist es mit einem V.34-Modem ausgestattet, damit man E-Books auch ohne den Anschluss am PC laden kann. Die E-Books werden dann nicht mehr wie bisher am Rechner verwaltet, sondern auf dem Gemstar-Server. Trotzdem stehen für die PC-Kommunikation noch ein serieller Anschluss und IrDA zur Verfügung, um etwa eigenes Material zum REB1100 zu senden. Wem die 8 MByte für rund zwanzig Bücher nicht ausreichen, der kann das Lesegerät mittels einer SmartMedia Card bis maximal 72 MByte aufrüsten. Das Gerät kostet ohne Erweiterung 300 US-Dollar. Es soll zwar irgendwann einmal MP3-Dateien abspielen können, doch konnte Gemstar nur Geräte ohne diese Funktion vorführen.

Die Ähnlichkeit zum Rocket eBook kommt nicht von ungefähr, denn schließlich gehört der Rocket-eBook-Hersteller NuvoMedia jetzt zu Gemstar. Während NuvoMedia noch zur Kategorie der Startup-Firmen zählt, spielt Gemstar in einer anderen Liga: Das Mutterhaus Gemstar TV-Guide rangiert unter den Nasdaq Top 100. Und Ableger Gemstar eBook kleckert nicht, sondern klotzt: Hersteller der neuen Lesegeräte ist der Konzern Thomson Multimedia, der die E-Book-Reader fertigen und diese unter seinem etablierten Markennamen RCA im Markt platzieren will. Der Hersteller hat sich verpflichtet, mehrere Millionen Geräte zu liefern. Angesichts der weltweit rund 10 000 bis 50 000 Lesegeräte, die derzeit in Umlauf sind, ist das eine beachtliche Zahl.

Gemstar eBook will sich weniger mit Hardware abgeben, sondern sich auf das Lizenzgeschäft mit den Verlagen konzentrieren: Letzten Endes soll mit dem Verkauf der E-Books und weniger mit dem der Lesegeräte Geld in die Kassen kommen. Mit der kürzlich erfolgten Übernahme des französischen E-Publishers 00h00.com will Gemstar eBook seine Aktivitäten auch nach Frankreich ausweiten.

Das REB 1200 hat ein Farbdisplay, ist etwa so groß wie ein Hardcover-Buch und soll das ausschließlich in den USA verkaufte SoftBook ablösen. Auch dessen Hersteller SoftBook Press hat sich Gemstar einverleibt. Das REB1200 hält sowohl über ein Modem als auch über einen Ethernet-Anschluss Verbindung nach außen und bietet zur Speichererweiterung einen CompactFlash-Steckplatz. Das Farb-Display ist wie beim REB1100 als Touchscreen ausgelegt, mit dem Wörter markiert und Anmerkungen dazugeschrieben werden können. Zwei seitlich angebrachte Rädchen stellen Helligkeit und Kontrast des Bildschirms ein.

Gerade das Farb-Display zeigt die heutigen Grenzen der Technik auf. Neigt man das REB1200, verändern sich zunächst die Farben, und der Kontrast wird schließlich so schlecht, dass man nichts mehr erkennen kann. Zudem reicht die Auflösung nicht, um Grafiken und Diagramme darzustellen, wie die von Gemstar selbst mitgebrachten E-Books zeigen. Von der Papierqualität ist die Hardware-Entwicklung noch weit entfernt und das roll- oder faltbare Anzeigemittel, ob als E-Paper (www.parc.xerox.com/dhl/projects/gyricon) oder als organisches Display, wird als E-Book-Anzeige noch Jahre bis zur Serienfertigung brauchen. Das Graustufen-Display im REB1100 macht mit eingeschalteter Hintergrundbeleuchtung dagegen einen vorzüglichen Eindruck und lässt auch Mammutsitzungen zu - sofern man sich daran gewöhnt hat, auf eine Glasscheibe zu schauen, die auf einem Plastikkästchen sitzt.

Das Lesematerial für die neuen Geräte muss direkt oder indirekt (über einen Online-Shop) vom Gemstar-eBook-Server geladen werden. Gemstar eBook verschlüsselt ein E-Book gerätespezifisch, sodass kein anderes Lesegerät die Datei anzeigen kann. Damit untersagt die Firma dem Kunden, ein E-Book zu verleihen - und wer ist schon bereit, sein Lesegerät herzugeben. Mit weniger strikten Sicherheitsvorkehrungen hätte man die Verlage nicht davon überzeugen können, Lesematerial zur Verfügung zu stellen, heißt es. Mit anderen Worten: Um die zögerlichen Verlage dazu zu überreden, endlich ausreichend elektronische Bücher bereitzustellen, bevormundet man die Leser.

Bislang gibt es in Deutschland nur wenige hundert verfügbare Titel und wenig mehr als tausend Rocket eBooks. NuvoMedia lieferte hierzulande einfach nicht genügend Lesegeräte, um den Bedarf zu decken. Mit Gemstar und Thomson Multimedia könnte das E-Book-Geschäft jedoch durchstarten. Die beiden Lesegeräte sollen noch dieses Jahr in den USA verkauft werden und nächstes Jahr nach Europa kommen.

Der hohe Preis der Lesegeräte ist einer der Hemmschuhe, denn 700 oder 1500 Mark für das REB1200 gibt man nicht im Vorbeigehen aus. Dazu kommt der Preis für das Lesematerial. Bislang sind E-Books etwa so teuer wie die gedruckten Ausgaben, mit Ausnahmen nach oben (!) und nach unten. Mit Exklusiv-Deals, bei denen Belletristik von Starautoren zuerst als E-Book und erst 30 bis 60 Tage später als gedrucktes Werk erscheint, will Gemstar eBook Anreize für das elektronische Lesen schaffen. Mit dabei sind unter anderem Ken Follett mit ‘Code to Zero’ von Penguin Putman, James Patterson mit ‘Roses are Red’ von Warner Books und Robert Ludlum mit ‘Prometheus Deception’ von St Martin’s Press.

Es ist schwer, der Phalanx aus Gemstar eBook und Thomson Multimedia etwas entgegenzusetzen. Die französische Startup-Firma Cytale versucht es dennoch. Cytale brachte ein E-Book-Lesegerät mit zur Buchmesse, das bereits Ende November verkauft werden soll. Zunächst ist nur Frankreich anvisiert, doch man strecke die Fühler auch nach anderen Ländern aus, könne beziehungsweise wolle aber noch keine definitiven Aussagen machen, meinte CEO Olivier Pujol gegenüber c't auf der Buchmesse.

Das Cybook ist so breit wie eine DIN-A4-Seite, aber rund 5 cm kürzer. Die vier Bedienknöpfe zum Blättern und als Shortcut zu Einstellungsmenüs sind auf der Rückseite versteckt. Cytale entschied sich für ein Farb-LC-Display mit Touchscreen und Hintergrundbeleuchtung, weshalb die angegebene Betriebszeit nur fünf Stunden beträgt. Das Gerät soll 620 US-Dollar und damit 80 US-Dollar weniger als das Konkurrenzprodukt REB1200 kosten. Das ausgestellte Modell funktioniert, ist aber noch zu langsam: Beispielsweise benötigen Menü-Aufrufe bis zu zehn Sekunden, die gesamte Bedienung ist noch zu träge. Hier muss sich bis zur Vorstellung der Seriengeräte noch was tun. Insgesamt hinterließen die Vorführgeräte noch den Eindruck von Prototypen.

Ähnlich wie Gemstar eBook sieht Cytale als Format XML oder den E-Book-Standard OEB vor. Doch im Gegensatz zu den Gemstar-E-Books erlaubt Cytale den Leseratten, ihr Lesefutter zu verleihen oder zu tauschen. Um trotzdem die Forderungen der um ihre Urheberrechte bangenden Verlage zu befriedigen, geht das Cybook seinen eigenen Weg - und zwar am PC vorbei. Der Kunde verwaltet seine E-Books nur auf dem Cytale-Server, auf den er über das eingebaute Modem zugreifen kann. Ein PC-Anschluss ist im Unterschied zu den Gemstar-Geräten überhaupt nicht vorgesehen. Verleiht ein Leser sein E-Book, so ist es zunächst nicht mehr in seiner Cytale-Bibliothek verfügbar. Erst wenn das Werk zurückgegeben wird, kann er wieder darauf zugreifen.

Angeblich werden 6000 Werke zur Einführung des Readers in Frankreich bereit stehen, doch die Erfahrungen der Vergangenheit haben gezeigt, dass solche Zahlen in den Ankündigungen mit Vorsicht zu genießen sind. Gelingt es Cytale jedoch, führende Verlagshäuser in sein Boot zu ziehen und das Lesematerial günstig anzubieten, könnte eine Alternative zu Gemstar eBook entstehen.

Franklin Electronic Publishers nutzte die Buchmesse, um eine eigene Version eines E-Book-Geräts vorzustellen. Der eBookman und das ihn umgebende Konzept erregten denn auch soviel Aufsehen, dass er von der Frankfurt eBook Award Foundation prämiert wurde. Dabei ist der eBookman eigentlich kein reines E-Book-Lesegerät, sondern gehört eher in die Kategorie PDA (Personal Digital Assistant). Der Kleine ist nur unwesentlich größer als ein Palm III oder ein Handspring Visor, hat aber ein größeres Display mit einer im Vergleich zu anderen PDAs hohen Auflösung von 240 x 200 Bildpunkten. Im Innern werkelt ein 32-Bit-RISC-Prozessor mit 24 MHz. Er hat ein Mikrofon, kommuniziert über einen USB-Anschluss mit dem PC und akzeptiert eine Multimedia Card als Speichererweiterung. Das Modell mit 8 MByte RAM kostet 500 Mark, mit 16 MByte sind 600 Mark fällig. Damit ist der eBookman nicht nur als E-Book-Reader unschlagbar günstig, sondern kann es auch mit den meist viel teureren PDAs aufnehmen.

Der eBookman kommt zunächst ohne Anwendungen ins Haus. Erst der PDA-Besitzer entscheidet, welche Programme er installieren möchte. Franklin will kostenlos PIM-Anwendungen (Adressen, Notizen, Kalender) online bereitstellen und für E-Books sowohl den eigenen Franklin Reader als auch den Microsoft Reader anbieten. Das Sicherheitskonzept für Franklin-Reader-konforme Werke ähnelt dabei dem von Cytale. Auch hier ist eine geräteabhängige, individuelle Verschlüsselung vorgesehen, und auch Franklin erlaubt das Verleihen der Bücher. Ein verliehenes E-Book wird dann vom Franklin-Server für ein anderes Gerät verschlüsselt.

Der eBookman eignet sich wegen seines kleinen Displays weniger dazu, 400-Seiten-Schmöker zu lesen. Das wäre zu anstrengend. Seine Anwendungen wird er eher bei Enzyklopädien oder Periodika finden. Welches Lesematerial letzten Endes beim Start des eBookman vor dem Jahresende angeboten wird, steht noch nicht fest. Die geplante Integration des Microsoft Reader ist deshalb interessant, weil Microsoft diesen sowohl für Pocket-PC-Geräte als auch für den PC anbietet. Damit hat man eine plattformübergreifende Lesesoftware.

Microsoft selbst agierte auf der Buchmesse eher hinter verschlossenen Türen. Man munkelt, die Redmonder versuchen, nach den USA jetzt auch in Europa Lizenzvereinbarungen mit Großverlagen abzuschließen, um Lesematerial für den MS Reader (www.microsoft.com/reader) anzubieten. Die auf Pocket PCs wie dem Compaq iPAQ installierte Version hat jedoch noch Sicherheitsprobleme. Insider halten es außerdem für möglich, dass Microsoft eigene E-Book-Lesegeräte vorstellen könnte. Auf der CeBIT 2000 war am Microsoft-Stand schon ein Stück funktionierende Hardware zu sehen.

Microsoft ist nicht nur die treibende Kraft hinter dem OEB-Standard, sondern rief als Hauptgeldgeber den Frankfurt eBook Award ins Leben, der auf der diesjährigen Buchmesse zum ersten Mal verliehen wurde. Der Award für die besten E-Books sorgte deswegen für ein ungewöhnlich großes Presseecho, weil er mit einem Hauptpreis von 100 000 US-Dollar einer der höchstdotierten Literaturpreise überhaupt ist.

Im großen Rahmen in der Frankfurter Alten Oper wurden die Preisträger und vor allem der Preis gefeiert. Den Hauptpreis müssen sich zwei Autoren teilen: Die Gewinner des ersten Frankfurt eBook Award heißen E. M. Schorb und David Maraniss. E. M. Schorb wurde für sein E-Book ‘Paradise Square’ in der Sparte Belletristik und Maraniss für ‘When Pride Still Mattered’ in der Kategorie Sachbuch ausgezeichnet.

Weitere Preise in Höhe von 10 000 US-Dollar für die Kategorien Converted Fiction, Original Nonfiction und Converted Nonfiction erhielten Zadie Smith (‘White Teeth’), Larry Colton (‘Counting Coup’) und Viliam Vasata (‘Überleben in der Sintflut’). Ed McBain bekam für seinen Belletristikbeitrag ‘The Last Dance’ ebenfalls einen Preis.

Im Vorfeld des Award wurde nicht nur die Höhe des Preisgeldes mit der Begründung kritisiert, dass hier ja weniger Literatur, sondern vielmehr Technik prämiert werde. Alberto Vitale, Vorsitzender der International eBook Award Foundation und ehemaliger CEO von Random House, bemerkte auf der Buchmesse auch vielsagend, vielleicht würde mit dem Preis in wenigen Jahren tatsächlich Technik statt Literatur prämiert. Offen blieb, ob er damit Lesegeräte meint oder zukünftige E-Books, die die neuen Techniken ausreizen. Die meisten Einsendungen bestanden immer noch aus konventionellen Büchern, nur eben in digitaler Form. Literatur, die neue Wege geht, gibt es derzeit so gut wie nicht, von wenigen Hyperlinks mal abgesehen.

Von 800 internationalen Einsendungen in zehn Sprachen blieben letzten Endes die US-Amerikaner übrig, abgesehen von je einem Beitrag aus Deutschland und Frankreich. Der Grund ist kurioserweise ein technischer, kein qualitativer, denn die Frankfurt eBook Award Foundation gab sich Wettbewerbsregeln, nach denen nur Sprachen berücksichtigt wurden, in denen mehr als zehn Beiträge eintrafen. Ganz zufällig sind Deutschland und Frankreich die beiden einzigen Länder außerhalb der USA, in denen ein E-Book-Markt aufgebaut werden soll.

Ohne den Frankfurt eBook Award würde es wohl den Independent e-Book Award nicht geben. Eine illustre Schar von Autoren, Journalisten und Insidern, die mit E-Books zu tun haben, schlossen sich zusammen, um abseits der Großverlage ihre eigenen Preise zu vergeben: den Independent e-Book Award. Pikanterweise hat sich der ehemalige CEO von NuvoMedia, Martin F. Eberhard, noch bis vor kurzem die treibende Kraft hinter dem Rocket eBook, ebenfalls zu der Gruppe gesellt.

Die verschiedenen Sicherheitssysteme, mit denen die Gerätehersteller gewährleisten wollen, dass E-Books sicher zum Kunden kommen und dieser das Werk nicht vervielfältigen kann, haben streng genommen nichts mit dem E-Book-Format zu tun. Trotzdem kann nicht jeder E-Book-Reader jedes Format lesen. Dahinter stecken handfeste finanzielle Interessen.

Zwei Dateiformate konkurrieren miteinander, Open eBook (OEB) und Adobe PDF. Alle Neuvorstellungen sind OEB-kompatibel, kein einziges Gerät kann PDF lesen. NuvoMedia, Microsoft und andere beteiligte Firmen hoben den OEB-Standard aus der Taufe, der im Wesentlichen XML- und HTML-Elemente enthält (c't 24/99, S. 206).

Nach dem Willen von Gemstar sollen die Kunden nur solche E-Books kaufen, an denen die Firma verdient. Dafür schließt Gemstar Verträge mit Verlagen, damit die ihre Werke als OEB-Datei an den Gemstar Server liefern. Ein PDF-Reader im Gerät oder auch ein Browser oder ein einfacher Editor, der Fließtext anzeigt, wäre technisch kein Problem, würde aber die Lizenzeinnahmen von Gemstar schmälern, weil Leser fremdes Gut in die Reader einspielen könnten.

Wo bleibt PDF? Dedizierte Lesegeräte, wie sie Gemstar eBook oder Cytale vorgestellt haben, gibt es derzeit für PDF-Dokumente nicht. Damit dürfte es PDF schwer haben, gegen OEB zu bestehen, sollte einmal ein E-Book-Massenmarkt entstehen. Man kann über Sinn und Unsinn von Lesegeräten streiten und sich fragen, warum man nicht mehr Funktionen in ein solches Gerät packt, etwa einen Browser oder Office-Anwendungen, statt nur Buchseiten anzuzeigen. Doch die Alternative dazu, Notebook und PC, können mit einem handlichen Buch erst recht nicht konkurrieren. Zudem ist ein proprietärer Reader den Verlagen wesentlich weniger unheimlich als eine PC-Plattform, auf der es Mittel und Wege gibt, mit diversen Tools E-Book-Verschlüsselung anzugreifen.

Auf der Buchmesse versuchte Adobe immerhin, Verlage von diesem Format zu überzeugen, indem das Software-Haus einen kompletten Workflow von der Erstellung bis zum Vertrieb von PDF-Dokumenten vorführte.

Mit ePaper, PDF Merchant und Web Buy hat Adobe eigentlich alle Komponenten inklusive Lesesoftware Acrobat Reader, um E-Books sicher zu vertreiben und anzuzeigen. Trotzdem verleibte man sich kürzlich die Firma Glassbook ein, die PDF-Lesesoftware anbietet und mit EBX selbst an Sicherheitssystemen arbeitet.

Der Glassbook Reader liest - natürlich - nur PDF-Dokumente, hat eine Sprachausgabe und kann auf Wunsch den Bildschirminhalt drehen, damit man auf einem Notebook eine Buchseite hochkant lesen kann. Den Reader gibt es für den PC und für den Mac kostenlos bei www.glassbook.com. Im Unterschied zum Acrobat Reader soll die Glassbook-Software besser dazu geeignet sein, E-Book-Literatur seitenweise anzuzeigen, weil sie mehr Einstellungen bietet.

Autoren schreiben für Leser. Merkwürdigerweise war von diesen beiden Personengruppen auf der Buchmesse dennoch wenig die Rede. Stattdessen ging es eher darum, welches Marktpotenzial in den E-Books schlummern könnte. Zurzeit ist das Leserinteresse an E-Books gering und die Autoren werden nicht gefragt, könnte man überspitzt die Situation zusammenfassen.

Trotzdem war natürlich Stephen King ein Thema auf der Buchmesse. Nachdem der Starautor noch mit Unterstützung des Verlagskonzerns Simon & Schuster die Erzählung ‘Riding the Bullet’ unters Volk gebracht hat, versucht er mit dem Fortsetzungsroman ‘The Plant’ sein Glück ganz ohne Verlage - was die gar nicht so nervös macht, wie öffentlich dargestellt.

Bei ‘Riding the Bullet’ ging der Schuss deshalb nach hinten los, weil kurze Zeit nach dem Start das Sicherheitskonzept schon gehackt war. Was als Werbemaßnahme an die Adresse der Verlage gedacht war, um die Sicherheit von E-Commerce-Systemen für E-Books zu demonstrieren, geriet zum Desaster.

Jetzt agiert der Meister auf eigene Faust. Die Erzählung ‘The Plant’ stellt Stephen King Kapitel für Kapitel ins Web. Erst, wenn 75 Prozent derer, die sich das Erzählstückchen geladen haben, auch ihren Obolus von einem Dollar bezahlt haben, folgt das nächste Kapitel. Das mag bei einem Stephen King gelingen, doch es dürfte nicht allzu viele Autoren geben, die genügend Starpotenzial besitzen, um ihren Lesern derart die Pistole auf die Brust zu setzen und diese auch noch Spaß daran haben.

Hierzulande gibt es Bestrebungen von Autoren, diejenigen Bücher als E-Books oder als Print-on-Demand-Werke zu vertreiben, die beim Verlag vergriffen sind und bei denen deshalb die Rechte wieder an sie zurückfallen. Natürlich können nur solche Schriftsteller so agieren, die bereits auf dem Markt etabliert sind. Wie ein unbekannter Autor im Web zu Ansehen und Ruhm kommt, dafür fehlen die Beispiele. Noch immer sorgen Verlage im Idealfall für Qualität und sind unersetzlich, wenn es um das Marketing geht. Hier deutet sich ein spannender Konflikt zwischen Autoren und Verlagen im Dunstkreis der E-Books und Books-on-Demand an. Erst kürzlich kündigten der Verband deutscher Schriftsteller und PEN Deutschland an, zusammen mit einem Verlag vergriffene Bücher ihrer Mitglieder als PoD-Werke weiter verfügbar zu halten.

Wenige bezweifeln, dass E-Books eine große Zukunft bevorsteht. Wann es soweit ist, wird je nach Interessenlage unterschiedlich beantwortet. Ähnlich sieht es mit einem anderen Zweig des elektronischen Publizierens aus, dem Print-on-Demand (PoD). Statt Auflagen vorzuproduzieren, die dann in riesigen Lagerhäusern verstauben, erlaubt PoD, je nach Bedarf bis hin zum Einzelstück Bücher zu fertigen (c't 23/99, S. 226).

Kleinauflagen werden lukrativ und ein Verlag kann es sich leisten, eine riesige Backlist bereit zu halten. Vergriffene Auflagen gehören der Vergangenheit an. Soviel zur Theorie. Wie die Praxis einmal aussehen könnte, hat OCE, ein namhafter Anbieter von Preprint- und Print-Lösungen, auf der Buchmesse mit einer kompletten Fertigungsstraße für PoD gezeigt. Hinten dreht die Papierrolle, vorne fällt Minuten später das fertig gebundene Buch auf den Tisch.

Bislang bieten einige Verlage wie Booktailor.com, aber auch das Bibliographische Institut & F. A. Brockhaus Individualbücher mit dem Verfahren an. Book-on-Demand erregt Aufsehen, aber wie bei den E-Books sind die Verlage noch davon entfernt, diese Lösung in großem Stil einzusetzen. Bei den elektronischen Büchern haben dagegen einige der ganz Großen schon vorab die Weichen gestellt. Sowohl Random House als auch Time Warner und Simon & Schuster haben eigene E-Book-Abteilungen aus dem Boden gestampft. (jr)

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