Aufstieg und Fall

Wenig Hoffnung für ESCOM

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ESCOM ist zahlungsunfähig. Nachdem sich abgezeichnet hatte, daß im Jahresabschlußbericht 1995 ein Fehlbetrag von rund 180 Millionen Mark ausgewiesen werden muß und letzte Rettungsmaßnahmen mangels Liquidität zu spät ins Auge gefaßt worden waren, sah sich der Vorstand des Computerhandelshauses am 3. Juli genötigt, beim Amtsgericht Bensheim Vergleichsantrag zu stellen.

Voraussichtlich bis August wird über den Vergleichsantrag entschieden werden. ESCOM muß nun versuchen, Geldgeber zu finden, um den drohenden Bankrott abzuwenden. Die nächsten Anverwandten haben erst einmal abgewunken. Man habe alles, was in ihrer Macht stehe, bereits getan, so die Commerzbank als Hausbank, man sehe keine Lösung. Auch die Hauptaktionäre Quelle (25 %), Siemens-Nixdorf (12,5 %), die Bayerische Vereinsbank (16 %) sowie die Gold-Zack AG (7 %) halten sich aller Reanimierungsversuche fern.

Vor zehn Jahren hatte ESCOM-Gründer Manfred Schmitt damit begonnen, zielstrebig in den Computerhandel einzusteigen. Als Inhaber eines Musikgeschäfts sah der 'Orgel-Schmitt', daß der Computer in alle Bereiche des Lebens eindrang. Schmitt erkannte den Zug der Zeit und brachte erfolgreich den damals erfolgreichsten 'Home'-Computer, den C64, unter die Leute.

Unter der Bezeichnung ESCOM entstand eine Handelskette, die drei Jahre später bereits ins europäische Ausland ausgriff und schließlich stolz 467 Filialen zählte, selbst in Ungarn finden sich zehn ESCOM-Geschäfte, und in der fernen Slowakischen Republik gibt es derer drei.

Über eine 90-Prozent-Beteiligung an der trudelnden Hako AG, vornehmlich im Bereich Fotozubehör tätig, konnte Schmitt - quasi durch die Hintertür - ESCOM 1993 an die Börse bringen. Dieser Zugang zum Kapitalmarkt verhieß weitere ungebremste Expansion.

Doch die Pläne erwiesen sich als überzogen. Die Übernahme der 221 britischen 'Rumbelows'-Läden brachte nichts ein - niedrigste Preise bescherten ESCOM zwar riesige Umsätze, aber unterm Strich rote Zahlen.

Die Ersteigerung der Rechte und Patente des einstigen Sterns am Computerhimmel, Commodore, im April letzten Jahres sollte den Einstieg ins Multimediageschäft bereiten. Mit der Beteiligung von Quelle-Schickedanz, Siemens, der Bayerischen Vereinsbank und der Gold-Zack-AG an der Aktiengesellschaft ESCOM kam Geld ins Haus Schmitt.

Doch das weit hinter den Erwartungen zurückgebliebene Weihnachtsgeschäft wie der drastische Preisverfall auf dem PC-Markt und unerwartet schleppendes Europageschäft brachten ESCOM immer weiter in die roten Zahlen. Auf einer großen Partie Pentium-75-Rechner waren die Heppenheimer sitzengeblieben. Der Wertverfall der Rechner infolge weiter ungebremst sinkender Komponentenpreise vergrößerte den Gesamtverlust.

Schätzte ESCOM im Dezember den Verlust für das Geschäftsjahr 1995 noch auf 45 Millionen, war Anfang März bereits von 125 Millionen die Rede. Firmengründer Schmitt mußte Anfang April seinen Sessel an den von IBM kommenden Helmut Jost abtreten.

Derzeit ist von 180 Millionen Mark Verlust die Rede, doch in Wahrheit scheint der Minusbetrag bei 260 Millionen zu liegen. Mit 2,35 Milliarden Mark Umsatz hatte ESCOM das gesetzte Jahresziel um 750 Millionen verfehlt. c't hat erfahren, daß selbst dieser Wert geschönt sein soll - interne Verkäufe an die französische Tochterunternehmung sollen den Wert aufgebessert haben.

In panischer Hast folgten letzte Rettungsversuche:

  • am 3. Mai die Ankündigung der Schließung der Produktionsstätte in Heppenheim,
  • am 21. Juni der Verkauf der 'Amiga Technologies GmbH' an die US-Firma VIScorp gegen rund 40 Millionen US-Dollar in bar und Aktien,
  • Anfang Juli der Beschluß, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren, Randaktivitäten aufzugeben, wesentliche Funktionen auf europäischer Ebene zu zentralisieren, Filialen zu schließen, Personal abzubauen.

Die Vertriebstochter verkauft erst einmal weiter, bei - so ESCOM - zugesicherten Garantieleistungen und Fortzahlung der Gehälter.

Sollte ESCOM überleben, werden im nächsten Jahr wohl knapp die Hälfte der Mitarbeiter entlassen und mehrere Filialen geschlossen werden. Die ESCOM-Aktie, zu Jahresbeginn noch mit über 20 DM notiert, purzelte im freien Fall auf unter 5 DM. Sie wurde am 3. Juli ausgesetzt und am Folgetag nur noch mit 2,50 DM notiert.

Seit Anfang Mai ist der Kurs des Papiers kontinuierlich um rund 50 % gefallen, im selben Zeitraum hat sich der Umsatz mit den ESCOM-Aktien verachtfacht. So liegt der Verdacht nahe, daß Insider über den anstehenden Vergleichsantrag bereits informiert waren; das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel vermutet Verstöße gegen die Insider-Regeln und ermittelt. Die Behörde will die Transaktionen analysieren und gegebenenfalls die Namen der Aktienkäufer und Verkäufer ausfindig machen.

Und Rivale Vobis? Der Brocken ESCOM sei unverdaulich, zitiert das Wall Street Journal den Vobis-Chef Lieven, 'was hat ESCOM, was wir nicht schon haben? Und schließlich hatten wir die gleichen Herausforderungen wie ESCOM'.

ESCOMs Probleme seien hausgemacht; seit die Zeiten 30%iger Zuwachsraten vorbei seien, könne man Managementfehler nicht mehr vertuschen, so Lieven am 5. Juli gegenüber der Berliner Zeitung.

Doch auch bei Vobis ist die Rede von einer schwierigen Marktsituation und wachsendem Wettbewerb: 'Man wird sich auf Kaufzurückhaltung besonders im privaten Bereich einstellen müssen.' Vobis setzt auf das mit einem Aufwand von 20 Millionen DM eingeführte 'Built-To-Customer-Verfahren'. 60 Prozent aller Vobis-PCs werden individuell nach Kundenwunsch gefertigt. So braucht man nicht mehr große Warenbestände vorzuhalten. (fm)

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