Außer Kontrolle?

@ctmagazin | Editorial

Außer Kontrolle?

"Die KI hat alle Probleme gelöst. Ein paar Jahre schon haben wir mit dem Input und Output der Redaktion ein neuronales Netz trainiert. Nun lassen wir es alleine weitermachen", schrieb ich vor zehn Jahren an dieser Stelle. Aufmerksame Leser haben schnell gemerkt, dass es nicht geklappt hat. Computer machen keine Tippfehler, aber in unseren Artikeln kamen doch immer noch welche vor.

Damals war eigentlich schon klar, dass die lange überschätzte Künstliche Intelligenz noch ganz weit davon entfernt war, komplexe Aufgaben zu meistern. Inzwischen wurde weiter geforscht und entwickelt, mittlerweile haben wir die zwanzigfache Rechenleistung, tausendfache Plattenkapazität und schnelle Netzverbindungen zum Bündeln aller Ressourcen. Aber das reicht immer noch nicht, um das Gehirn einer Stubenfliege zu emulieren.

Trotzdem müsste man einen Text wie den obigen heute wohl in -Tags einfassen, um jedes Missverständnis auszuschließen. Denn viele überblicken nicht, was Computer zu leisten vermögen. Sie trauen ihnen alles Mögliche und Unmögliche zu - und vertrauen ihrem Persönlichen Computer längst nicht mehr.

Dahinter steht der Eindruck, dass die Maschine manchmal macht, was sie will. Sie baut eine Internet-Verbindung auf, verschickt irgendwelche Daten - welche, und an wen eigentlich? -, macht sich plötzlich ohne erkennbaren Anlass auf der Festplatte zu schaffen, entwickelt ein undurchschaubares Eigenleben. Ein Werkzeug, das selbstständig Entscheidungen trifft, das seinen eigenen Willen zu haben scheint, das außer Kontrolle geraten ist.

Natürlich ist der PC kein Wesen mit eigener Intelligenz. Auch die verblüffenden Leistungen der Gegner in Computerspielen basieren nur auf Tricks. Ähnlich wie Joseph Weizenbaums legendäres Eliza-Programm, das in der Konversation das menschliche Gegenüber zu verstehen schien, funktionieren sie nach wie vor mit vorgefertigten Mustern, die Programmierer ersonnen haben. Für die Betroffenen macht das allerdings kaum einen Unterschied, wenn ein Dialer 0190-Nummern wählt, ein Wurm E-Mails versendet oder ein Virus die Festplatte aufräumt. Ob nun die Maschine will, was sie macht, oder ein Fremder sie nach seinem Willen agieren lässt - das unterscheidet sich nur im Grad der Unheimlichkeit, läuft aber womöglich auf dasselbe hinaus.

Permanent vernetzt ist der PC auch jederzeit ein potenzieller Spion. Aber selbst wenn er nicht unter fremde Kontrolle gerät, liefert er Daten ins Netz, die abgefangen, gesammelt, kombiniert und womöglich zum Schaden ihres Eigentümers verwendet werden können. Dabei sind Protokolle auszuführen, immense Datenmengen zu verarbeiten und vielleicht Codes zu knacken. Ohne Computer ginge das alles nicht - aber ohne Human Brain dahinter fände es nicht statt.

Rechner sind und bleiben wohl noch lange nichts als willenlose Werkzeuge derjenigen, die sie beherrschen. Nein, Ihr PC hat definitiv keinen eigenen Kopf - aber das heißt eben noch lange nicht, dass er immer macht, was Sie wollen.

Christian Persson

Kommentare

Anzeige