Autonome Autos: "Der Mensch muss lernen, die Roboter zu verstehen"

Autonome Autos: "Der Mensch muss lernen, die Roboter zu verstehen"

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Bild: Johannes Schacht

Alexander Mankowsky, der bei Daimler die Zukunftsforschung leitet, erläutert die Zusammenarbeit zwischen seinem Unternehmen und dem ARS Electronica Futurelab und wie Kunst die Technik beeinflusst.

Er war ein Highlight der ARS Electronica 2015 in der oberösterreichischen Landeshauptstadt: Das „F 015 Luxury in Motion“ genannte Konzeptfahrzeug von Mercedes-Benz, das auf dem Festival für digitale Kunst seine Europaprämiere erlebte. Doch mehr als die luxuriöse Erscheinung hat uns das Robotikkonzept hinter dem autonomen Fahren interessiert. Wir haben dazu Alexander Mankowsky, Zukunftsforscher des Unternehmens befragt.

Forschungsfahrzeug für autonomes Fahren Mercedes F 015 (7 Bilder)

Kommunikation mit Fußgängern

Ein mittlaufender blauer Lichtbalken an der Front signalisiert, dass das autonom fahrende Auto den Fußgänger erkannt hat. Der darf jetzt sicher sein, nicht überfahren zu werden.
(Bild: Mercedes-Benz)

Beim F 015 geht es Mercedes nicht nur um das Auto selbst, sondern um seine Einbindung in die Umwelt, in Verkehrskonzepte der Zukunft und darum, welche Wünsche die Menschen in der Zukunft mit Mobilität verbinden. Ein wichtiger Aspekt war insbesondere, wie ein autonom fahrendes Auto sicher mit seiner Umwelt interagieren kann. Ausgangspunkt war die Überlegung, dass es nicht reicht, über Sensoren und Algorithmen nachzudenken, die in eine Fahrzeugaktion münden (Bremsen, Lenken, etc.) sondern, dass das Auto den anderen Verkehrsteilnehmern seine Absicht zu erkennen geben muss.

So entstanden Lösungen, wie die, dass der Wagen einen Zebrastreifen auf die Straße projiziert und damit dem Fußgänger signalisiert, dass er erkannt wurde und sicher die Straße passieren kann. Das Futurelab hatte dazu ein Experimentierfeld mit Drohnen aufgebaut und erforscht, wie mit Lichtsignalen Roboterabsichten angezeigt werden können und ob Gestensteuerung hinreichend universell ist, um mit autonomen Geräten zu kommunizieren.

c't: Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Mercedes und dem Ars Electronica Futurlab?

Alexander Mankowsky: Ich hatte vor einigen Jahren das Festival besucht, als es um Big Data ging, ein für mich als Zukunftsforscher spannendes Thema, weil es im gewissen Sinne eine Spiegelung von uns Menschen als Gattung ist. Ich habe dann viel Robotik entdeckt in der Art, wie sie auch bei uns entwickelt wird. Wir haben dann Martina Mara eingeladen, die sich mit Roboter-Psychologie beschäftigt. Dieser Kontakt hat sich dann immer weiter vertieft.

Welchen Nutzen zieht Mercedes aus der Zusammenarbeit?

Mankowsky: Der Hauptnutzen ist für uns und für mich speziell, dass ich verschiedene Perspektiven auf gesellschaftliche und technische Entwicklungen bekomme, die nicht ausschließlich nutzengetrieben sind. Wenn man das vergleicht mit Fraunhofer, da heißt es immer mach, mach, mach und es ist stets sehr technisch. Als Jury-Mitglied für den Prix ARS Electronica bekomme ich viele Anregungen auch aus der künstlerischen Ecke. Ich hatte schon vorher den Verdacht, dass das Digitale nicht mehr cool ist. Wenn man sich hier umschaut, sieht man das bestätigt. Es geht wieder um basale Dinge: reden, fühlen, sprechen.

Woher kommt die Idee, dass das selbstfahrende Auto mit den anderen Verkehrsteilnehmern kommunizieren muss?

Mankowsky: Ich hatte schon lange den Gedanken, dass Mobilität und Kommunikation zusammengehören. Jedes Kind lernt, beim Überqueren der Straße, den Augenkontakt mit dem Fahrer zu suchen. Wenn wir nun einen Automaten bauen, der das plötzlich verweigert, machen wir die Straßen nicht sicherer, sondern unsicherer. Das Gerät muss sich deshalb als "good Citizen" zeigen.

Gab es diese Ansätze zuvor in der Robotik?

Mankowsky: In der Robotik gibt es natürlich schon lange Zeit Ansätze dazu; die hatte ich auch beobachtet, aber sie haben mir nicht gefallen. Nehmen sie die Humanoiden, wie sie am MIT gebaut werden. Da haben die Roboter dann Augen bekommen und sollten kommunizieren, als seien sie Menschen. Das halte ich für sehr gefährlich, da wir als Menschen ohnehin dazu neigen, alles, was sich bewegt zu anthropomorphisieren, da reicht ja ein Punkt auf dem Bildschirm. Es ist so: Egal, wie viele Sensoren Sie in ein selbstfahrendes Auto einbauen, es bleibt ein Gerät, das aufgrund seiner Größe und Gewicht auch bedrohlich wirken kann. Ich würde das Verhältnis des Menschen zu diesen Geräten lieber vergleichen mit dem zu Haustieren. Auch eine Katze, ein Hund oder ein Pferd können gefährlich sein. Darum lernen wir ihre Signale zu verstehen und lernen mit ihnen umzugehen. Ähnlich sollen autonome Geräte ihre Intentionen kommunizieren und auf den Menschen reagieren.

Wie hilft Ihnen die Zusammenarbeit mit Künstlern?

Mankowsky: Man bekommt eine andere Perspektive. Künstler haben einen Sensus für das, was in einer Gesellschaft passiert und drücken das in Kunstwerken aus. Nehmen Sie zum Beispiel wie wir hier im F 015 sitzen, also quasi wie am Lagerfeuer in einer archaischen Höhle. Das Konzept ist stark beeinflusst von dem Gedankengang, den ich hier aufgenommen habe.

Wie unterscheidet sich Ihr Ansatz von dem, was andere Autohersteller machen?

Mankowsky: Wir sehen die Automatisierung ganzheitlich. Unser Ansatz ist nicht ausschließlich der künstliche Fahrer, der ja immer männlich gedacht ist, schnell fährt und seine Umwelt vergisst. Dahinter steht auch die Frage, was man automatisieren sollte und was nicht. Ich habe eine Liste aufgestellt von Dingen, die automatisiert werden sollen, aber auch von Dingen, die wir bewusst nicht automatisieren wollen. Unter Ingenieuren wird der zweite Aspekt selten hinterfragt, dabei sollte diese Frage ganz am Anfang stehen.