Bempel ohne Gewähr

Wem nutzt Microsofts 'Logo-Programm'?

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Mit großem Werbetamtam hat Microsoft das Logo 'Designed for Windows 95' ('Entwickelt für Windows 95') als Qualitätssymbol im Bewußtsein der PC-Käufer verankert. Doch in jüngster Zeit zeigte sich in diversen c't-Tests, daß Anspruch und Realität kaum etwas miteinander zu tun haben.

Microsofts Logo-Programm sollte angeblich Qualitätsmaßstäbe setzen. Es verspricht unter anderem 'Plug&Play'-Hardware und die Einhaltung bestimmter Mindestanforderungen (zum Beispiel ergonomische Bildwiederholraten bei Grafikkarten); Software muß 32-Bit-Design aufweisen, OLE-fähig sein (soweit anwendbar) und sich harmonisch in die Win95-Oberfläche einfügen. Auf reibungsloses Zusammenspiel mit dem Betriebssystem soll der Anwender sich in jedem Fall verlassen können.

Ob Produkte die Bedingungen erfüllen, läßt Microsoft auf Antrag der Hersteller akribisch überprüfen. Das Examen kostet Geld und Zeit – aber dafür liefert es im Erfolgsfall ein wichtiges Werbeargument, auf das kaum noch ein Anbieter verzichten mag. Außerdem munkelt man von allerlei Vergünstigungen, über die der Aufwand hundertfach wieder hereinkommt: Zuschuß zu Logo-geschmückten Inseraten, Rabatt beim Betriebssystemeinkauf … – Genaues weiß natürlich niemand beziehungsweise es will niemand verraten.

Das theoretisch überzeugende Konzept hatte freilich von Geburt an große Schwächen: Keiner konnte vernünftigerweise erwarten, daß Microsoft tatsächlich in der Lage sein würde, tausende Produkte und PC-Komponenten in Millionen Kombinationsmöglichkeiten zu testen. Das hätte die Markteinführung vieler Produkte fatal verzögert.

Also gibt es 'Vereinfachungen' im Prüfprogramm: PC-Hersteller brauchen lediglich ein Basissystem zu stellen, um für eine ganze Modellreihe den begehrten Bempel zu erhalten – gleichgültig, welche Grafikkarte sie hineinstecken und was sie sonst hinzukombinieren. Bei Software genügt mittlerweile ein winziger 32-Bit-Anteil den Ansprüchen – auch wenn die eigentliche Applikation in alter 16-Bit-Manier gestrickt ist. Die ursprünglich betonte Forderung nach NT-Kompatibilität wird inzwischen so weich ausgelegt wie ein Drei-Minuten-Ei.

Trotz aller Schlupflöcher des Logo-Programms, die von vornherein eingebaut waren oder sich in der Praxis aufgetan haben: Für viele stellt es offenbar dennoch eine zu harte Geduldsprobe dar, zumal Microsoft sich zur Dauer der Wartezeit nicht näher einlassen will. Kein Hersteller in der schnellebigen PC-Branche kann es sich leisten, ein fertiges Produkt wochenlang im Lager herumliegen zu lassen. Andererseits braucht man das Logo für die Werbung, sonst könnte der potentielle Kunde annehmen, das Produkt sei nicht zukunftssicher ...

Aus dieser Zwangslage retten sich die Hersteller, indem sie Microsofts Logo-Bedingungen und -Rechte schlicht ignorieren. Grafikkartenhersteller Elsa beispielsweise hat sich kurzerhand selbst ein Windows-95-Symbol gemacht. Es sieht zwar nicht genauso aus wie das Original, genügt aber, um beim Kunden den gewünschten Eindruck zu erwecken. In diesem speziellen Falle geht das auch in Ordnung, denn die Elsa-Treiber passen gut zu Windows 95.

Konkurrent miro unterwirft nach eigenen Angaben alle einschlägigen Produkte der Microsoft-Prüfung und druckt das Original-Logo auf die Kartons. Manchmal allerdings etwas verfrüht: Ein Firmensprecher räumte auf Nachfrage ein, es könne schon einmal vorkommen, daß Produkte ausgeliefert werden, bevor Microsoft den Segen erteilt hat.

Andere stehen auf Microsofts Liste und tragen das Logo folglich zu Recht, erfüllen aber nicht die beim Kunden geweckten Erwartungen: Ein Musterbeispiel ist der kürzlich von c't getestete Sat-1-PC. Die Grafikkarte flimmerte mit 60 Hertz, und die Treiber machten einen weiten Bogen um die in Windows 95 vorgesehenen Konfigurationsmechanismen.

Und wenn ein Produkt in der Logo-Prüfung durchfällt, ist es auch egal. Das Logo bleibt drauf, und Microsoft bleibt ruhig. Dies zeigt der höchst signifikante Fall 'SoftRAM95' – immerhin nicht irgendein Programm, sondern wochenlang auf Platz 1 der Software-Hitlisten in den USA.

Als c't den angeblichen Speicherverdoppler als Placebo entlarvte, war das Produkt in den USA schon wochenlang im Handel – mit dem Logo 'Designed for Windows 95'. Hersteller Syncronys und Distributor Softline GmbH protestierten gegen das c't-Testergebnis, gut munitioniert mit dem Prüfungsergebnis von Microsofts autorisiertem Logo-Testlabor VeriTest: 'Works as expected.' Händler, wie etwa Escom, denen aufgrund des Testberichts Zweifel gekommen waren, ließen sich wieder umstimmen.

Wie kam SoftRAM zu dem Logo? - Auf Nachfragen reagierte Microsoft mit nebulösen Erklärungen. Syncronys konnte noch wochenlang öffentlich behaupten, das Produkt sei zertifiziert. Erst Ende Oktober verbreitete Microsoft ein Papier, in dem es auf einmal hieß, Syncronys habe die Logo-Lizenz nie erhalten. Das Produkt sei im Test durchgefallen. 'Das ist nur bürokratischer Quatsch', antwortete Syncronys. Man habe zwei Versionen zum Testen geschickt, und die zweite habe bestanden. Diese Darstellung deckt sich mit Auskünften, die VeriTest c't erteilt hatte. Ja, aber die Lizenz sei trotzdem versagt worden, weil das Logo vorher schon auf die Verpackung gedruckt wurde, antwortete Microsoft.

Wie auch immer. Verkauft wurde jedenfalls ein Programm, das unter Windows 95 nicht nur völlig nutzlos ist, sondern Schaden anrichtet. 'Microsoft Support Online' konstatierte zutreffend: 'SoftRAM version 1.03 is incompatible with Windows 95.' Kommt noch hinzu, daß Syncronys illegal Code von Microsoft benutzte. Mit dieser doppelten Handhabe wegen eindeutiger Rechtsverstöße holte der Redmonder Gigant zum juristischen Schlag gegen die obskure 15-Mann-Firma aus: Man schickte eine Abmahnung, in der jeder weitere Vertrieb von SoftRAM95 untersagt wurde.

Microsofts Abmahnung, datiert vom 25. Oktober 1995, blieb bis Mitte Dezember erstaunlicherweise völlig wirkungslos. Das Programm wurde in den USA, ebenso mancherorts in Deutschland, munter weiter verkauft. Auf Nachfrage von c't hatte Microsoft-Sprecherin Suzi Davidson dafür eine einleuchtende Erklärung: 'Wir haben keinen Rückruf verlangt. Wir haben Syncronys lediglich untersagt, den Handel weiter zu beliefern.' Die Lagerbestände des Handels erwiesen sich als unerschöpflich. Am 16. Januar 1996 berichtete die 'San Jose Mercury News', die große Tageszeitung im Silicon Valley, daß 'SoftRAM95' mit dem Windows-95-Logo bei etlichen großen Handelsketten nach wie vor in den Regalen liege. Während die weniger gut informierten US-Bürger – in der dortigen Fachpresse erschienen erst Ende November kritische Berichte – noch immer reihenweise auf das Placebo hereinfallen, schaut Microsoft dem Mißbrauch seines Gütezeichens weiter tatenlos zu.

'Microsoft versucht, sich von SoftRAM 95 zu distanzieren,' schreibt Altmeister Andrew Schulman, 'und tut gleichzeitig so wenig wie nur möglich, um für den Verbraucher sinnvolle Standards aufrechtzuerhalten.'(ps)