Betriebssystem-Poker

Linux und Windows: eine Ist-Aufnahme

Wissen | Know-how

Die letzte Runde im PC-Betriebssystempoker ist längst eingeleitet: Die Frage ist heute nicht mehr, ob BeOS das bessere Multimedia-System ist, FreeBSD den Stein der Weisen darstellt oder OS/2 verdientermaßen die Zukunft gehört, sondern wie Linux als einzige ernsthafte Windows-Konkurrenz gegenüber dem Microsoft-Produkt dasteht.

Linux oder Windows - kaum ein Thema erregt die Gemüter so sehr wie die Frage nach dem ‘richtigen’ Betriebssystem. Wer sich in einschlägigen Diskussionsforen im Web umsieht, gewinnt schnell den Eindruck, dass sich zwei feindliche Lager unversöhnlich gegenüberstehen. Argumente sind eher die Ausnahme; das Spektrum reicht von plumper Prahlerei (‘Mein Linux hat jetzt eine Uptime von 612 Tagen’) bis zu pauschalen Verunglimpfungen aller Anwender des jeweils anderen Systems - das Betriebssystem als Selbstzweck und gleichzeitig Beschäftigungstherapie. Wir wollen den Behauptungen Argumente entgegensetzen, Linux und Windows direkt vergleichen.

Ein solcher Vergleich lässt sich auf vielen Ebenen anstellen: Man kann die Architektur und die technischen Qualitäten bewerten, die Eignung für Anfänger beurteilen, die Beigaben zählen, den Platzbedarf erheben und die Kosten der Anschaffung gegenüberstellen. Doch eine wirkliche Aussage trifft das nicht: Was nützt eine saubere Architektur, wenn es dann an Anwendungen mangelt, und für wen sind Grenzen wie der maximal nutzbare Hauptspeicher schon wirklich interessant? Anfänger bleibt man nicht ewig, was fehlt, lässt sich ergänzen, Platz kann man kaufen und die Anschaffungskosten des Betriebssystems spielen ohnehin eine untergeordnete Rolle.

Wir gehen deshalb einen anderen Weg: In drei typischen Szenarien müssen die Systeme zeigen, was sie auf dem Desktop können. Das Thema Server lassen wir ganz bewusst außen vor - die grundsätzliche Eignung beider Systeme für ‘kleine’ Serverjobs wie Datei- und Druck- oder Webserver dürfte außer Frage stehen (siehe auch c't 17/2000 Seite 174). Bei ‘großen’ Datenbank- oder Internet-Servern bestimmen ohnehin zumeist Hardware, eingesetzte Anwendungen oder die Kompetenzen von Administrator oder Systemhaus, welches Betriebssystem auf die Platte kommt.

Unser Anwendungsfall eins ab Seite 96 in c't 17/00 ist der Heim-PC mit Internet-Zugang. Dabei geht es nicht nur um den eigentlichen Dial-up-Zugang via ISDN-Karte, sondern auch um Sicherheitsfragen - die Vorfälle der letzten Monate, von Trojanischen Pferden bis hin zu ILOVEYOU, haben jedem die Gefahren vor Augen geführt, die aus dem Internet drohen. Der Dial-up-PC dient außerdem als Prüfstand für die gerade für Heimanwender attraktiven, weil bequem handhabbaren USB-Geräte. Und wer ein Modem hat, will vielleicht auch mal ein Fax verschicken oder empfangen.

Der zweite Einsatzbereich (c't 17/00, Seite 98) ist die vernetzte Workstation, wie sie viele Anwender an ihrem Arbeitsplatz vor sich stehen haben. Ein solcher Rechner sollte sich in unterschiedlichen Netzwelten zurechtfinden. An gängigen Büro-Anwendungen wie Office-Paketen gibt es für Linux wie Windows reichlich Auswahl. Wichtig ist deshalb die Frage, wie das System mit den zahlreichen gängigen Dateiformaten klarkommt - vom Winword-Text bis zur ZIP-Datei.

Der Multimedia-PC vervollständigt ab Seite 102 in c't 17/00 unsere Sammlung. MP3s und CDs hören, Fernsehen gucken, DVDs abspielen, schnelle 3D-Grafik - all diese Dinge gehören zunehmend zum normalen Anwendungsspektrum für PCs. Natürlich sollte ein solcher Rechner auch Audio- und Daten-CDs brennen können.

Dass ein solcher Vergleich lediglich eine Bestandsaufnahme, aber kein endgültiges Urteil liefern kann, sollte eigentlich klar sein: Zu viel passiert in der EDV-Welt, als dass wir hier endgültige Wahrheiten aufdecken könnten. Und auch c't-Redakteure sind nicht unfehlbar: Dass etwas bei uns nicht funktioniert hat, muss nicht heißen, dass es prinzipiell unmöglich ist - vielleicht haben wir einfach nicht den richtigen Dreh gefunden, eine Lösung schlicht übersehen, oder nächste Woche erscheint genau der fehlende Treiber oder die vermisste Software ...

Auch auf die Gefahr hin, Linux im einen oder anderen Fall nicht gerecht zu werden, suchen wir primär die standardmäßig gebotene Lösung. Wir bohren also nicht nach dem Optimum und suchen auch nicht nach besonderen Anwendungsfällen. Schließlich lassen sich mit Linux viele Sonderwünsche erfüllen und spezielle Anwendungen realisieren, die mit Windows gar nicht oder nur mit zusätzlicher Software funktionieren.

Wer Linux und Windows vergleichen will, muss sich erst mal entscheiden, welches Windows gegen welches Linux antritt. Verschiedene Linux-Distributionen und konkurrierende Windows-Versionen buhlen um die Gunst der Anwender. Dabei ist der erste Anschein trügerisch: Hinter den fast identischen Oberflächen von Windows 2000 einerseits sowie Windows 98 und dessen Nachfolger Windows ME (Millennium Edition) stecken grundverschiedene Betriebssysteme.

Windows ME ist der jüngste Spross einer Entwicklung, die mit dem ‘grafischen Betriebssystemaufsatz’ Windows 1.x begann und über Windows 95 und 98 zum neuesten Microsoft-Betriebssystem führt. Letztlich steckt dahinter immer noch das gute alte MSDOS, aufgepeppt um Multitasking, 32-Bit-Betrieb und neue Schnittstellen für Anwendungen.

Windows 2000 hingegen ist als NT-Nachfolger ein Betriebssystem, das unter der Haube mehr Ähnlichkeit mit Linux hat als mit Windows 98 - auch wenn beide Windows heißen und sich dem Benutzer sehr ähnlich präsentieren. Der Anwender merkt die Unterschiede jedoch spätestens dann, wenn er für eine Hardware lediglich einen Windows-98-Treiber hat und sie unter Windows 2000 betreiben will: Das geht in der Regel nämlich nicht.

Bei den verschiedenen Linux-Distributionen sieht das anders aus: Auch wenn sie sich dem Anschein nach unterscheiden, steckt doch immer das gleiche Betriebssystem dahinter. Da ist bei der einen vielleicht der Kernel ein bisschen neuer und bei der anderen die Software-Auswahl größer; da mögen sich die Administrationswerkzeuge und grafischen Oberflächen unterscheiden; da setzt die eine auf besonders einfache Installation, während die andere dem Anwender möglichst viele Eingriffsmöglichkeiten einräumt.

Aber letztlich sind sowohl der Betriebssystemkern (inklusive Treiber) als auch die zentralen Systemprogramme immer dieselben. Je tiefer man in das System eindringt und hinter die Kulissen der Distributions-spezifischen Konfiguration schaut, desto ähnlicher werden die Systeme. Mit etwas Mühe ließe sich durchaus ein Red-Hat-Linux verSuSEn oder eine Mandrake-Distribution auf OpenLinux umfrisieren.

Welches Linux man nimmt, ist daher nahezu belanglos: Was mit einer Distribution geht, lässt sich auch mit jeder anderen hinkriegen - wenn auch möglicherweise mit etwas mehr Mühe oder einer etwas anderen Vorgehensweise. Wir haben uns für die in Deutschland am meisten verbreitete Linux-Distribution von SuSE (Version 6.4) entschieden.

Als Linux-Gegner kommt eigentlich nur Windows 2000 in Frage: Wer ernsthaft mit seinem Rechner arbeiten will, wird kaum auf Dinge wie Mehrbenutzerbetrieb (siehe Kasten), wirklichen Speicherschutz, Dateizugriffsrechte und vernünftiges Prozessmanagement (ohne Abstriche zu Gunsten der 16-Bit-Kompatibilität) verzichten. Das sollte heutzutage einfach Stand der Betriebssystemtechnik für PCs sein.

Damit ist auch die Frage beantwortet, warum in unseren Szenarien der Spiele-PC fehlt: Beide Systeme sind für Spiele nur bedingt geeignet. Wenn man mit seinem PC spielen will, kommen zur Zeit eigentlich nur Windows 98 oder demnächst sein Nachfolger ME in Frage. Mit DirectX schickt sich Windows 2000 allerdings an, in dieser Kategorie aufzuholen. Doch auch bei Linux tut sich einiges - mittlerweile sind einige moderne Computerspiele nach Linux portiert, und es gibt eine rege Gemeinde, die Linux mit Spielen versorgt [1].

Will man Windows 2000 und Linux grundlegend charakterisieren, hilft vielleicht ein Bild aus dem Kinderzimmer: Linux ähnelt einem Berg bunter Lego-Bausteine - zwar kann man alles Mögliche damit bauen, aber bevor man sich diese Mühe macht, stellen sie nichts dar. Windows entspricht der fertigen Plastik-Ritterburg - auspacken und loslegen, aber natürlich kann man kein Flugzeug draus machen, wenn einem das Ritterspielen langweilig geworden ist.

Das zumindest ist die Klischeevorstellung von den beiden Systemen: Mit Linux geht im Prinzip alles, aber es erfordert immer Bastelei. Windows eröffnet den direkten Zugang zu allen Funktionen, aber wenn man die von Microsoft vorgezeichneten Pfade verlässt, läuft man schnell gegen eine Wand. Ganz so stereotyp ist die Wirklichkeit natürlich nicht: Die völlige Freiheit, die der offene Systemaufbau und die freien Quelltexte von Linux bieten, ist eher theoretischer Natur.

Denn die wenigsten Linux-Anwender werden anfangen, selbst am Kernel zu hacken, um ein Problem zu lösen. Um mit Linux wirklich per Du zu sein, braucht man vor allem eines: viel, viel Zeit. Doch mit immer mehr Nur-Anwendern nimmt die Bereitschaft unter den Linuxern ab, die umfassende Dokumentation zu wälzen und tagelang herumzuprobieren.

Auf der anderen Seite zeigen die zahlreichen Tipps und Software-Downloads im Internet, dass auch mit Windows viel mehr möglich ist, als sich der unbedarfte Anwender träumen lässt. Dennoch sind diese Klischees nicht so weit weg von der Realität: Unter Linux etwas zum Laufen zu bringen heißt häufig HOWTOs, FAQs und READMEs studieren, Newsgruppen durchstöbern, den einen oder anderen Quelltext selbst kompilieren und vor allem ausprobieren. Unter Windows lautet die Frage häufig eher: Wo kriege ich Software her, die genau das kann, was ich brauche?

Dabei ist gerade die Software ein Thema, bei dem Windows eindeutig den Kürzeren zieht. Wer hundert Mark für eine Linux-Distribution ausgibt, erhält für sein Geld nicht nur das Betriebssystem samt Quelltexten, sondern auch eine Fülle von Anwendungen, bei SuSE 6.4 immerhin sechs CDs - vom Entpacker für diverse Archivformate bis zum kompletten Officepaket. Windows ist da von Haus aus sehr viel bescheidener ausgestattet - trotz des deutlich höheren Preises von fast 800 Mark.

Während sich der Linuxer wochenlang nur damit beschäftigen kann, die mitgelieferte Software auszuprobieren, muss der Windows-Anwender sehr schnell zum Download aus dem Internet greifen oder den Weg zum freundlichen Softwarehändler um die Ecke antreten. In unseren drei Szenarien zeigte sich immer wieder, dass eine umfangreiche Linux-Distribution wie die von SuSE fast alles mitbringt, was man an Software braucht - Downloads oder Software-Käufe sind kaum nötig. Mit Windows 2000 benötigt man bereits zusätzliche Software, wenn man nur ein ZIP-Archiv auspacken will.

Hinzu kommt, dass fast alle Linux-Programme kostenlos und zumeist als Open Source zu kriegen sind. Ein vollständiges Linux-System mit Bild- und Audio-Bearbeitung, Office-Paket, LAN- und Internet-Zugang, kompletter Programmierumgebung und all den kleinen Werkzeugen für die tägliche Arbeit kostet gerade mal den Preis einer Distribution - und selbst die darf man sich ganz legal von einem Freund kopieren. Das Angebot an Free- und Shareware für Windows kann da lange nicht mithalten; sehr schnell muss man Software nachkaufen (oder ‘ausleihen’), wenn man mit dem Rechner wirklich arbeiten will.

Aber wo wir schon beim Thema Klischees sind: Da ist noch einiges mehr geradezurücken. Linux beschränkt sich schon lange nicht mehr auf einen nackten Kommandoprompt, an dem der Anwender kryptische Zeichenfolgen eintippen muss, die das System dann mit unverständlichen Fehlermeldungen belohnt. Desktops wie KDE oder Gnome bringen auch dem mausverwöhnten Linuxer den Komfort einer ausgereiften grafischen Benutzerschnittstelle.

Aber die Behauptung mancher Linux-Jünger, mit KDE sei ein Linux-PC so einfach zu bedienen wie ein Windows-System, ist doch übertrieben. Die Linux-Desktops sind längst nicht so eng mit dem eigentlichen Betriebssystem verwoben wie bei Windows. Das hat Vorteile: Selbst bei einem Absturz der grafischen Oberfläche hat man mit Linux eine Chance, das System in Ehren zu beenden. Und Linux lässt sich auch über einen schmalbandigen, textorientierten Netzzugang vollständig bedienen.

Aber die saubere Trennung von Betriebssystem und GUI legt dem Anwender auch manchen Stein in den Weg: Über den Desktop lassen sich noch längst nicht alle Aspekte eines Linux-Systems konfigurieren. Wer sein Linux wirklich nutzen will, sieht sich über kurz oder lang doch wieder dem Kommandoprompt gegenüber.

Windows hingegen wird immer wieder seine mangelnde Stabilität vorgeworfen. Hier muss man zunächst unbedingt zwischen Windows 2000/NT und Windows ME/98 unterscheiden: Während bei letzterem schon eine unsauber programmierte Anwendung das System zum Absturz bringen kann, weist Windows 2000 ein konsequenteres Design auf, das das System deutlich robuster macht. Microsoft selbst bescheinigte vor einem Jahr Windows 95 dreimal so viele Abstürze wie NT 4.0 [2].

Instabilitäten unter Windows 2000 haben ihre Ursache häufig in fehlerhaften Treibern oder instabiler Hardware - beides Dinge, die auch Linux zu Fall bringen können. Probleme mit wackligen Treibern handelt man sich unter Windows 2000 zumeist erst ein, wenn man auf die systemeigenen Treiber verzichtet und die des jeweiligen Hardware-Herstellers einbindet. Dieses Problem hat man unter Linux (noch) nicht: Fast alle verfügbaren Treiber stecken im Kernel und sind entweder stabil oder ausdrücklich als experimentell gekennzeichnet.

Ein wohlgepflegtes Windows-System muss sich hinsichtlich der Stabilität nicht hinter Linux verstecken; und auch umgekehrt wird ein Schuh draus: Wer mit Linux allzu unvorsichtig hantiert, handelt sich bald ebenso schnell Probleme ein wie unter Windows - oder beschädigt womöglich die Installation, sodass sie gar nicht mehr arbeiten will.

Windows wird hier allerdings seine Benutzerfreundlichkeit zum Verhängnis: Ein Treiber ist unter dem Microsoft-System ruckzuck installiert; unter Linux ist dabei meist zumindest ein Neukompilieren des Kernels angesagt (siehe Kasten), häufig verbunden mit so gefährlich anmutenden Dingen wie dem Einspielen von Kernel-Patches. Auch welche Registry-Einträge ein Programm hinter den fröhlichen Fortschrittsbalken seines Installations-Programmes vornimmt und welche Bibliotheken (DLLs) es ins Systemverzeichnis packt, erfährt der Windows-Anwender nicht - hier profitiert Linux von seiner Transparenz.

Allerdings hat Microsoft inzwischen Maßnahmen ergriffen, um eine Windows-Installation gegen derart Unbill zu schützen: Signaturen in den Treibern sollen helfen, dass das System nur auf Herz und Nieren geprüfte Ergänzungen akzeptiert. Ferner schützt es die Systembibliotheken - was allerdings verantwortungslose c't-Redakteure mit Artikeln unterminieren, die zeigen, wie man diesen Mechanismus wegen ein paar 100 MByte Platzersparnis aushebelt ... (c't 9/2000, S. 230).

Die Treiberunterstützung unter Linux ist besser als ihr Ruf: Zwar erhält man zu jeder Steckkarte und jedem Peripheriegerät Windows-Treiber - aber die sind häufig nur für Windows 98. Windows-2000-Treiber sind gerade bei preiswerten Consumer-Geräten längst nicht selbstverständlich; und auch Microsofts Treiberausstattung berücksichtigt nicht jedes Gerät. In unserer Leser-Hotline trudeln fast täglich Hilferufe nach Windows-2000-Treibern ein, die weder Microsoft noch die Hersteller liefern.

Umgekehrt wird die allerneueste Hardware allerdings nur selten auf Anhieb unter Linux laufen: Häufig dauert es ein bisschen, bis die Treiber in den Anwenderkernel eingeflossen sind. Aber auch die vom Hersteller mitgelieferten Windows-Treiber sind nicht immer ausgereift, wenn ein neues Gerät auf dem Markt erscheint - womit wir wieder beim Thema Stabilität wären ...

Wer sich an die Windows-typische ‘Versionitis’ gewöhnt hat, wird überrascht feststellen, dass viele Linux-Programme Versionsnummern 1.x oder gar 0.x tragen. Ist das alles unbrauchbare Beta-Ware? Wo es unter Windows doch heißt: Trau keiner 1.irgendwas-Version ... Viele Linux-Software kommt aus der alten Unix-Tradition, die zum einen sparsam mit neuen Versionsnummern umgeht (so hat der Linux-Kernel 2.2 eigentlich nur wenig mit der Version 2.0 gemein) und die zum anderen die Versionsnummer 1.0 für die erste fehlerfreie und voll funktionsfähige Version vorhält. Hier ist es nicht ungewöhnlich, dass durchaus schon benutzbare Software als Version 0.1 erscheint - einfach, weil der Programmautor denkt, dass er noch einen langen Weg vor sich hat, bis das Programm all das kann, was er sich vorstellt.

Wenn man sieht, wie groß der Teil der Windows-Anwenderschar ist, der allen Updates, Service Packs und Hotfixes nach dem Motto ‘immer das Neueste’ hinterherläuft, wirkt die Angst vor der vermeintlichen Beta-Ware unter Linux geradezu albern. Wer als Windows-Freak Beta-Treiber und -BIOS-Versionen einsetzt, die das letzte Performancequäntchen aus der neuen Grafikkarte oder dem neuen Board herauskitzeln, hat keinen Grund, sich über Null-Versionen bei Linux zu mokieren.

Bleibt das Problem des Software-Angebots. Natürlich gibt es für Linux Software ohne Ende und für alle möglichen und unmöglichen Zwecke; aber manche gerade für den Heimanwender interessante Software von der Multimedia-CD bis zum WiSo-Steuerberater gibt es halt nur als Windows-Version. Die Stärken von Linux liegen in anderen Bereichen. Wer selbst programmiert, wird durchaus Sympathien für ein System aufbringen, das Dutzende von Programmier- und Skriptsprachen für alle erdenklichen Zwecke mitbringt. Manches selbst geschriebene Programm kommt durchaus ohne grafische Oberfläche und ohne Kampf mit dem Windows-API oder einer komplexen Klassenbibliothek aus.

Viele Arbeiten, die unter Windows etliche Mausklicks erfordern, lassen sich in der Linux-Shell mit einem Einzeiler erledigen. Natürlich kann man auch unter Windows in der Kommandozeile arbeiten, sich Perl installieren und ohne aufwändige IDE programmieren; aber das ist einfach nicht die Art von Bedienung, für die Windows optimiert ist. Ganz los wird man den Ressourcen-fressenden Desktop sowieso nicht, auch wenn man möglichst viel mittels Eingabeaufforderung erledigt - im Unterschied zu Linux, wo man auf einem dürftig ausgestatteten System das GUI ganz weglassen und nur auf der Konsole arbeiten kann.

Was den Linux-Anwendungen allerdings fehlt, ist eine konsistente Bedienoberfläche. Zwar erscheinen für KDE und Gnome immer mehr Anwendungen, die die jeweiligen Style Guides einhalten und so Windows-Konsistenz auf den Linux-Desktop bringen; aber vielfach muss man halt doch auf Konsolen- oder X11-Programme zurückgreifen, von denen jedes sein eigenes Look and Feel und seine eigene Bedienphilosophie mitbringt.

Interessanterweise scheint der Trend unter Windows genau in die andere Richtung zu gehen: Seit Kai’s Powertools erscheinen gerade im Multimediabereich immer mehr Anwendungen, die optisch überhaupt nichts mehr mit einem Windows-Programm gemein haben. Microsoft mischt dabei zum Beispiel mit seinem Media Player tatkräftig mit.

Bleibt ein Plus bei Linux: die Transparenz eines offenen Systems. Wer sich dafür interessiert, kann unter Linux sein System beliebig tief erforschen - bis hin zum Studium der Kernel-Quelltexte. Ein Linux-Rechner lässt sich vom Kernel bis zum Desktop bis ins letzte Detail ganz nach Wunsch konfigurieren. Wer schon öfters vor der Komplexität der Windows-Registry kapituliert hat, dem öffnen sich mit Linux ungeahnte Möglichkeiten - sofern man die Zeit aufbringt, sich mit dem System zu beschäftigen und nachzulesen oder einen Linux-Guru zur Hand hat. Hier liegen die Vorteile klar bei Windows: Aufgrund dessen weiterer Verbreitung dürfte man leichter jemanden finden, der schon mal ein ähnliches Problem hatte und weiterhelfen kann.

[1] Spiele für Linux: www.linuxgames.com, www.happypenguin.org

[2] Stabilität von Windows: www.microsoft.com/NTWorkstation/eval/ProductCompare/Windows95/win95reasona.asp

Sowohl Windows 2000 als auch Linux unterscheiden Benutzer. Sie statten einen speziellen Benutzer, Administrator respektive root, mit allen Rechten aus. Er verwaltet das System, fügt Treiber hinzu, installiert Software und ist für das Einrichten weiterer Benutzer zuständig. Über die Zugehörigkeiten zu Gruppen koordinieren beide Systeme die grundsätzlichen Rechte Einzelner. Linux regelt mit einer dateibasierten Sicht die Rechte für bestimmte Zugriffe im Detail (unter Unix ist alles eine Datei, auch Geräte wie COM-Ports oder Kommunikationsmittel).

Windows 2000 kennt dagegen über den Dateizugriffsschutz hinaus recht fein gegliederte Sonderrechte, etwa zum Erstellen von Backups oder Ändern der Systemzeit. Ein einheitliches, für den Benutzer nachvollziehbares Modell, wie es Linux über das Knüpfen aller Benutzerrechte an Dateien vorsieht, existiert unter Windows 2000 nicht (wenngleich die Sicherheitsinformationen einheitlich als Objektattribute in so genannten ‘Access Control Lists’, kurz ACLs, abgelegt sind). Durch die ACLs fallen die Eingriffsmöglichkeiten für Administratoren unter Windows 2000 umfangreicher aus, letztlich können sie sich so aber auch deutlich schneller verzetteln.

Die Möglichkeit, Benutzer zu unterscheiden und ihnen unterschiedlich tiefgreifende Eingriffsmöglichkeiten ins System einzuräumen, ergibt auch auf Einbenutzersystemen Sinn: Der Schaden, den man als nicht privilegierter Benutzer (auch ganz ohne Absicht) im System anrichten kann, hält sich in Grenzen; in der Regel können normale Benutzer zum Beispiel keine Systemdateien löschen. Als wichtigste Tugend sowohl unter Windows 2000 als auch Linux gilt es deshalb, seine tägliche Arbeit als normaler Benutzer und nicht als Systemverwalter zu verrichten.

Linux ermöglicht dabei einen ‘echten’ Mehrbenutzerbetrieb: Mehrere verschiedene Benutzer können gleichzeitig auf einem Linux-Rechner arbeiten und die Ausgaben ihrer Programme (ob grafisch oder auf der Konsole) auf verschiedene Clients umleiten. Die Workstation-Variante von Windows 2000 (Professional) sieht hingegen nur einen interaktiv mit dem System verbundenen Benutzer vor. Erst im Server hat Microsoft mit den Terminal Services Funktionen eingebaut, über die mehrere Benutzer auf Anwendungen zugreifen können. Auf den Clients muss dazu eine spezielle Software laufen, die Microsoft selbst nur für die Windows-Familie anbietet.

Man mag einwenden, dass der ‘echte’ Mehrbenutzerbetrieb für den Einzelplatz-PC keine Rolle spielt. Aber die Fähigkeit, gleichzeitig beispielsweise als Normalbenutzer und Systemverwalter zu arbeiten, wird dann wichtig, wenn man als Normalbenutzer angemeldet ist, aber mal eben eine Software nachinstallieren oder eine Systemeinstellung ändern möchte. Musste man sich dazu unter Windows NT noch ab- und als Systemverwalter neu anmelden, kennt Windows 2000 ein ‘runas-Kommando’. Damit lassen sich Programme unter einem anderen als dem gerade angemeldeten Benutzerkonto starten.

Einige Verwaltungsaufgaben kann man direkt auf der grafischen Oberfläche über ihr Kontextmenü als Administrator ausführen. Allerdings bieten nicht alle Einträge in der Systemsteuerung diese Funktion von sich aus an. Hält man jedoch die Shift-Taste beim Rechtsklick fürs Kontextmenü gedrückt, zeigt das System die ‘Ausführen als’-Funktion fast immer an.

Eine derartige Funktion existiert in der grafischen Bedienoberfläche der SuSE 6.4 nicht. Allerdings hat SuSE dafür gesorgt, dass wichtige Konfigurationswerkzeuge wie Yast vor dem Start das root-Passwort erfragen, wenn sie von einem normalen Benutzer über den Desktop gestartet werden. Und über das ‘su’-Kommando lässt sich jeder Prozess von der Kommandozeile aus mit dem gewünschten Benutzerkonto starten.

Wer sich näher mit Linux beschäftigt, stößt sehr schnell auf eine Furcht erregende Angelegenheit: Das Kompilieren eines eigenen Kernels. Kryptischen C-Quellcode selbst kompilieren - und dann auch noch gleich den Betriebssystemkern? Wenn da etwas schief geht ... schadet das erst mal gar nichts: Der alte, funktionierende Kernel bleibt nämlich erst mal erhalten.

Aber wozu überhaupt einen eigenen Kernel kompilieren? Der Linux-Kernel ist modular aufgebaut: Jeder Hardware-Treiber, jedes Dateisystem, jedes Netzprotokoll und viele weitere Funktionen wie die Nutzung bestimmter Prozessor-Fähigkeiten lassen sich in den Kernel einbauen oder weglassen. Mit einem eigenen Kernel kann man das Betriebssystem optimal an das eigene System und die eigenen Ansprüche anpassen.

Die Standardkernels der Linux-Distributionen stellen eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner dar: Wenn der Kernel für x386-Prozessoren kompiliert ist, läuft er natürlich auch auf dem neuesten PentiumPro - nur nicht ganz optimal. Wenn Support für alle gängigen Chipsätze einkompiliert ist, kommt der Kernel mit fast allen Boards klar - aber schleppt halt auch etwas Ballast mit sich rum. Bei Betriebssystemen, die man ohne Quelltexte erhält, muss man damit leben; bei Linux kann man durch das Kompilieren eines neuen Kernels Abhilfe schaffen. Kann - muss man aber nicht: Der Performancegewinn durch einen speziell an den eigenen Computer angepassten Kernel sind nicht sehr groß; und ob der Kernel 100 KByte überflüssigen Code enthält, spielt bei vielen Megabyte RAM auch keine große Rolle.

Zum Ansprechen der Hardware setzen mittlerweile alle Linux-Distributionen auf vorkompilierte Kernelmodule. Das sind zur Laufzeit ladbare Treiber, die der Kernel je nach Bedarf beim Systemstart oder beim Zugriff auf das entsprechende Gerät lädt. In den allermeisten Fällen wird es daher gar nicht nötig sein, überhaupt einen eigenen Kernel zu kompilieren - auch wenn man (vor allem in älterer Dokumentation) immer wieder davon liest.

Und wenn es denn doch ein eigens kompilierter Kernel sein soll (oder muss): Die Linux-Kernel-Quellen kommen mit einem komfortablen Frontend zur Konfiguration, das grobe Fehler verhindert. Zu jedem Menüpunkt gibt es eine hilfreiche Erklärung, häufig gleich mit einer direkten Empfehlung für die Einstellung (etwa: ‘Most users don’t need this feature’). Das Kompilieren selbst läuft dann in aller Regel völlig problemlos ab - niemand braucht sich durch Megabytes an C-Quellen zu wühlen, nur um einen Linux-Kernel zu kompilieren.

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