Big Brother surft mit

@ctmagazin | Editorial

Big Brother surft mit

Das Internet hat so seine Reize - und nicht jeder kann ihnen widerstehen. Vor allem nicht im Büro, während der Arbeitszeit. Schließlich gibt´s den Online-Zugang nirgendwo sonst so billig.

Klar, daß mancher Chef gerne wissen will, womit sich seine Angestellten so beschäftigen. Angeblich entwickelt sich das Surfen am Arbeitsplatz zum Produktivitätskiller. Ob dieses Problem wirklich existiert oder nicht - auf jeden Fall kann man mit vermeintlichen Lösungen ein Geschäft machen. Da kommt der jüngst von einer US-Firma vorgestellte "Aktivitätsmonitor" gerade recht: Anders als bisherige Überwachungssoftware sammelt er nicht nur die angesteuerten Internet-Adressen, sondern sichert in zufälligen Zeitabständen den Bildschirminhalt des Rechners. Beim Durchstöbern der archivierten Screenshots können Vorgesetzte endlich ohne großen Aufwand feststellen, ob Mitarbeiter ihre Arbeitszeit in Newsgroups und auf Web-Seiten fragwürdigen Inhalts vertrödeln.

Kontrolle ist nichts Neues. Auch bisher konnte der Arbeitgeber gelegentlich ins Zimmer schauen - nicht ohne guten Grund. Fatal wird aber die automatische Überwachung im Netz: Die Software klopft nicht freundlich an, bevor sie einen Screenshot abspeichert. Rund um die Uhr sitzt das ungute Gefühl in der Magengrube: Bloß nicht auf den falschen Link klicken, wenn die Internet-Suchmaschine wieder mal eine harmlose Anfrage mißversteht und mit 100 zweifelhaften URLs beantwortet.

Wer angesichts der neuen Technik an "1984" denkt, liegt vielleicht gar nicht so falsch. Nur mußte George Orwell für seine böse Utopie der totalen Kontrolle noch aufwendige Video-Hardware - die "Telescreens" - und den riesigen Behördenapparat des "Miniluv"-Ministeriums erdichten. Inzwischen schreiben wir das Jahr 1997. Heute genügt ein vernetzter Arbeitsplatzrechner, und den Verwaltungsaufwand minimiert spezielle Software.

Noch einfacher gelingt die Kontrolle der EMail: Kein Klicken im Telefon, keine mit Tesafilm zugeklebten Briefe verraten die Spionage. Kündigungsgrund für einen Angestellten in den USA: Er hatte eine EMail mit kräftig formulierter Unternehmenskritik an einen vertrauten Kollegen geschickt. Daß der Arbeitgeber diesen Brief mitgelesen hatte, empfand das angerufene Gericht keinesfalls als Verletzung der Privatsphäre.

Auch in Deutschland herrscht Unklarheit über die rechtliche Lage. Darf unverschlüsselte EMail von jedermann gelesen werden - so wie eine Postkarte? Viele Stimmen meinen: Wird die private Nutzung nicht offiziell verboten, unterliegt EMail auch in Firmen dem Briefgeheimnis. In jedem Fall müßte vor Kontrollmaßnahmen der Betriebsrat eingeschaltet werden, falls vorhanden.

Eigentlich sollte aber jedem klar sein: Ein Unternehmen, das es für nötig hält, seine Mitarbeiter digital auszuspionieren, steckt in einer Krise. Nicht unbedingt in einer wirtschaftlichen, auf jeden Fall aber in einer psychologischen.

Was soll durch Kontrollen verschärfter Druck in einer solchen Situation bewirken? Doch allenfalls, daß das letzte Quentchen Motivation schwindet. Freundlicher Umgang mit Kunden, sorgfältige Arbeit oder gar kreative Höhenflüge sind dann passé. Zum Schluß wird das Unternehmen nur noch mit Druck regiert; die Kontrolle erweist sich als unentbehrlich. Hersteller von Produkten wie dem "Aktivitätsmonitor" dürfen sich dann die Hände reiben.

Jörn Loviscach

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