Bildung trotz Business

Intels Antwort auf den 100-Dollar-Laptop

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Die 100-Dollar-Laptop-Organisation OLPC legte zwar einen furiosen Start hin, doch Intel hat mit seiner Version eines Schüler-Laptops rasant aufgeholt. Jetzt machen beide gemeinsame Sache.

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Als die Initiative One Laptop Per Child (OLPC) Ende 2005 den weltgrößten Notebook-Fertiger Quanta für den Bau des XO-Laptop ins Boot holte, tat Intels Vorstandsvorsitzender Craig Barett den damals noch 100-Dollar-Laptop genannten XO als Spielzeug ab. Doch spätestens als klar war, dass OLPC keine Luftnummern produziert, sondern mit AMD und anderen namhaften Herstellern im Jahr 2006 bereits erste Boards entwickelte, dürften die Alarmglocken geschrillt haben.

Intel gab Vollgas und präsentierte nur sechs Monate nach der despektierlichen Barett-Äußerung seine Version eines Schüler-Laptops für Entwicklungs- und Schwellenländer. Auf dem World Congress on Information Technology in Austin, Texas, stellte Intel-Chef Paul Otellini am 3. Mai 2006 das Eduwise genannte Gerät samt zugehörigem Programm World Ahead vor. Mittlerweile hat Intel den Eduwise in Classmate PC umgetauft und rührt seit Monaten kräftig die Werbetrommel für den Schüler-Laptop. Seit Ende März liefert Intel den Laptop unter anderem in Chile, Brasilien und Mexiko aus. Derzeit kostet der Rechner über 300 US-Dollar, der Verkauf an Privatleute ist wie beim XO-Laptop nicht vorgesehen.

Mit Classmate PC und dem Bildungsprogramm World Ahead positioniert sich Intel seit Mai 2006 gegen One Laptop per Child und damit den XO-Laptop. Doch seit 13. Juli werden die Karten komplett neu gemischt: Otellini und OLPC-Boss Nicholas Negroponte vereinbarten, dass der Chiphersteller einen der Vorstandssitze von OLPC bekommt.

Um die Auswirkungen dieses Schachzugs zu verstehen, ist ein genauer Blick auf den Classmate PC und Intels Aktivitäten in den Entwicklungs- und Schwellenländern notwendig. Da passte es gut, dass Intel im Vorfeld dieses Paukenschlags mit der Versendung von Testmustern an die IT-Presse begann. Eines davon konnte die Redaktion ausführlich unter die Lupe nehmen, inklusive der von Intel vorgesehenen pädagogischen Anwendungen und Inhalte. Den XO-Laptop hatte heise mobil bereits früher unter die Lupe genommen.


Classmate PC
Technische Daten
TypMini-Notebook mit Hülle und Griff
BetriebssystemWindows XP SP2 (*1)
SoftwareMS Office 2003, NoteTaker, DisplaySwitcher, Mythware e-Learning Class 6.0 Student Program
Display7,0 Zoll LCD, 800 × 480 (133 dpi, 15:9), mit LED-Hintergrundbeleuchtung
Helligkeit / Kontrast / Blickbereich188 cd/m² / 678:1 / ±52° (horizontal), ±40° (vertikal)
BIOSAMI BIOS 03/02/2007
ProzessorIntel Celeron M 353 (900 MHz, 64 KByte L1-Cache, kein L2-Cache, Dothan-Kern)
ChipsatzIntel 915GMS, Southbridge ICH6-M
Arbeitsspeicher1 × 256 MByte (SO-DIMM, PC2-4300)
Speicher2 GByte NAND-Flash (M-Sys uDiskOnChip USB Device)
AudioAC'97: Vinyl
Ports und ErweiterungenUSB 2.0 (links und rechts), SD-Card-Slot (verdeckt hinten), Audio out und Mikrofoneingang (beide links), internes Mikrofon, LAN (links)
Tastatur / TastenrasterQWERTY / 16,6 mm × 10,4 mm
WLANMSI RT73 USB Wireless LAN Card (802.11 b/g)
Akku44,4 Wh LiIon (6 Zellen) von Samsung, hergestellt von Celxpert
SonstigesTPM-Chip für Sicherheitseinstellungen
Größe (inkl. Hülle)24,5 cm × 19,3 cm (ohne Griff), 23,9 cm (mit Griff) × 4,5 cm
Gewicht: Gerät mit Akku / Netzteil1,47 kg / 0,31 kg
Preisca. 350 US-$
*1 den Classmate PC gibt's auch mit den Linux-Distributionen Mandriva Discovery 2007 und Metasys Classmate 2.0

Auf dem Classmate PC läuft entweder Linux (Mandriva Discovery 2007 oder das auf den Schulbereich zugeschnittene Metasys Classmate 2.0) oder Windows XP. Unser Testgerät war mit dem Microsoft-Betriebssystem ausgestattet. Der Classmate PC ist ein abgespeckter x86-Laptop in stabiler Ausführung mit einer blauen, teils abnehmbaren Hülle mit Griff. Er passt ungefähr auf die Fläche eines aufgeschlagenen Taschenbuchs und wiegt fast 1,5 kg. Ähnlich kleine Mini-Notebooks haben ein Pfund weniger, doch spielen sie mit Preisen um 2000 Euro in einer anderen Liga. Das Gehäuse ist äußerst robust, mit abgerundeten Kanten und verwindungssteifem Display. Stürze vom Stuhl oder Tisch übersteht der Kompakte auch deshalb einigermaßen unbeschadet, weil ein breiter Rand das kleine Display umfasst und statt einer empfindlichen Festplatte Flash-Speicher im Gerät steckt.

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Die an der Display-Seite abnehmbare blaue Hülle mündet in einen Griff für den Transport. Vergrößern

Anders als im völlig neu entwickelten XO von OLPC läuft im Classmate PC herkömmliche Hard- und Software, allerdings auf sehr niedrigem Performance-Niveau. Dem Intel-Chipsatz 915GMS mit integrierter Grafikeinheit aus der vorletzten Notebook-Generation stehen ein Celeron M 353 mit 900 MHz ohne L2-Cache und nur 256 MByte RAM zur Seite. Bereits einige Videos überfordern ihn. Für Texte und Instant Messaging mit dem Lehrer (dazu gleich mehr) reicht zwar die Rechenleistung, aber Bildbearbeitungs-Workshops kann der Kunstpädagoge damit nicht umsetzen. Das verbietet allein schon der nur 2 GByte fassende NAND-Flash-Speicher, der Daten etwa halb so schnell überträgt wie eine Notebook-Festplatte.

Der Flash-Speicher ist als USB-Device angebunden. Damit Windows trotzdem von dort bootet, gibt es einen speziellen Treiber von M Systems. Windows XP plus Anwendungen brauchen trotz kastrierter Version immer noch 1,24 GByte Platz. Es fehlen einige Dienste, darunter Help und Support, und viele Treiber, was zum Beispiel dazu führt, dass sich USB-Maus und -Tastatur nicht automatisch installieren. Die Linux-Modelle kommen nur mit 1 GByte Festplattenersatz, weil die Distributionen nicht so verschwenderisch mit Speicherplatz umgehen.

Das sieben Zoll kleine Display hat eine Auflösung von 800 × 480. Das reicht für einige Windows-Einstellungsfenster nicht aus, sodass Schaltflächen wie OK, Abbrechen und Übernehmen unerreichbar außerhalb der Anzeige liegen – äußerst nervig für Schulkinder wie für Erwachsene.

Das Panel leuchtet mit 188 cd/m² hell genug fürs Klassenzimmer. Draußen kommts auf die Umgebungshelligkeit an: Bei bewölktem Himmel erkennt man das Angezeigte, bei Sonnenschein kaum. Das Panel ist mit einer LED-Hintergrundbeleuchtung und Retarderfolie auf der Höhe der Zeit und zeigt wenig Farbverfälschung bei schräger Draufsicht. Der Blickbereich entspricht dem in Notebooks üblichen, die kontrastreichen Farben leuchten satt.

Fast ein Drittel der Grundfläche nimmt der Lithiumionenakku mit 44 Wh ein, der den Classmate maximal viereinhalb Stunden lang versorgt. Bis der Akku danach wieder seine volle Ladung hat, vergeht mit über sechs Stunden eine kleine Ewigkeit. Der Rechner nimmt bei unseren moderaten Testbedingungen (auf 100 cd/m² reduzierte Display-Helligkeit und ohne Rechenlast) bereits 10,2 W auf. Normale Notebooks verbrauchen viel mehr, aber angesichts der potenziell genügsamen Classmate-Hardware hatten wir einen besseren Wert erwartet. Ein Lüfter pustet hörbar und sehr oft, bei viel Rechenlast ständig.

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Dem Classmate unter den Deckel geschaut: Unten links mündet das schwarze Kabel in die einzige WLAN-Antenne; das LED-beleuchtete Display lässt Platz für einen breiten Rand. Vergrößern

Ganz dem Einsatzzweck entsprechend eignet sich die kleine Tastatur nur für Kinderhände. Die Tasten sind stabil eingefasst, halten einiges aus und erlauben angenehmes Tippen. Ein Finger auf dem runden Touchpad dirigiert den Cursor zuverlässig. Zwei USB-Ports, ein Mikrofoneingang, Audioausgang (analog), LAN, WLAN (802.11 b, g) und ein hinten unter der blauen Schutzhülle versteckter SD-Card-Slot sind die einzigen Erweiterungsmöglichkeiten. Da im Deckel nur eine WLAN-Antenne sitzt (üblich sind zwei), muss der Rechner nahe an den Access Point. Auf unserer Teststrecke gab es bereits nach 15 Metern Verbindungsabbrüche, während die meisten anderen Notebooks auch über 20 m noch Daten übertragen. In zehn Metern Entfernung lag die Datenrate des Classmate bei nur 1,7 MByte/s. Für den späteren Einsatz in Entwicklungsländern sieht Intel Wimax-Funk vor. Unser Testgerät war damit jedoch nicht ausgestattet. Das interne Mikrofon ist unbrauchbar unempfindlich, ein externes muss also her. Die beiden Lautsprecherchen klingen laut genug und Notebook-üblich blechern.

Der Classmate PC ist ausschließlich für die Schule gedacht: Intel hat mittels eines TPM-Chips ein Sicherheitssystem vorgesehen, das den Rechner abschaltet, wenn dieser längere Zeit das Schul-LAN nicht mehr gefunden hat.


Classmate PC
Messergebnisse
Laufzeit (bei 100 cd/m²)4,4 h (10,2 W)
Ladezeit / Laufzeit n. 1 h Ladezeit6,5 h / 0,7 h
Geräusch0,9 Sone (häufig laufender Lüfter)
WLAN-Rate (*2) über 10 m1,7 MByte/s
Speicherrate Flash (lesen)15,8 MByte/s
USB-Rate17,3 MByte/s (lesen) / 16,0 MByte/s (schreiben)
*1 Verbindungsabbrüche bei der üblichen Messstrecke von 20 m

Auf dem Windows-Classmate läuft die Schülerversion der Anwendung e-Learning Class V6.0 (www.mythware.net). Der Lehrer-Laptop hat das Gegenstück in Form einer umfangreichen Remote-Control-Anwendung mit auf den Unterricht zugeschnittenen Funktionen. Sobald ein Schüler den Classmate startet, findet dieser die Lehrer-Rechner im selben LAN/WLAN-Netz. Der Lehrer hat dann die volle Kontrolle über die Schüler-Rechner: Er kann sie stilllegen, wenn die Schüler aufpassen statt surfen sollen, er kann mit e-Learning Class Klassenarbeiten erstellen, verschicken und auswerten. Instant Messaging an alle oder einzelne Schüler sind möglich sowie Demonstrationen per Multimedia und Aufzeichnungen. Die Software dient als Unterrichts-Tool und bringt selbst keine Inhalte mit. Die Lehrmittel müssen von der Schule kommen oder von außerhalb.

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Mit e-Learning Class steht dem Lehrer eine umfangreiche Remote-Control-Anwendung fürs Klassenzimmer zur Verfügung. Vergrößern

Wenn der Internetzugang steht, können die Schüler auf Online-Lernprogramme zugreifen. Intels Programm heißt Skoool (www.skoool.com) und hilft bestimmt nicht bei der Rechtschreibung, sondern dient der naturwissenschaftlichen Bildung. Skoool steht kostenlos in Landesversionen für Thailand, Südafrika, Saudi Arabien, Spanien, Irland, UK, Türkei und Schweden in den jeweiligen Landessprachen bereit.

Der OLPC-Laptop XO hat quer über die Gehäusebreite vor der Tastatur eine stiftempfindliche Fläche fürs Malen. Der Classmate PC kann das nicht, deshalb bietet Intel gewissermaßen als Ersatz einen elektronischen Stift inklusive externen Empfänger an, der allerdings nicht zum Lieferumfang gehört. Mit diesem Stift auf Papier Gezeichnetes überträgt der am oberen Blattrand klemmende USB-Empfänger an die Software NoteTaker und diese zeigt es auf dem Display. Der Empfänger überblickt etwa eine DIN-A4-Seite. Eine Schrifterkennung fehlt.

Der Classmate PC hilft Intel, den noch brachliegenden, Milliarden Dollar schweren IT-Markt der Entwicklungs- und Schwellenländer zu besetzen. Zu dieser Strategie gehören zahlreiche Initiativen, die der Chiphersteller unter World Ahead zusammenfasst. Intel lässt keinen Zweifel an seinen Absichten und gibt World Ahead mit auf den Weg: "The new Classmate PC designed by Intel for Emerging Markets Worldwide". Anders als OLPC hat Intel vornehmlich wirtschaftliche Interessen: Erst kommt der Markt, dann das Bildungsprojekt.

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Der Classmate PC hat Mininotebook-Größe und läuft mit üblicher, aber stark abgespeckter Intel-Hardware. Vergrößern

Intels Vorstandsvorsitzender Craig Barrett hat World Ahead im Mai 2006 persönlich vorgestellt und fungiert als dessen Sprecher – das Programm ist also Chefsache (www.intel.com/intel/worldahead). Zu World Ahead gehören GAPP (Government Assisted PC Program) für die IT-Ausstattung von Regierungsstellen, natürlich der Classmate PC, Billig-Desktop-PCs, und die Intel Education Initiative. Letztere besteht unter anderem aus dem Teach Program für die Ausbildung der Lehrer, dem Learn Program mit Material für Schüler und dem vom MIT übernommenen Computer Clubhouse Network. Die Clubhouses sind Orte, an denen sich Schüler unter Anleitung nach der Schule treffen.

Intels Einsatz in den bevölkerungsreichen, aber finanzschwächeren Ländern begann nicht erst 2006. Die Computer Clubhouse Networks gibt es seit den 90er-Jahren, nach Intels Angaben nun mittlerweile in 20 Ländern. Intel Teach existiert seit 2000 und hat nach Firmenangaben mehr als vier Millionen Lehrer in über 40 Ländern erreicht. Damit war Intel ähnlich früh im avisierten Markt aktiv wie die MIT-Vorläufer von OLPC.

Doch die Aktivitäten der letzten Monate gehen weit über die der letzten Jahre hinaus und waren zum Teil direkte Kampfansagen an OLPC. Ein auf dem Intel Developer Forum am 2. September 2006 vorgeführtes Heile-Welt-Video zum Beispiel zeigte glückliche nigerianische Schüler mit Classmate PCs. Nigeria ist wiederum für den Start der XO-Auslieferung von OLPC enorm wichtig, weil das Land eine Million XO-Laptops ordern will: Anfang des Jahres bekamen Schulkinder in Galadima die ersten hundert XO-Laptops in die Hand gedrückt.

Auch Brasilien nimmt im Kampf um die Schwellenländer eine Schlüsselposition ein: Bevölkerungsreich, wirtschaftlich und technisch vergleichsweise auf hohem Stand, kann sich das Land die Schüler-Laptops leisten und hat Interesse an XO-Laptops angemeldet. Intel konterte im März dieses Jahres mit Feldtests und macht das der Regierung mit einem Risikokapitalfonds von 50 Millionen US-Dollar für brasilianische IT-Unternehmen schmackhaft. Dem hat OLPC als gemeinnützige Organisation wenig entgegenzusetzen, und entsprechend sauer reagierte OLPC-Chef Nicholas Negroponte, indem er Intel vorwarf, nur wirtschaftliche Interessen zu verfolgen. Außerdem solle sich Intel schämen, die OLPC-Initiative mit Dumping-Preisen für den Classmate PC zu torpedieren, polterte Negroponte.

Das war der Höhepunkt und gleichzeitig wohl auch der Schlusspunkt des Streits zwischen Intel und OLPC um die geplante Lieferung von Millionen von Laptops an Entwicklungs- und Schwellenländer. Denn am Freitag, den 13. Juli, haben sich die beiden Kontrahenten völlig unerwartet darauf verständigt, dass Intel einen Platz im OLPC-Vorstand einnimmt. Damit sitzt Intel zusammen mit Firmen wie Google, Red Hat und AMD am Tisch.

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Der XO-Laptop hat ein sonnentaugliches Display in einem drehbaren Deckel und kommt mit Anwendungen, die Schüler zum selbstständigen Lernen führen sollen. Vergrößern

Welche konkreten Maßnahmen die Vereinbarung umfasst, wie viel Geld geflossen ist und was die beiden für die Zukunft planen, ist bisher noch weitgehend unklar. Die spärlichen Aussagen von OLPC- und Intel-Mitarbeitern lassen dennoch Schlüsse zu, warum OLPC auf Intel zugehen musste.

Intel gibt zu Protokoll, sowohl bei der Hardware als auch bei OLPC-Bildungsprojekten mitarbeiten zu wollen. Ob Intel tatsächlich bereits Boards für zukünftige XO-Versionen entwickelt, wie manche Quellen mitteilen, ist derzeit noch Spekulation. Laut Walter Bender, Softwarechef bei OLPC, soll Intel zunächst die Open-Source-Software für den XO-Laptop entwickeln und verbessern. Zukünftig will Intel eigene Hardware statt die von AMD im XO-Laptop sehen und würde sich damit die Vorherrschaft im entstehenden Markt sichern. Zunächst plant Intel für die Hardware-Ausstattung des OLPC-Schulservers. Dieser kam entgegen der Ankündigungen bislang nur langsam von der Stelle. Intel soll dafür Hardware liefern, melden Berichte aus den USA.

Für OLPC ist die Vereinbarung ein Wendepunkt in der kurzen Geschichte der Organisation. One Laptop per Child hat weniger als 20 Mitarbeiter, einen Stab von zum Teil ehrenamtlichen Entwicklern und verfügt als gemeinnützige Organisation nur per externe Geldgeber über finanzielle Mittel. Gefördert wird OLPC von Unternehmen wie AMD, Brightstar, Google, Marvell, News Corporation und Red Hat, die am Verkauf des XO-Laptop verdienen wollen.

Was OLPC mit dieser Struktur seit der Gründung im Januar 2005 erreicht hat, ist beachtlich, doch viele Baustellen sind noch offen, denn OLPC tat nichts weniger als den Laptop komplett neu zu erfinden, inklusive Software. Zudem hat OLPC immense Probleme, Nationen mit ins Boot zu holen. Aus eigener Kraft ist der Terminpan deshalb wohl nicht zu halten. Hier hakt Intel ein, wird Software und Hardware entwickeln und seine in Jahren aufgebauten weltweiten Strukturen in den Nationen nutzen. OLPC wird es damit allerdings schwerer als bisher haben, seine Ideale weiter zu verfolgen.

Für OLPC steht die Bildung an erster Stelle, Schüler sollen mit Hilfe des XO selbstständig lernen. Damit das möglich ist, erfand OLPC die Bedienoberfläche Sugar, die auf einem abgespeckten Fedora-Linux von Red Hat läuft. Zum XO gehören neu entwickelte Anwendungen zum spielerischen Programmieren und zum kreativen Umgang mit dem Rechner. Damit in strukturschwachen Gebieten der Einsatz des XO überhaupt möglich ist, setzt OLPC auf neue Hardware. Das drehbare hoch auflösende Display lässt sich als Schwarzweißbild in praller Sonne ablesen und in Innenräumen reicht die Helligkeit für ein Farbbild [1]. Ein Mesh-Funknetz hilft, die XO-Laptops ans Internet zu kriegen: Die WLAN-Chips dienen als Relais-Stationen, die Daten von XO zu XO bis zum nächsten erreichbaren Access Point auch dann weiterfunken, wenn der Laptop nicht läuft.

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Der Akku nimmt den vorderen Bereich des Classmate PC ein, unter der Tastatur liegen das WLAN-Modul und der SO-DIMM-Slot für den Hauptspeicher. Vergrößern

Der XO hat mit Embedded Hardware (AMD Geode LX-700 mit 433 MHz, 256 MByte RAM, 1 GByte NAND Flash) das Potenzial, rund zehn Stunden zu laufen, aber die Stromspar-Features sind noch nicht implementiert. Die Sicherheitseinstellungen (Diebstahlschutz, Zugangsschutz) harren der Umsetzung. Die Software funktioniert zum großen Teil, hat den Betastatus aber nicht verlassen. Den von Quanta gebauten XO verkauft OLPC an Regierungsstellen. Zusammen mit lokalen Vertretungen der Vereinten Nationen (UNDP) sollen die XO-Laptops an die korrekten Empfänger verteilt werden. Allerdings ist derzeit die Service- und Supportstruktur noch unklar. Eine vierstellige Zahl von XO-Prototypen befindet sich bei den Entwicklern und in Feldtests.

Das Bildungsprojekt kann nur dann Erfolg haben, wenn der XO im zweistelligen Millionenbereich verkauft wird. Angesichts der Weltjahresproduktion an Notebooks 2006 von 80 Millionen ist das ein hochgestecktes Ziel und ohne Intels Hilfe vielleicht nicht zu stemmen.

Wie OLPC muss allerdings auch Intel noch zeigen, wie Service und Support aussehen sollen. Da wundert es kaum, dass die Zusammenarbeit auch den Vertrieb umfasst. Der aktuelle Gerätepreis wiederum könnte von Intels Seite dazu beigetragen haben, die Tür zu OLPC zu öffnen, denn die ehemaligen Kontrahenten sind dazu verdammt, die Geräte zukünftig erheblich billiger zu verkaufen als heute: Bislang kostet der Classmate PC über 300 US-Dollar, der XO-Laptop 175 US-Dollar.

Wenn zum Beispiel im durchaus nicht armen Nigeria nur die Hälfte der 10- bis 14-jährigen Kinder XO-Laptops bekommen sollen, dann macht das 20 Millionen Stück (Quelle: Unicef) und 3,5 Milliarden US-Dollar – ohne Infrastruktur, Server und Support. Verglichen mit dem Bruttosozialprodukt 2006 von 92 Milliarden US-Dollar (Quelle: Weltbank) ist das selbst für dieses Land ein erklecklicher Betrag.

Ohne Finanzhilfe von außen ist die landesweite Ausstattung für die meisten Staaten daher schlecht vorstellbar. OLPC hat den günstigeren Laptop, Intel das Geld: Mit Finanzspritzen wie dem erwähnten Risikokapitalfonds in Höhe von 50 Millionen US-Dollar kann sich der Konzern positionieren.

Intel ist nicht der einzige große IT-Konzern, der in Entwicklungs- und Schwellenländern ein großes Marktpotenzial sieht und dafür an Strategien feilt. Microsoft hat ein Geschäftsmodell names FlexGo vorgestellt (www.microsoft.com/emerging/Partners/Default.mspx) und die Initiative Unlimited Potential gegründet. Ähnlich den Handyverträgen mit subventionierter Hardware zahlt ein Abonnent per Vorkasse für die zeitliche Nutzung des FlexGo-PC, einem Billigrechner mit AMD-CPU. Unlimited Potential umfasst unter anderem den mit AMD entwickelten Schülerrechner IQ PC für Indien, der noch im Juli ausgeliefert werden soll.

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Intel fasst die zahlreichen Initiativen für Lehrer, Schüler und Regierungen in World Ahead zusammen. Vergrößern

Zusätzlich zum Engagement bei OLPC und Microsoft hat AMD eigene Aktivitäten gestartet und unter 50X15 zusammengefasst (50x15.amd.com). Des Weiteren arbeitet Microsoft mit der UNIDO zusammen, der UN-Organisation für industrielle Entwicklung, um Millionen von Gebrauchtrechnern zum Recyclen nach Afrika zu schicken. Die erste Fabrik dafür soll in Uganda stehen. Die überholten Geräte sollen dann auf dem Kontinent verkauft werden.

Ein extrem günstiges Mini-Notebook ohne pädagogische Einbettung hat Asus vorgestellt. Den Eee PC (siehe Computex-Newsmeldung) soll es in zwei Versionen für 199 und 299 US-Dollar geben – billiger als den Classmate. Prozessor und Chipsatz sind von Intel, als Betriebssystem kommt ein angepasstes Linux zum Einsatz. Der günstigere Eee PC hat ein 7-Zoll-Display (Modell 701), der teurere eines mit 10 Zoll (Modell 1001). Beide laufen mit Pentium M (900 MHz), 512 MByte Hauptspeicher, Flash-Speicher und funken per WLAN.

Die Installation von Windows soll auf dem Eee PC möglich sein, anspruchsvolle Arbeiten dürften aber am mageren Arbeitsspeicher scheitern. Die Laufzeit soll drei Stunden betragen. Mit dieser Ausstattung konkurriert der Eee PC gegen den Classmate. Noch im Herbst soll es den Kleinen mit dem lustigen Namen in vielen Ländern geben. Noch im Herbst soll es den Kleinen mit dem lustigen Namen in vielen Ländern geben, unter anderem in Europa und auch für private Käufer.

Die ersten Erfolge des Bildungsprojekts One Laptop per Child (OLPC) und der schnelle Fortschritt beim XO-Laptop haben die großen IT-Konzerne geweckt. Um den Milliardenmarkt in bevölkerungsreichen, aber finanzschwachen Ländern nicht einer gemeinnützigen Organisation zu überlassen, warf Intel OLPC den Knüppel in Form des serienreifen Classmate PC zwischen die Beine und griff dabei auf enorme Finanzmittel zu.

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Asus hat auf der Computex 2007 in Taiwan den Eee PC vorgestellt, ein Mininotebook für 200 bis 300 US-Dollar, das auch für Privatkäufer voraussichtlich im Herbst in den Handel kommt. Vergrößern

OLPC kam ins Straucheln und erhofft sich nun ausgerechnet Hilfe von seinem ärgsten Widersacher: Indem Intel einen der Vorstandssitze von OLPC erhält, hat der Chiphersteller ab sofort enormen Einfluss auf die Zukunft der gemeinnützigen Organisation. Dessen ehrgeiziges Bildungsprojekt wird sich dadurch ändern, denn für Intel steht der Markt an erster Stelle, für OLPC dagegen die Ausbildung.

Doch der Markt ist so groß, dass mehrere Projekte dieser Größenordnung möglich sein sollten. Weder Intel noch OLPC haben bislang eine erkleckliche Zahl von Schülern eines Landes mit Laptops ausgestattet. Selbst der für Industrieländer günstige Betrag von 175 US-Dollar für den XO-Laptop würde bei den meisten Ländern ein erhebliches Loch in den Haushalt reißen. Ohne Sponsoring ist der Erfolg deshalb schwer vorstellbar, und das kann nur den großen IT-Konzernen gelingen.

Im direkten Vergleich XO-Laptop gegen Classmate gewinnt der XO wegen seines außergewöhnlichen Displays und der auf Kinder zugeschnittenen Bedienung. Die Hardware hat das Zeug zum Dauerläufer, muss das aber erst noch beweisen. Der Classmate PC ist dagegen fertig und wird schon verkauft. Er ist ein äußerst robustes Vierstunden-Notebook für Schülerhände und genügsame Anwendungen. Um die Kosten des Rechners zu drücken, nahm Intel herkömmliche Technik und reduzierte sie aufs Äußerste: Die Display-Auflösung reicht nicht für das Betriebssystem, Webvideos kann die Hardware kaum abspielen und Funkanbindung klappt nur in der Nähe des Access Points.

Ob sich Schulen und Regierungsstellen für Intel oder für OLPC entscheiden, hängt außer vom Geld auch von der pädagogischen Überzeugung ab: Intels Schüler-Laptop kommt mit herkömmlichen Betriebssystemen und Steuer-Software für den Unterricht. Der Lehrer spielt eine entscheidende Rolle, also muss er zuerst lernen, mit Rechnern umzugehen. World Ahead bietet dafür die Bildungsprogramme. Der XO-Laptop dagegen soll mit seiner Software die Kinder zum eigenständigen Lernen ermuntern. Die Software ist ganz auf dieses Ziel ausgerichtet, insofern kommt dem Lehrmaterial für Schüler bei OLPC eine größere Rolle zu als bei Intels Classmate. (jr)

[1] Jürgen Rink, Kinderleicht lernen für alle, Das Projekt "One Laptop per Child" geht in die kritische Phase, www.heise.de/mobil/artikel/88439