Bill Gates lacht sich ins Fäustchen

@ctmagazin | Editorial

Es geht die Rede, in den USA sei es egal, wie man sein Vermögen erworben habe. Man müsse es nur 100 Jahre behalten, dann gehöre man zum Establishment. Die Spekulation, ob die Kennedys mit Mafiageschäften reich wurden, ist gerade noch einen Nebensatz im Bericht über den jüngsten Unglücksfall im Clan wert. Heute sind sie der Prototyp des Geldadels in der Neuen Welt. Bis dahin hat Bill Gates noch einiges vor sich. Guten Freunden legt man aber keine Steine in den Weg: die Politik schmückt sich nur zu gerne mit Big Bill. Microsofts Geschäftspraktiken kommen nur in Randbereichen unter Beschuß.

Ist es also schon die Arroganz des Establishments, wenn Microsoft der Justiz eine lange Nase zeigt? Der Eindruck entsteht. Die Verfügung von Richter Jackson, vorerst keine Verbindung zwischen Windows 95 und dem Internet Explorer herzustellen, schien eindeutig. Sie durch nicht so recht funktionierende oder veraltete Systemversionen zu unterlaufen, dazu gehört schon einiges an Chuzpe. Entsprechend groß ist die Aufregung. Microsoft selbst schickt Propagandachef Murray vor und Steve Ballmer, den Mann fürs Grobe. Lautstark trompeten sie ihre Empörung durch die Lande - Richter und Ministerium seien ein Haufen von Ignoranten, und Microsoft würde völlig zu Unrecht verfolgt.

Bill Gates lacht sich ins Fäustchen. Ein Nebenkriegsschauplatz mausert sich zum Schlachtfeld, auf dem man sich weidlich beharken kann. Zentrale Positionen geraten schließlich nicht in Gefahr. Oder redet noch irgend jemand davon, daß sich an Microsofts Quasi-Monopol bei PC-Betriebssystemen irgend etwas ändern ließe? Mögen Browser-Interface und Java auch das zugrundeliegende System beliebig machen - wenn sowieso jeder PC mit Windows 95 oder 98 ausgeliefert wird, spielt das überhaupt keine Rolle. So läßt sich trefflich streiten, ob Microsoft einen Web-Browser dazupacken darf.

Es versteht sowieso kein Anwender, warum er mit dem Betriebssystem keinen Browser geliefert bekommen soll. Die Computerwelt ist doch ohne WWW heute nicht mehr vorstellbar. Spätestens wenn die Software nicht mehr mitarbeiten will, weil die HTML-Hilfe mangels Browser nicht funktioniert, geht auch dem Benutzer ohne Internet-Anschluß der Hut hoch. Und da es die Browser so oder so umsonst gibt (wer hat zum letzten Mal Geld für Netscapes Navigator bezahlt?), ist's doch einerlei ...

Aber vielleicht besinnt sich die amerikanische Justiz ja noch. Immerhin ist inzwischen nicht nur dem Ministerium aufgefallen, daß Alternativen zu Microsofts Betriebssystemen und der Anwendungssoftware eine feine Sache wären. Bräche die Dominanz Microsofts bei den Systemen, könnte sich die Firma auch das angestrebte Monopol bei Anwendungen (seien es nun Web-Browser oder Office-Pakete) abschminken. Dazu braucht es allerdings einiges mehr als nur bombastisch aufgebauschter Nadelstiche von Justiz und Ostküsten-Establishment - zum Beispiel etwas mehr Geschick, ein Konkurrenzsystem im Massenmarkt zu plazieren, als es IBM mit OS/2 bewiesen hat.

Bei nüchterner Betrachtung ist Gates' Position also in keinster Weise bedroht. Zum Geldadel gehört der Liebling der Politik schon nach nur 20 Jahren. Wenn auch mit dem Nachwuchs alles gutgeht, muß die Familie vielleicht gar keine 100 Jahre am eigenen Clan arbeiten.

Jürgen Kuri

Anzeige