Blaue Wunder

@ctmagazin | Editorial

Blaue Wunder

Keine Woche ohne Meldung, dass IBM Linux unterstützt. Ein paar hundert Milliönchen hier, ein neues Linux-Schulungszentrum dort. Eine Java-Runtime? Bitteschön. Ein Datenbanksystem für den Entwickler? Ein XSL-Prozessor? Vielleicht auch noch hundert Druckertreiber gefällig? Dem Linux-Freund wird ganz warm ums Herz.

Und das auch noch alles von der guten alten Tante IBM, der man ja schon geradezu über die Straße helfen will, weil sie sich doch so arg geplagt hat, dem bösen Monopolisten Microsoft mit OS/2 ein Stück von dem Kuchen abzuschneiden, den sie ihm mit dem MS-DOS-Vertrag einst zugeschanzt hat. Alles vergebens. Super Technik, saumäßiges Marketing, murmelt noch heute gebetsmühlenhaft das letzte Häuflein Aufrechter.

Aber jetzt Linux. Die ABM-Fraktion (Anything But Microsoft) hat sich um eine neue Hoffnung geschart. Linux/390, Linux/400 und Linux/6000 - für die Linux-Gemeinde heißt das "Da werden Sie geholfen" im Kampf gegen Windows.

Also nur Gutes, und IBM tut es? Dem intel-lenten Paranoiker dürften sich angesichts IBMs "Linux-Embracement" eher die Nackenhaare sträuben. Ein kapitaler Königstiger läuft halt nur so lange am Halsband, wie er wirklich will. Wie wäre es mit e-Linux for e-Business? Oder "embrace & extend"?

IBM ist mit dem PC genau einmal ausgerutscht und hat die Lektion gelernt. In der nicht so langen IT-Vergangenheit hat noch jeder Quasi-Monopolist seinen Markt verteidigt: IBM dominiert immer noch die "Großrechner-Welt", Microsoft den Desktop. Die Firmen selbst sprechen natürlich nicht von Monopol, sondern von Marktführerschaft. Diese erlangt man am leichtesten, wenn man früh einsteigt. Wenn die Herde also sichtbar in eine Richtung trabt, dann heißt es, die Beine in die Hand zu nehmen und loszurennen. Und zwar nach ganz vorne.

Die Schlüssel zur Dominanz im Softwaremarkt sind bekannt: APIs und Software-Entwickler. Man gehe also schnell da hin, wo sich die Developer tummeln, und biete ihnen, natürlich frei und völlig unverbindlich, ein paar schicke Sachen an. Ist ja alles offen und die GPL verpflichtet schließlich - da droht der Linux-Idee keinerlei Gefahr. Oder doch? Preisfrage: Wer hat in den letzten Jahren die meisten Patente angemeldet?

Vielleicht haben Sie ja Recht, wenn Sie meine Bedenken für überzogen halten. Aber vermutlich haben Sie auch noch nie von einer Pressekonferenz geträumt, auf der Sie über so wunderliche Äußerungen wie die folgenden nicht im geringsten stutzig wurden:

"e-Linux for e-Business basiert auf einer Initiative von IBM-Fellow Linus Torvalds, der bereits als Student begann, einen Betriebssystemkern für seine geschäftskritischen Anwendungen zu entwickeln."

"Mit der preisgekrönten Marketing-Strategie Bluetux wird IBM e-Linux for e-Business als führende Plattform für aufblasbare Schwimmhilfen positionieren."

Volker Weber

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