Brot und Spiele

3D-Grafikhardware im Mittelpunkt

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Die Chipschmieden arbeiten unermüdlich. Auch in diesem Jahr gibt es einen kräftigen Technologieschub bei Grafik-, Video- und MPEG-Komponenten. Erneut erhält man höhere Grafik- und Videoleistung zum alten Preis. Publikumsmagnet waren Grafikboards mit 3D-Beschleunigung und PC-Spiele mit beeindruckender Bildqualität.

Wüßte man nicht, daß es noch andere Grafikchip-Hersteller gibt - auf der CeBIT konnte der Eindruck entstehen, der gesamte Markt bestünde nur aus zwei Produkten von S3: einer Grafikkarte ohne 3D-Fähigkeiten für Standard- Anwendungen und einem um 3D-Beschleunigung erweiterten Produkt. Der marktführende Chiphersteller zeigt, daß man nicht unbedingt den besten Chip haben muß. Entscheidend ist, die Kartenhersteller als erster beliefern zu können. So dominieren bei den Standard-Windows/Videobeschleunigern der Trio64V+ und bei den 3D-Boards der Virge-Chip. Unter dem Druck des Marktes haben praktisch alle Boardhersteller Karten mit diesem Chip produziert, sind mit dieser erzwungenen Wahl aber alles andere als glücklich: `Nur S3 kann sich eine so schlechte Videoqualität leisten'. In ihrer Not versuchen einzelne Hersteller dem Trio64V+ mit überhöhten Speichertakten (70 MHz) und extrem schnellen und teuren EDO-RAMS (40 ns) bessere Videoeigenschaften abzuringen. Auch die 3D-Leistung des Virge soll hinter den von S3 geweckten Erwartungen zurückbleiben.

S3 versucht, die Scharten auszuwetzen. Man hörte bereits von einem Trio64V2 mit verbesserter Videoleistung, und auch der Trio-Kern des Virge soll eine etwas bessere Video- qualität haben. Für Abwechslung in der S3-Einheitskost sorgen ATI mit dem 264 VT (Video Xpression) sowie dem 3D Rage (3D Xpression); Tseng Labs meldet sich mit dem ET6000 zurück, den Hercules, Diamond/Spea und VideoLogic verwenden. Matrox kündigt ein Low-Cost-3D- Board an, mit dem man ab Jahresmitte im Markt für Spiele-Hardware mitmischen will. Ebenfalls im Sommer will Creative Labs den deutschen Markt um ein Spiele-Board mit dem Permedia-Chip von 3Dlabs bereichern, nachdem man in den Staaten und in Großbritannien bereits VL-Bus-Versionen des `3D Blasters' auf den Markt brachte. Einen interessanten Akzent im 3D-Segment setzen NEC und VideoLogic mit dem PowerVR (siehe c't 4/96, S. 178). Er kann auf einer eigenen PCI-Karte parallel zum vorhandenen Grafik-Board betrieben werden. Die CeBIT- Demo bei VideoLogic stand der Grafik-Qualität der Sony PlayStation um nichts nach.

Die bereits seit letztem Herbst erhältliche Diamond Edge 3D mit einem Chip von Nvidea/SGS Thomson wird es schwer haben, sich gegen die mächtige Konkurrenz zu behaupten. Auffallend war, daß auf der CeBIT lediglich die beiden Sega-Spiele zu sehen waren, die es bereits im letzten Herbst gab. Nur sehr am Rande waren Chips von Alliance Promotion (ProMotion-AT24, er wird von Spea/Diamond auf dem Low-Cost-Board Stealth Video 1000 eingesetzt), Cirrus Logic (CL-GD5446), Trident (TGUI9682 und T3D9692) und Avance Logic zu sehen. Wie sollte es anders sein: Die bessere Qualität erhält auch hier, wer erst bei der zweiten Generation der Spiele-Boards zugreift. Die hohen Anforderungen, die 3D-Beschleunigung und Texture-Mapping stellen, erfüllt der zur Zeit eingesetzte Grafikspeichertyp (EDO-DRAM) nur mit Mühe. Eine mit 600 bis 800 MByte/s angemessene Speicherbandbreite bieten erst synchrone DRAMs (SDRAM) beziehungsweise synchrone Grafik-RAMs (SGRAM). Ihre Massenfertigung wird gerade aufgebaut. ATI, Matrox und NEC/VideoLogic haben ihre Chips bereits für SDRAM/SGRAM vorbereitet. S3 hat diesen Speichertyp bislang nicht genannt. Ein gewichtiger Mitspieler im 3D-Geschäft ist Microsoft. Natürlich sollen Spiele über Windows-95-Schnittstellen auf die Hardware zugreifen. Die DirectDraw-, Direct3D-, DirectSound- und DirectInput-APIs sind momenten in der Betaphase. Ein Windows-95-Spiel wird gegenüber DOS zwar einen Teil der 3D-Chipleistung verschenken, läuft dafür aber auch auf Grafikkarten mit unterschiedlichen 3D-Chips. Da die MS-Schnittstellen 3D-Chips auch emulieren können, laufen DirectX-Spiele sogar auf Systemen ohne 3D-Beschleuniger, wenn auch nur mit reduzierter Framerate. Microsoft räumt ein, daß die Spiele-APIs nicht die unter DOS mögliche Leistung erreichen und nennt für Windows 95 und DirectX einen Wert von 90 Prozent der DOS-Leistung. Der tatsächliche Wert wird bestimmt nicht darüber liegen.

Auf der Messe konnte man bei S3 eine speziell an den Virge angepaßte Version von Descent II sehen, die nicht unter Windows, sondern unter DOS lief. Das Spiel war auf 640 x 400 Bildpunkte eingestellt und zeigte eine hervorragende Bildqualität bei völlig ruckfreien 15 Frames pro Sekunde. Eine bei Diamond/ Spea unter Windows laufende Virge-Demo erreichte nur etwa fünf bis sieben Frames pro Sekunde ...

Boardhersteller hofieren die Spiele-Companies und versuchen für ihre Grafikkarte möglichst attraktive Spiele einzukaufen. ATI demonstrierte Mech Warrior 2 und Actua Soccer auf der 3D Xpression. Diamond/Spea hat bei Interplay sogar zusätzlich Geld auf den Tisch gelegt, um Descent II für die Stealth 3D 2000 exklusiv zu bekommen, wenn auch nur für drei Monate. Unschön ist, daß Diamond/Spea eine Hardware-Abfrage in das Spiel einbaut, damit es trotz der DirectX-Schnittstellen von Microsoft nur auf dem Diamond/Spea-Board läuft. Elsa läßt für die Victory 3D sogar ein eigenes Spiel entwickeln. Die entgegengesetzte Produktpolitik fahren Hercules und Number Nine. Man will mit der Terminator 64/3D und der 9FX Reality 332 bewußt keine Spiele bundeln und den Preisvorteil an den Kunden weitergeben. Mit 389 DM nannte Number Nine einen Preis, der um 100 DM unterhalb der Konkurrenz liegt. Diese Politik ist um so verbraucherfreundlicher, als man damit rechnen muß, daß gebundelte Spiele nach fünfminütigem Spielspaß zum Kauf der Vollversion auffordern oder einem den Zutritt zu höheren Leveln verwehren. Nach Auskunft von Spea sollen mit der Stealth 3D 2000 zumindest Descent II und ein weiteres Spiel als Vollversion gebundelt werden.

Im High-End-CAD-Bereich spielt weniger hochwertiges Texture-Mapping als 3D in Verbindung mit hohen Auflösungen und TrueColor eine Rolle. Hier tritt Number Nine mit der Imagine 128 Series 2 an, ein 128-Bit-VRAM-Board mit gutem Preis/Leistungsverhältnis. Diamond/Spea präsentieren die Fire GL 2000, auf der neben dem Glint 300 SX der Geometrie-Prozessor Delta eingesetzt wird. Die 80-MFLOPS-Fließkommaleistung des Prozessors wirkt wie ein Turbolader und verdoppelt die Dreiecksleistung des 3D-Boards in etwa. Auch Elsa will sein Glint-Board mit dem Delta ausstatten (GLoria-M). Sogar S3 mischt in diesem Segment mit. Hinter geschlossenen Türen demonstrierte man eine VRAM-/ WRAM-Version des Virge mit integriertem 220- MHz-RAMDAC. Für Produkte mit dem Virge/VX war es auf der CeBIT noch zu früh.

An der 2D-Front entsteht mit dem ET6000 von Tseng Labs ein neues Produktsegment. Der Grafikchip besitzt einen 128-Bit-Bus und soll zusammen mit Multibank-DRAM von MoSys Speicherbandbreiten von annähernd 1 GByte/s erreichen. Damit besitzt er genügend Reserven für HiRes-TrueColor-Modi. Während DRAM-Karten TrueColor bislang nur bis 800 x 600 Punkten darstellen können, sind mit dem ET6000 und einem 4 MByte großen Bildspeicher echte Farben bis zum 1280 x 1024er Format möglich. Die hohe Bandbreite reicht sogar für die Wiedergabe mehrerer Videoströme. Den neuen Tseng Chip wollen Hercules auf der Dynamite128 Video, Diamond/Spea auf der Viper128 Video und VideoLogic auf der GrafixStar 600 einsetzen. Diamond/Spea sowie Hercules planen Boards mit 2 und 4 MByte. VideoLogic sieht Bestückungen mit 2,25 und 4,25 MByte vor. Der Straßenpreis von 4-MByte-Boards soll noch unter 500 DM liegen. Miro scheint seine Palette zu verschlanken und demonstrierte die multimediale miroMedia View mit einer speziellen Steuersoftware und der Möglichkeit, auch TV-Geräte anzusteuern (siehe c't 4/96, S. 48). Anders als die Konkurrenz trat man im 3D-Segment nicht offensiv auf. Daß bei Miro auch ein 3D-Board mit dem S3-Virge in der Planung ist, erfuhr man am Stand erst auf Nachfrage. (jm)

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