Buch 2.0

Wie die Evolution der Digitaldrucktechnik den Buchmarkt revolutioniert

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Mit modernen Digitaldruckmaschinen und IT-gestützter Vertriebslogistik lassen sich Bücher in Einzelauflage fast so wirtschaftlich produzieren wie eine Harry-Potter-Großauflage.

Ein kleines Gewerbegebiet am Nordrand von Hamburg: Über das Wellblechdach des Bürokomplexes dröhnen im Minutenabstand Düsenjets, die auf dem benachbarten Flughafen Fuhlsbüttel gestartet sind, LKW-Kolonnen nageln über den Autobahnzubringer, zwischen den Laderampen tummeln sich Lieferwagen, Brief- und Pizza-Boten. Trotzdem könnte die Adresse kaum besser gewählt sein: Am Gutenbergring Nummer 53 sitzt eine kleine Firma, die aus einem der ältesten Massenprodukte, dem Buch, das macht, was es vor der Erfindung der Drucklettern war: ein individuelles Einzelstück. Mit Books on Demand (BoD) ist das Konzept der gleichnamigen Firma - Tochter des Hamburger Buchgroßhändlers Libri - auch schon grob beschrieben. Eine ausgefeilte Digitaldruck- und Herstellungstechnik macht es inzwischen möglich, einzelne Bücher fast so günstig zu produzieren wie große Auflagen.

Grob geschätzt ist der Digitaldruck bei einer Auflage unter 500 Exemplaren rentabler als der klassische Buchdruck im Offset-Verfahren. Zwar sind die Laserdruckmaschinen mit derzeit etwa 120 Farbseiten pro Minute immer noch deutlich langsamer als Offset-Maschinen. Sie erfordern aber sehr viel weniger Einrichtungsaufwand und verursachen deshalb kaum Kosten in der Druckvorstufe. Dadurch gleichen sie ihre durch Toner und Papier verursachten, vergleichsweise hohen Druckkosten pro Stück bei kleinsten Auflagen aus und sind in diesem Sektor deutlich günstiger. Für Verlage entfallen zudem Risiken und Kosten für Lagerhaltung und Kapitalbindung bei nur in geringen Stückzahlen verkäuflichen Titeln. Fachverlage sind denn auch ursprünglich die Zielgruppe für die Print-on-Demand-Dienste gewesen. Mit ihnen erwirtschaftet BoD nach eigenen Angaben bis heute die Hälfte seines Umsatzes. Etwas mehr als 300 Verlage nutzen den Service. Verglichen mit den über 10 000 Autoren, die bei dem Anbieter selbstverlegerisch publizieren, machen die Verlage aber noch gerade drei Prozent der Kunden aus.

Auf diese Entwicklung hat das Unternehmen reagiert und bietet seine Dienstleistungen seit über einem Jahr vollständig online an. Der Preis, den der Kleinstverleger oder Hobby-Autor für die Herausgabe eines Buches zahlen muss, ist in den letzten Jahren drastisch gesunken: Waren es 2004 noch fast 500 Euro pro Titel, fielen zwei Jahre später nur noch etwa 150 Euro für den Service an. Er umfasst in der Regel eine eigene ISB-Nummer, die Ablieferung zweier Pflichtexemplare an die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig sowie die Aufnahme in das Verzeichnis lieferbarer Titel des deutschsprachigen Buchhandels. Letzteres ist besonders wichtig, denn dadurch ist das selbst verlegte Buch dann auch über sämtliche klassischen Buchhandlungen und über die großen Internet-Versender erhältlich. Den Preis für diesen Service hat BoD Mitte des vergangenen Jahres nochmals drastisch gesenkt, sodass sich die Kosten für die Herausgabe eines eigenen Buches nunmehr auf ganze 40 Euro beschränken. Hinzu kommen zwei Euro pro Titel und Monat, die BoD für die Vorhaltung der Druckdaten auf dem Server berechnet. Verzichtet man auf die ISBN und den Buchhandelsanschluss, kann man das eigene Buch als „BoD Fun“ gar umsonst verlegen. Interessenten können es dann allerdings nur bei BoD direkt zu den dort geltenden Konditionen beziehen, die vor allem hinsichtlich Versandkosten nicht so günstig ausfallen wie die Konditionen der großen Versender Libri oder Amazon.

Individuelle Hilfe bei der Erstellung der Druckvorlage darf man angesichts solcher Preise freilich kaum erwarten. Sie muss als ISO-konforme PDF-Datei mit zwingend einzuhaltenden Parametern hinsichtlich Seitenformat und -umfang, Rändern, Auflösung, einzubettenden Schriftarten und dergleichen mehr vom Autor geliefert werden. Wer nicht über das erforderliche Profiwissen verfügt, dem bietet BoD einen eigenen virtuellen Druckertreiber zum kostenlosen Download an. Er erzeugt über den Druckbefehl aus jeder beliebigen Anwendung heraus Vorlagen für den Buchdruck und lädt die erzeugten PostScript-Daten auf den BoD-Server hoch. Wenn man die Ausgabe des Druckertreibers in eine Datei umleitet, landen die PostScript-Daten auf der eigenen Festplatte. Zur Weiterverarbeitung mit anderen Programmen ändert man einfach die Endung von .prn auf .ps.

Die aktuelle Version 3.0 der BoD-easyPrint-Software läuft allerdings nur unter Mac OS X und unter Windows 2000 und XP. Eine Vista-taugliche Version will BoD aber dieser Tage bereitstellen. Für die Bucherstellung am PC sollte man sich ein DTP-Programm beschaffen. Es gibt sie in günstigen Varianten für unter hundert Euro. Auch das kostenlose Scribus eignet sich durchaus für derartige Aufgaben [2]. Textverarbeitungen wie Word und Co. sind mit den typischen Aufgaben der Buchgestaltung indessen eher überfordert und können allenfalls als Notnagel bei stark textlastigen Veröffentlichungen herhalten. Es spricht jedoch nichts dagegen, mit ihrer Hilfe zunächst den Textteil zu erstellen und am Ende ins Buchlayout zu importieren. Im Falle von Scribus ist das wegen der dort fehlenden deutschen Rechtschreibprüfung sogar zu empfehlen. Für wissenschaftliche Veröffentlichungen mit ihren charakteristischen Elementen Gliederung, Fußnoten, Index ist eine gute Textverarbeitung oft die bessere Wahl als ein DTP-Programm selbst aus der Profiliga.

BoD bietet auf seiner Website www.bod.de neben dem Druckertreiber auch einiges an weiterführenden Informationen zum Thema Buchherstellung am PC mit verschiedenen Programmen und gibt Tipps für die richtigen Einstellungen beispielsweise für das Farbmanagement. Versierte Anwender werden die Bereitstellung spezieller Farbprofile für die von BoD eingesetzten Druckmaschinen - etwa für die iGen3 von Xerox - und das zur Auswahl stehende Papier nebst Anleitung zur Einbindung der Profile in den Workflow zu schätzen wissen. Ein möglichst gründliches Farbmanagement ist schon deshalb zu empfehlen, weil in den 40 Euro kein gedrucktes Freigabe-Exemplar enthalten ist, mit dessen Hilfe man die Farbwiedergabe nachträglich korrigieren könnte. Im schlimmsten Fall muss man also weitere 40 Euro für eine farblich korrigierte Neuauflage investieren.

Ohnehin ist bei einer Books-on-Demand-Veröffentlichung der Autor für die meisten Fehler allein zuständig. Denn mit dem klassischen Verleger entfällt auch der Lektor. Zwar bietet BoD auch einen Lektoratsservice an. Der kostet aber deutlich mehr als die 40 Euro für eine eventuelle Neuauflage, wenn sich nach der ersten Drucklegung noch Fehler zeigen - was sich im Grunde auch bei gründlichem Lektorat kaum vermeiden lässt. Welchen Qualitätsanspruch ein Autor an die eigene Veröffentlichung stellt und welchen Korrekturaufwand er treibt, kann und muss er letztlich selbst entscheiden. Das Vorgehen, erst einmal ein paar Exemplare an Freunde oder Bekannte zu verteilen und sie beiläufig als Korrekturleser in Beschlag zu nehmen, ist jedenfalls kostengünstig.

Auch für die Einhaltung rechtlicher Vorgaben, insbesondere des Urheberrechts, ist der Autor oder Auftraggeber allein verantwortlich. BoD sichert sich durch entsprechende Vertragsklauseln ab. Wer fremde Inhalte für die Herausgabe eines Buches nutzt, sei es auch nur in geringem Umfang, muss unbedingt über die zugehörigen Rechte verfügen. Das gilt nicht nur für Texte, Bilder und Grafiken, sondern auch für die verwendeten Schriftarten. Wo immer es geht, sollte man sich deshalb auf die mit dem Betriebssystem oder der Software gelieferten Schriften beschränken. Sie reichen ohnehin für die meisten Aufgaben aus und sind für die Verwendung in eigenen Veröffentlichungen lizenziert.

Das erwähnte Drucksystem iGen3 von Xerox bildet das Herzstück der BoD-Produktion. Auf ihm werden vorwiegend die farbigen Buchcover produziert, aber auch einzelne Farbseiten, die dem ansonsten schwarzweiß gedruckten Buchblock zugeschossen werden können. Dadurch wird es möglich, relativ kostengünstig farbige Seiten an beliebiger Stelle im Buch zu platzieren, ohne den ganzen Buchblock im Vierfarbdruck herstellen zu müssen.

iGen3 schafft bis zu 120 Farbseiten pro Minute und funktioniert im Prinzip ganz so wie ein gewöhnlicher Farblaserdrucker. Die hohe Druckgeschwindigkeit stellt allerdings an einigen Stellen besondere Ansprüche: So überträgt das System das Tonerpulver nicht wie gewöhnlich über Kontaktwalzen, weil diese die Bildtrommel zu stark verschleißen würden. Stattdessen erzeugt das Tonersystem eine Staubwolke und der Toner gelangt berührungslos per Elektrostatik auf die Bildtrommel. Die iGen3 ist mit einem eigenen Be- und Entlüftungssystem nebst eigener Klimatisierung ausgestattet, das unabhängig von der Raumluft der Umgebung verschiedene Parameter wie Temperatur und Luftfeuchte im System kontrolliert.

Die Produktion eines Buches erfolgt nach wie vor in einzelnen Schritten auf jeweils gesonderten Maschinen, die sich bei einem Taschenbuch etwa wie folgt einteilen: getrennter Druck des Buchblocks und des Covers, eventuell Zuschießen einzelner Farbseiten, Einhängen des Buchblocks ins Cover und zu guter Letzt der Beschnitt. Zwar gibt es auch Maschinen, die alle diese Schritte vollautomatisch in einem Durchgang erledigen. Eine solche wurde erstmals auf der Drupa 2004 vorgestellt. BoD nutzt derartige Maschinen jedoch nicht, weil sie zu unflexibel sind: Aus den verschiedenen angebotenen Formaten vom normalen Taschenbuchformat bis DIN A4 und Einbandarten vom klassischen Hardcover mit Schutzumschlag über Paperback bis hin zum gehefteten Booklet bietet BoD eine Produktvielfalt, die mit vollautomatisierter Produktion wohl nicht zu realisieren wäre.

Die Lieferfristen sind eine der Achillesfersen des Geschäfts. Sind herkömmlich produzierte Bücher in der Regel binnen 24 Stunden beim Buchhändler, kann das bei on demand produzierten Büchern schon mal drei Wochen und mehr dauern. Denn obwohl BoD-Titel remissionsfähig sind, der Handel also unverkaufte Exemplare zurückgeben kann, legen sich die Grossisten nur ausgesprochen gut gehende Titel ins Lager.

Zwar verkaufen sich einzelne Titel aus dem BoD-Sortiment recht gut. Dabei handelt es sich aber vor allem um Fachbücher aus Nischenbereichen etwa über Rohfutterzubereitung für Hunde oder Air-Brush-Techniken für die Fingernagellackierung. Inzwischen sind sogar einige belletristische BoD-Titel auf den Bestseller-Listen des Buchhandels zu finden. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mehrzahl der etwa 10 000 BoD-Autoren wohl weit davon entfernt ist, ernsthafte Einnahmen mit ihren Büchern zu erzielen. Den meisten dürfte es sogar schwerfallen, über ihre Autorenmarge die Kosten wieder hereinzubekommen. Da sie inzwischen in einem solch niedrigen Bereich liegen, schreckt das sicher niemanden mehr davon ab, sich der Welt per Buch mitzuteilen - anstatt wie sonst per Weblog.

BoD bietet mit seinem Web-Interface im Grunde eine direkte Schnittstelle zwischen dem PC eines Autors und Druckerei nebst angeschlossenem Buchhandel. Der Zwischenschaltung eines klassischen Verlages bedarf es aus technischer und ökonomischer Sicht nicht mehr. So können etwa auf diese Weise Fachbuchautoren ihre Bücher auch dann verfügbar halten, wenn sich eine Neuauflage in klassischer Produktion wegen zu geringer Stückzahlen nicht lohnt. Auch wissenschaftliche Arbeiten müssen nicht mehr unbedingt in der Schublade des Prüfungskomitees verschimmeln. Die niedrigen Einstiegskosten sorgen dafür, dass sich die Prioritäten der Publikationsformen zusehends umzukehren beginnen: Führt der Weg eines längeren Textes heute noch vorwiegend zuerst aufs Papier und erst später ins Internet, so steigt die Zahl der Bücher zusehends an, die aus Texten entstehen, die ursprünglich fürs Web geschrieben wurden - ganze Weblogs wurden bereits zwischen Buchdeckel gequetscht. So dürfte es auch nicht mehr all zu lange dauern, bis das längst dafür erfundene Wort Einzug in den Duden findet: Blook. (tig)

[1] Kerstin Bauermees, Printing on Demand-Anbieter in Deutschland, Marktanalyse und Geschäftsmodelle, Studien der Erlanger Buchwissenschaft, Nr. XI/2004

[2] Peter König, Schriftsetzer, Sieben günstige DTP-Programme für Windows, Linux und Mac OS X, c't 18/07, S. 114

[3] Peter König, Marke Eigendruck, Schicke Vereinszeitschrift per Desktop Publishing gestalten, c't 20/07, S. 186

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