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Erste Vorabversion von Windows 97

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Kurz vor Redaktionsschluß gelang es uns, erste Blicke auf eine frühe Testversion von Windows 97 zu erhaschen. Die Technik des Windows-Nachfolgers rangiert zwischen heutigem Windows 95 und zukünftigem NT 4.0 - sieht man von der vollständig renovierten Oberfläche ab.

Natürlich kann sich bis zur endgültigen Fertigstellung des Produkts durch Microsoft noch allerhand ändern, doch die Marschrichtung ist klar: der Windows-Nachfolger wird erstmals eine 3D-Bedienoberfläche aufweisen, so wie es Bill Gates schon auf Konferenzen und öffentlichen Auftritten verlauten ließ. Daß ein Termin für die Markteinführung schon feststeht, dürfte wohl niemand ernsthaft erwarten. Schon heute strickt Microsoft eifrig an 3D-Komponenten für Windows. Insider konnten sich unlängst auf Entwicklerkonferenzen mit einem SDK für die DirectX-Programmierschnittstelle versorgen lassen, gegen Unterzeichnung einer Vertraulichkeitsvereinbarung (NDA), versteht sich. Die neue Bedienoberfläche macht sich diese Technik bereits zunutze und kann so mit bestechenden Animationen glänzen. Für alle, die nur über eine Zweitastenmaus verfügen, stellt der Einstieg in die 3D-Welt eine schlechte Nachricht dar. Sie müssen ein Update vornehmen. Der mittleren Maustaste kommt eine zentrale Bedeutung zu: Sie dient als eine Art Saugnapf, mit dem die nunmehr dreidimensionalen Elemente der Oberfläche erst bedienbar werden. Die Icons heißen nun Tricons. Sie bilden eine virtuelle Pyramide (Tetraeder), mit deren Seitenflächen es eine besondere Bewandtnis hat. Der Saugnapf respektive die mittlere Maustaste dreht die Tricons. So kann man die Seitenflächen einsehen und darüber zum Beispiel Eigenschaften abfragen, Daten im Netz freigeben und bei MSDOS-Tricons nähere Emulationseinstellungen vornehmen. Die Standfläche übrigens erreicht man über den Saugnapf nicht; ihre Bedeutung bleibt bis auf weiteres undokumentiert.

Selbst vorm Taskbar haben die einschneidenden Veränderungen nicht halt gemacht. Er ist um die Längsachse `rollbar' und wie ein zu lang geratenes Prisma aufgebaut. Zwei Flächen dienen der besseren Information: Die nach dem Systemstart angezeigte Seite zeigt die Vordergrundprozesse. Auf einen mittleren Mausklick hin rotiert der Taskbar um eine Dritteldrehung und zeigt die Hintergrundtasks an. Die dritte Seitenfläche schließlich bleibt für Bandenwerbung vorbehalten. Angesichts wachsender Bildschirmdiagonalen hat Microsoft auf eine Auto-Hide-Funktion beim Taskbar verzichtet. Statt dessen blendet die neue Bedienoberfläche nach einer gewissen Zeit der Untätigkeit automatisch Werbespots auf der animierbaren Fläche des Taskbar ein. Zur Zeit aber erneuert das System die Spots noch nicht automatisch online aus dem Microsoft-Netzwerk (MSN), sondern man muß mit wechselnden Losungen (nein, kein Jägerlatein) von Bill Gates vorliebnehmen. Ab wann für interessierte Werbekunden erste Mediadaten verfügbar sein werden, konnte Microsoft auf Anfrage noch nicht mitteilen. Ansonsten bleibt das System im Gegensatz zum Online-Dienst MSN angenehm werbefrei. Es verwöhnt den Anwender mit einer Fülle von Annehmlichkeiten &endash; es paßt sich quasi automatisch an seine Bedürfnisse an und bildet so eine Art Anwenderprofil: Auf nahezu jedem Konfigurationsdialog findet sich neuerdings ein DWIM-Button, der, ohne weitere dumme Fragen zu stellen, die häufigst ausgewählte Aktion veranlaßt. Die `Do what I mean'-Technologie hat sich Microsoft schon als Warenzeichen eintragen lassen. Sie steht im krassen Gegensatz zum bei IBM anzutreffenden Do-what-we-like-Mechanismus, der als Standardantwort auf kryptische Dialog-Fenster immer die am wenigsten sinnvolle Aktion einleitet. In der Praxis hat sich Microsofts DWIM-Mechanismus bewährt. Nur in der Anfangszeit ist mit vereinzelter Fehlfunktion zu rechnen. Überhaupt überrascht Windows 97 mit Trialogen, einer Weiterentwicklung der herkömmlichen Dialoge. Neben dem DWIM-Button zeichnen sich Trialoge vor allem durch einen `Do as usual'-Button, kurz DAU, aus. Dahinter steckt ein höchst komplexer Mikrozensus, der online erfolgt. Windows 97 wendet dann die darüber ermittelte Standardreaktion einer repräsentativen Benutzergruppe an. Die Online-Hilfe werkelt nun präkognitiv, trägt demnach individuellen Lernschwächen Rechnung. Je hartnäckiger der Anwender nachfragt, desto ausführlicher geraten die Erklärungen. Angeblich haben diesen sich ergänzenden Lernprozeß Untersuchungen nahegelegt, die Microsoft in den Usability-Labs angestellt hat. Während bei Windows 95 vornehmlich Windows-unbelastete Erwachsene als Versuchskaninchen fungierten, setzte man bei Windows 97 auf Kleinkinder, deren intuitives Agieren der Sache eher gerecht wird.

Nach Bill Gates' milliardenschwerer Investition für die Rechte an Goofy, Dagobert & Co griff die Microsoft-Mannschaft auf Ressourcen der Disney-Studios zurück. Die Disney-Experten zeichnen vor allem für das neue Oberflächendesign veranwortlich. Insgesamt gibt sich Windows 97 so viel gefälliger: Trialoge treten wesentlich flächiger in Erscheinung. Farbverläufe liefern Einstiege in wichtige Eingabefelder, und kleine Donalds tragen Handlungsanweisungen in Form von `Don't care'- und `Stay tuned'-Wimpeln. Die 3D-Oberfläche amtiert gleichzeitig als Web-Browser. Unterschiede zwischen dem Begehen der lokalen Dateninfrastruktur und dem Betreten des World Wide Web lassen sich nicht mehr ausmachen. Beim Verschieben des Mauscursors auf einen Hypertextlink oder eine Verknüpfung verfärbt sich deren Beschriftung blau, ähnlich wie heute Links in einem Web-Browser gekennzeichnet sind. Gelegentlich errötet der Mauscursor: Microsoft hat also der Kindersicherheit Bedeutung zugemessen ... Der in der Bedienoberfläche von Windows 95 noch wenig plausible Mechanismus, der für das Speichern von Icon- und Fensterpositionen einschließlich Layout sorgen soll, wird im 97er Jahrgang visuell unterstützt: Häufig aufgeschlagene Fenster bekommen Eselsohren, selten benutzte vergilben. Der Benutzer weiß also stets, wie es um sein Oberflächenarrangement bestellt ist. Auf eine direkte Einflußnahme des Benutzers auf die Speicherung konnte Microsoft so weiter verzichten. Dank OLE3 kommt Windows 97 ohne Dateiassoziationen aus. Dokumente sind statt dessen nunmehr adaptiv. Die Anwendungssoftware (zum Lieferumfang gehört eine einfache Tabellenkalkulation in 64-Bit-Technologie, damit sie das Gatessche Vermögen überhaupt noch bewältigen kann) mutiert automatisch für den jeweiligen Anwendungszweck. Diejenigen, die das Betriebssystem abonnieren, erhalten gratis dazu notwendige Module über Online-Dienste. Ein damit in das System integrierter Virenchecker garantiert, daß solcherart über das Netz geladene Module frei von etwaigen Eindringlingen sind. In den mitgelieferten Applikationen findet sich darüber hinaus die eine oder andere wegweisende Technologie: Minorword weist etwa einen Think-ahead-Buffer auf, den der Anwender mittels Type-ahead-Key beanspruchen kann; natürlich erstreckt sich diese Technik auch auf geschlossene OLE3-Objekte (Automorph). Selbst OLE3-Objekte profitieren von der dritten Dimension. Bei Drag & Drop mittels mittlerem Mausknopf zeigen sie zu Beginn des Ziehens an, wie viele Ressourcen der Vorgang zusätzlich braucht. Mit zurückgelegter Distanz ergänzt Microsoft die Daten um die Angabe, wieviele Systemressourcen durch diesen Vorgang auf der Strecke bleiben. Bricht der Anwender einen Drag& Drop-Vorgang ab, kreist das Objekt-Tricon zunächst mehrfach um seinen Aufbewahrungsort, um sich dort dann erneut niederzulassen. Für das Wiedererlangen verlorener Ressourcen steht nun ein Ressourcenassistent zur Seite. Er gewährt in der momentanen Fassung allerdings nur Einblick in die verwaisten Systemdaten. Für nahezu unbeschränkten Speicher soll später einmal ISMS garantieren. An der Internet Shared Memory Specification stricken Lotus, Microsoft, Intel und Disney derzeit allerdings noch. Assistentenhilfe soll der Anwender bei Windows 97 auch bei der Konfiguration der Emulationsqualitäten erfahren. Die Vorabversion läßt aber auch diesbezüglich nur Ansätze erahnen. Als direkte Reaktion Microsofts auf IBMs Ankündigung in Merlin, dem kommenden OS/2-Warp-Nachfolger, Spracheingabe zu realisieren, kann insbesondere eine Fähigkeit gelten: Windows 97 soll, geeignete Hardware zum Anschluß einer Kamera vorausgesetzt, nicht nur natürlichsprachliche Eingaben meistern, sondern sogar der Auswertung von Körpersprache mächtig sein. Verfinstert Frust das Gesicht das Anwenders, so spielt das System (in einer Werbepause) eine hübsche Animation ein; im Falle einer Drohgebärde schaltet es sich vorsichtshalber ab.

Soweit sich das erkennen ließ, arbeitet Windows 97 intern schon mit 64-Bit-Technologie. Die geweitete interne Verarbeitungsbreite zeigt sich den neuen Animationsmechanismen erst richtig gewachsen. Das System selbst scheint zwar noch einige Anleihen bei Windows 95 zu machen, doch weist es andererseits bereits viele Züge auf, die eine enge Verwandtschaft mit NT nahelegen. Die im Lieferumfang der Vorabversion enthaltenen Treiber arbeiten schon nicht mehr direkt an der Hardware, sondern basieren auf einem Hardware Abstraction Layer (HAL), wie er in [1] beschrieben ist. Damit entwächst das System endlich dem `PC-Standard'. Eine Unterstützung von Laufwerken, die Floppies selbständig auswerfen, beliebig kombinierbaren Tastaturen und Mäusen nach dem USB-Standard (Universal Serial Bus) und einer flexiblen Unterstützung verschiedener Monitorformate steht damit nichts mehr im Wege. In den Release-Notes finden sich gar Hinweise für grundlegende Multiprozessorergänzungen. Allerdings stützt sich dies jedoch auf spezielle Boarddesigns, die sich in der Kürze der Zeit leider nicht auftreiben ließen: Offenbar handelt es sich um einen speziellen Mehrprozeßbetrieb. Ein Prozessor namens d'Artagnon hält die Fäden zusammen, andere übernehmen jeweils spezielle Aufgaben. Athos kümmert sich um Animationen, Aramis ums Rendern, und Porthos widmet sich Systemdiensten. Sofern als Prozessoragenten nicht spezialisierte RISC-Exemplare zum Einsatz kommen, kann Windows 97 der `herkömmlichen' Intel-Ware beim Betrieb mehrerer DOS-Boxen jeweils eine Box aufbürden. Das Advanced Power Management (APM) mit Auto-Wake-ups (AWUs) sorgt dafür, daß sich auch beim gleichzeitigen Einsatz `zu weniger' DOS-Boxen kein Prozessor langweilt. Zur Not kann der Anwender auf einem der Prozessoren auch schon mal einen Reboot einleiten, damit stets ein frisches Windows 97 bereitsteht. Wann Interessierte hierzulande mit einer ersten Betaversion rechnen können, konnte Microsoft nicht mitteilen. Klar scheint in jedem Fall, daß man diesmal nach neuen Distributionskanälen einer vorab erhältlichen Version suchen wird. Erste Vorverhandlungen mit Großkinobesitzern, dies im Rahmen von Disney-Film-Premieren auch hierzulande durchzuziehen, sind vorerst gescheitert. Unserer Meinung nach wird es wohl erst Ende März 1997 soweit sein. (ps)

[1] Microsoft Technology Brief, Win32 Driver Model for Windows Operating Systems

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