Das Andere

@ctmagazin | Editorial

Alle wollten immer nur das eine - ich jedoch bestellte das andere. Ich wollte den 5-Liter-Motor mit Turbolader, mit Direkteinspritzung und die Zwischengasautomatik aus der Renntechnik. Ich wollte sowohl des anderen wuchtige Sicherheitskarossiere als auch sein Tempo. Seine Flexibilität ließ sein barockes Äußeres vergessen: Alle Cockpit-Objekte ließen sich neu arrangieren, selbst die Scheinwerfer. Heckflossen und Spoiler waren verstellbar.

Vor allem wollte ich das völlig neuentwickelte andere, nicht das eine mit der Technik der 80er im Gewand der 90er.

Ich wollte das andere. Ich bekam es.

Tagelang fuhr ich damit auf dem Hof herum, spielte mit technischen Extras, sonnte mich in Komfort, genoß seine Sicherheit. Dann wollte ich nach B fahren.

Das ginge nicht, bedauerte der Hersteller. Für das andere sei die Straße nach B noch zu schmal, seien die Brücken nicht tragfähig, die Tunnel zu niedrig. Man bedauere das sehr, aber der Hersteller eines Fahrzeuges sei schließlich nicht für die Straßen verantwortlich. Doch sei überall im Lande der Ausbau im Gange, alle renommierten Straßenbauer begännen umgehend mit der Arbeit. Schließlich wollten ja noch viele mehr das andere fahren.

Wie ich denn aber nun nach B käme? Nun, mit dem anderen erst mal wohl nicht. Ich könne aber statt dessen nach C fahren. Der Weg nach C sei schon breit und tragfähig genug. Aber er war noch nicht gepflastert. Das andere quälte sich durch den Matsch, und wiewohl der Weg kurz war, währte die Fahrt lang. Auch geriet ich trotz Sicherheitsfahrwerk gelegentlich aus der Spur. Die Straßenbauer seien noch unerfahren, beschied man mir. Beim Bau der neuen Fahrwege unterliefen ihnen noch Fehler.

So fuhr ich wieder auf dem Hof umher, ergötzte mich an mancherlei, das mir zuvor entgangen. Die Straße nach C wurde fertig, doch der Asphalt war weich und klebrig, die Fahrt lang. Und eigentlich wollte ich nach B.

Ob ich denn schon mal in den Kofferraum geschaut habe, schmunzelte der Hersteller. Darin fände ich ein Modell des einen, mit dem man alle Ziele erreichen könne, die dem anderen noch verwehrt seien. Man stünde selbst für die Endkontrolle dieses einen ein; so sei es auch durchaus reputierlich, dieses eine zu fahren, enthielte es doch auch Technik des anderen.

Ein Jahr darauf war dem anderen bereits der Weg nach D geebnet, und ich erwarb begierig das andere in Version 2.1. Doch neu war nur das enthaltene eine. Etwa um die Zeit, als ich mit dem anderen erstmals nach E gelangte, traf das neue Warp-Modell des anderen ein, endlich mit Metallic-Lackierung, CD-Player und gegen Aufpreis auch mit Handy. So gern fuhr ich das andere, doch immer öfter das eine - zu viele Ziele. Selbst nach C fuhr ich das eine, war Eile geboten.

Dann kam das neue eine. Es verlangte eigene Straßen, und es erhielt sie. Sofort und auch zu neuen Zielen. Doch diese Straßen waren von solcher Beschaffenheit, daß sie weder dem alten einen noch dem neuen anderen nutzten. Und das neue eine paßte nicht mehr in den Kofferraum des anderen.

Nun steht Merlin, das neueste andere, auf dem Hof. Sind Freunde zu Besuch, führe ich sie zu seinem Podest, erkläre seine Vorzüge. Wir lauschen seinem Motor oder der Hi-Fi-Anlage. Doch damit fahren - wohin?

Detlef Grell

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