Das Coronavirus beeinträchtigt die Elektroindustrie

Das Coronavirus beeinträchtigt die Elektroindustrie

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Bild: Deng Hua/XinHua/dpa

Die iPhone-Produktion leidet unter dem Coronavirus. Doch nicht nur Apple lässt seine Elektronik in China fertigen – Experten rechnen mit ­Lieferengpässen.

Apple meldet, dass die iPhone-Produktion in Folge der Corona-Epidemie zurückliege. Die Auftragsfertiger mussten ihre Fabriken wochenlang stilllegen und brauchen nun länger als erwartet, um sie wieder hochzufahren. Der US-Konzern senkt daher seine Quartalsprognose, hat aber noch keine konkreten Zahlen genannt. Produktionsprobleme weiterer Unternehmen zeichnen sich ab.

„Einige Firmen sind gerade im Krisenmodus“, ist sich Caroline Meinhardt von der China-Denkfabrik Merics sicher. Das Coronavirus grassiert bereits seit Dezember 2019. Seinen Anfang nahm es in der chinesischen Provinz Hubei, bei Redaktionsschluss sind mehr als 77.000 Infektionen in China gemeldet. Rund 2600 Menschen sind am Virus gestorben. Chinas Fabriken waren in Folge der Epidemie bis Mitte Februar geschlossen. Zwar öffnen die Fabriken nach und nach wieder, doch die Infiziertenzahl steigt weiter.

„Den Markt erreichen die Auswirkungen des Virus mit einigen Wochen Verspätung“, sagt Meinhardt. Sie schätzt, dass die Elektroindustrie eine der Industrien sein wird, auf die sich das Virus besonders stark auswirkt. Europäische Leiterplattenhersteller hätten die Produktionsausfälle aus China nicht auffangen können. Weitere Beispiele finden sich unter den Elektronikherstellern. So haben unter anderem Arrow Electronics und Future Electronics Produktionsausfälle angekündigt. Sie vertreiben etwa Kondensatoren, Dioden und Schalter. Im Notebook-Sektor erwartet man ebenfalls Probleme. Wie die taiwa­nischen Marktforscher von Digi­times Research berichten, soll der Absatz im ersten Quartal um rund ein Drittel zurückgehen.

Unklar ist die Lage bei den Mainboard- und Grafikkarten-Herstellern. MSI gab auf Nachfrage an, dass man mit Einschränkungen bei der Produktverfügbarkeit rechne. Die Stellungnahmen weiterer Hersteller stehen noch aus. Gleiches gilt für die Smartphone-Branche: Von Apples Quartalsprognose abgesehen lag bis Redaktionsschluss nur eine Stellungnahme von Huawei vor, laut derer es derzeit zu keinen Verzögerungen in der Lieferkette komme. Die Produkte seien weiterhin verfügbar.

Das Virus trifft nicht alle Industriezweige gleich stark. „Die Halbleiterindustrie konnte zum Beispiel teilweise weiterproduzieren“, berichtet Meinhardt. Hier benötige man vergleichsweise wenig Personal in den Fabriken. Zudem seien durch die besonderen Ansprüche der Halbleiterfertigung die Hygiene- und Sicherheitsstandards höher.

„Besonders sind kleine und mittelständische Unternehmen betroffen, die weniger liquide sind und weniger Waren auf Lager halten als große Konzerne“, so Caroline Meinhardt. Außerdem ist ein Dominoeffekt vorstellbar: Fällt ein Zulieferer aus, leiden darunter gleich mehrere Fertiger.

Ein weiteres Problem: Selbst wenn Fabriken nun wieder öffnen, kämen oft nur 10 bis 20 Prozent der Belegschaft zum Arbeitsplatz, berichtet Meinhardt. Die China-Expertin weist zudem auf Logistikprobleme hin. Reisen seien beschränkt, Grenzkontrollen fielen sehr streng aus. Die produzierten Waren an ihr Ziel zu bringen, ist daher schwierig.

Der Präsident der EU-Handelskammer in Peking, Jörg Wuttke, sprach gegenüber Journalisten von chaotischen Zuständen. Er nennt die Situation in China einen „logistischen Alptraum“ und fordert, dass sich die Behörden besser koordinieren.

Die interaktive Karte der Johns-Hopkins-Universität aus Baltimore führt Angaben der Weltgesundheitsorganisation, des Zentrums für Seuchenkontrolle, des Nationalen Gesundheitskomitees der Volksrepublik China sowie aggregierte Daten chinesischer Provinzen zusammen.

Das Virus führt vor Augen, was schon lange klar ist: Viele Unternehmen – nicht nur in der Elektroindustrie – sind sehr abhängig von chinesischen Zulieferern. Die betroffenen Unternehmen könnten sich nun veranlasst sehen, ihre Produktion auf mehr Länder zu streuen. Apple soll bereits begonnen haben, Teile seiner Produktion nach Indien, Taiwan und Vietnam zu verlagern. Damit stünde Apple nicht alleine da: Laut den taiwanischen Martkforschern von TrendForce lässt Samsung seine Smartphones schon seit längerer Zeit hauptsächlich in Vietnam fertigen.

Wie schwer die Auswirkungen auf die Elektroindustrie sein werden, kann man noch nicht beziffern. „Der weitere Verlauf wird sich wohl in den nächsten Wochen entscheiden“, erwartet Caroline Meinhardt. (mjo)


Dieser Artikel stammt aus c't 6/2020.