Das Internet von Microsoft befreien ...

@ctmagazin | Editorial

Zu Bill Gates, dem Tyrannen, schlich AOL, mit Netscape im Bunde: "Was willst Du denn mit Netscape? Sprich!" Entgegnet ihm finster der Wüterich. "Das Internet von Microsoft befreien ..."

Das nenne ich einen genialen Coup: Alle Aufmerksamkeit ist auf den Monopolisten Microsoft gerichtet, dem die Justiz anscheinend nicht beikommen kann. Aber da gibt es noch eine tapfere Schar unter Führung von AOL, die gegen die Übermacht aus Redmond nicht aufgibt? Von wegen: Es gehört schon einiges an Chuzpe dazu, den Aufkauf von Netscape und die Vereinbarungen mit Sun als hehre Revolution gegen die Tyrannei von Gates zu verkaufen, während man auf dem besten Wege ist, sich ein Monopol aufs Internet zu sichern.

Statt auf französische Revolution läuft´s eher auf spanischen Erbfolgekrieg hinaus: Über 15 Millionen Abonnenten schließt AOL nun mit zwei der meistbesuchten Einstiegsseiten ins Internet, dem immer noch beliebtesten Browser, dem weltweit führenden Chat-Programm sowie fast allen notwendigen Dienstleistungen, Hard- und Software für die Internet-Infrastruktur zusammen. Nicht zu vergessen Bertelsmann: Im Zweifelsfall hat man mit dem deutschen Medienkonzern gleich noch jemanden Gewehr bei Fuß, der für Inhalte sorgen kann.

Schwere Geschütze also, die da in Stellung gebracht werden. Nicht aber etwa, um üble Monopole niederzukartätschen, sondern um das Volk in Schach zu halten, während es geschröpft wird. Über AOL mit AOL-Software ins Internet, um von AOL gelieferte Web-Seiten anzuschauen, bei AOL-Kunden einzukaufen und mit AOL-Programmen über von AOL produzierte Inhalte zu diskutieren - besser hätte sich das auch Bill Gates nicht ausdenken können. Fehlt nur noch der AOL-Computer. Aber die Entwicklung dieses modernen Volksempfängers ist ja Bestandteil der Vereinbarung mit Sun.

Vor nicht allzulanger Zeit schaute die ganze Fachwelt eher amüsiert auf den Online-Dienst von Steve Case. Angesichts der stürmischen Entwicklung des Web habe er kaum Zukunftschancen. Heute tritt der Hofnarr des Internet an, es zu beherrschen. Und es muß ja nicht gleich Tyrannenmord sein - warum schlafende Hunde wecken beziehungsweise eifrige Ritter in Form des amerikanischen Justizdepartment gegen sich aufbringen. Der alte Tyrann der Betriebssysteme zeigt sich durchaus angetan vom neuen Triumvirat des Internet, beschert es ihm zwar Konkurrenz, aber auch Entlastung im Antitrust-Verfahren. Am Ende empfindet er möglicherweise nicht nur Sympathie, sondern sogar Begeisterung.

"So nehmet auch mich zum Genossen an: Microsoft sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Vierte!"

Angesichts der Drohung eines solchen Super-Monopols bleiben selbst dem Schloßgespenst der EDV-Industrie, Oracle-Ellison, die markigen Sprüche im Hals stecken. Und die Anwender werden mal wieder das Nachsehen haben.

Jürgen Kuri

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