Das Kreuz mit dem Kreuz

Websites für (noch) unentschlossene Wähler

Wissen | Hintergrund

Wer wenige Tage vor der Wahl immer noch nicht weiß, wen er wählen soll, weil vor lauter Wahlkampfgetöse die politischen Aussagen verschwimmen, der findet hier hilfreiche Internet-Adressen für eine 'fundierte' Last-Minute-Entscheidung.

Die Briten zeigen, wo es lang geht: 'UK Citizens Online Democracy' die Plattform für die 'Diskussion von Gesetzesvorschlägen, zur Debatte und Konsultation via Internet', entwickelte angesichts des Labour-Wahlkampfspektakels eigene Ansätze, um die Bürger in den politischen Diskurs einzubeziehen. Um möglichst die breite Masse der Surfer anzusprechen, wurde das Design der Homepage sogar einer Testgruppe aus einer englischen Gemeinde vorgelegt. Resultat: Selbst Quizfragen und Preisrätsel sind für Stephen Coleman, dem Gründer des Forums, nicht mehr undenkbar.

Inhaltlich beschreitet die Site neue Wege: Die britische FOI-Gesetzgebung wurde öffentlich diskutiert, die Verkehrspolitik als bis dato vernachlässigtes Wahlkampfthema aufgegriffen.

Auch in Deutschland haben sich im Vorfeld der Wahlen einige privat organisierte Foren entwickelt, bislang jedoch ohne den basisdemokratischen Anspruch der Briten: Über ein gewisses aufklärerisches Potential verfügt 'Wahlkampf 98'. Zwei 21-jährige Jungunternehmer hatten die Idee, zusammen mit mehreren namhaften Verlagen Presseartikel rund um die Wahlen, Chats, Foren und auch eine Online-Wahl anzubieten. Pro EMail-Adresse darf man über eine individuell generierte Internet-Adresse einmal im Monat wählen - anonym angeblich. Die Macher planen jetzt, die Teilnahmemöglichkeiten per Telefon zu erweitern.

Witzig ist der 'Phrasendrescher'. Damit kann sich jeder Möchtegern-Politiker nach politischer Gewichtung, Textlänge und stilistischem Anspruch eine eigene Wahlkampfrede zusammenstellen lassen. Als Ausgangsmaterial dienen die Originaltexte der Parteien zur Bundestagswahl 98, die mittels eines mathematischen Algorithmus auf typische Textmuster hin statistisch ausgewertet werden.

Das 'Politik Forum Deutschland', ursprünglich aus einer studentischen Initiative heraus entstanden, will die politische Kultur und freie Meinungsbildung jenseits des Mainstreams fördern. Diskutiert werden in einem offenen Forum die Wahlprogramme der Parteien, konkrete Gesetzesvorlagen jedoch noch nicht.

'Battle of 98', ein JU-nahes Projekt anonym bleibender 'junger Menschen', versucht hingegen auf eigenwillige Weise, die 'weltweit bewunderte Leistungsbilanz' von Kanzler Kohl ins rechte Licht zu rücken. Eine Diskussionsmöglichkeit gibt es bislang noch nicht. Zu schade, daß die Macher im Dunklen bleiben.

Noch Unentschlossene, aber auch verbissene Stammwähler sollten sich einen Besuch bei 'Wählen Sie Ihre Meinung' gönnen. Unter der Adresse www.wahl-test98.org findet sich ein vom Passauer Politikprofessor Winand Gellner und seinen Mitarbeitern erstellter Fragebogen, der zentrale politische Themen von der Arbeitszeitregelung bis zur Wehrpflicht abklopft. Gellner hat die Programme der Parteien analysiert und in Software gegossen. Wer sechs Fragen beantwortet, der erfährt danach, zu wieviel Prozent die eigene Meinung jeweils mit den Aussagen der Parteien übereinstimmt.

Passaus Oberbürgermeister Willi Schmöller (SPD) erlebte als erste Testperson seine Überraschung: Zu 66 Prozent stimmte er mit Positionen der CDU/CSU überein - nur zu 16 Prozent mit seiner eigenen Partei sowie der PDS.

Die Resonanz ist 'überwältigend': Knapp 10 000 Internet-Nutzer haben den Fragebogen bereits ausgefüllt. Die Passauer Politologen wollen jedoch mit ihrem Serviceangebot nicht nur die Stammwähler zum Nachdenken bringen, sondern auch mehr über den Zusammenhang von Internet und Politik herausfinden. Eine Umfrage, an der bislang 3000 Nutzer teilnahmen, soll etwas Licht in die politische Haltung der deutschen Netizen bringen. Im Herbst darf man dann mit den ersten Auswertungsergebnissen rechnen.

Hat sich der Wähler aufgrund umfassender Informationen endlich für den richtigen Kandidaten samt Partei entschieden, fehlt nur noch das Kreuzchen auf dem Wahlzettel. Manch ein Internetuser träumt schon von der Wahl per Mausklick, aber auch den Parteien kann es nicht schnell genug gehen. Die Wahlkämpfer hungern nach Umfragen und Prognosen - traditionell sind es die großen Institute, die in den Medien für bunte Schaubilder sorgen: das Institut für Demoskopie Allensbach (FAZ), Emnid (ntv, Spiegel), die Forschungsgruppe Wahlen (ZDF), Forsa (RTL, Die Woche), Infas (WDR) und Dimap Infratest (mdr, BILD).

Erste Umfrageprototypen exisitieren jetzt auch bereits im Netz. Die Landeszentrale für Politische Bildung NRW, Spiegel online (http://www.spiegel.de/wahlkampf/) und die Website www.wahlen.de bieten der 'technokratischen Elite' die Möglichkeit zur Selbstbespiegelung. Trotz unterschiedlicher Zulassungsverfahren kamen die Landeszentrale und der Spiegel zu ähnlichen Ergebnissen: eine absolute Mehrheit der Befragten sah in Schröder den künftigen Bundeskanzler, auffallend viele Teilnehmer stimmten für die Bündnisgrünen.

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt 'Wahl$treet'. Das Webangebot der Hamburger 'ZEIT' und des Berliner 'Tagesspiegels', das bereits zur Sachsen-Anhalt-Wahl für Aufsehen sorgte, ging ab Anfang August mit einem völlig überarbeiteten Konzept und Design an den Start. Das fiktive Börsenspiel präsentiert sich als 'ernsthaftes politisches Prognoseinstrument und Spiel zugleich. Es basiert auf einem erstmals im US-Präsidentschaftswahlkampf '88 getesteten mathematischen Modell und geht von der These aus, daß über den Aktienhandel genauere Prognosen getroffen werden können, da die Teilnehmer/Händler nicht nach Sympathien, sondern nach Gewinninteresse kaufen.

Anders als in den üblichen Internet-Umfragen, die nach den persönlichen Favoriten des Users fragen und damit ein Stimmungsbild der Netzbenutzer ermitteln, reflektiert Wahlstreet mit seinem Ansatz die Erwartungen der User und kommt daher einem repräsentativen Querschnitt näher. Mit zehn Mark Einsatz kann jeder zum Händler von Parteiaktien werden. Gab es vor der Wahl von Sachsen-Anhalt 280 Händler, so liegen für die Bundestagswahl bereits über 1200 Voranmeldungen vor. Eine Mailingliste hält die Händler mit täglichen Börsennachrichten auf dem laufenden. (ku)

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