Das Schnellstart-Linux HyperSpace

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Dank Linux-basierter Mini-Betriebssysteme wie HyperSpace sollen Computer ähnlich schnell betriebsbereit sein wie Fernseher oder HiFi-Anlagen. Dass die Schnellstartlösungen dabei nicht mit dem Funktionsumfang von Windows mithalten können, ist gewollt.

Auszug aus dem Artikel Schnellstart, Mini-Betriebssysteme als Windows-Alternative, c't 7/10, S. 156

Auch wenn CPUs, Datenträger und andere PC-Komponenten immer schneller werden: Beim Starten aktueller Windows-Versionen ist und bleibt Geduld gefragt. Eine erheblich schnellere Einsatzbereitschaft versprechen verschiedene Hersteller von Hard- und Software mit spezialisierten und teilweise stark auf die jeweilige Hardware abgestimmten Betriebssystemen. Eines davon ist HyperSpace.

Die Bedienoberfläche von HyperSpace

BIOS-Hersteller Phoenix Technologies hat sein Schnellstart-System HyperSpace in den Varianten Dual und Hybrid im Programm. Die erstgenannte läuft wie andere Schnellstart-Systeme anstelle von anderen Betriebssystemen, die Hybrid-Ausführung hingegen mit Hilfe der Virtualisierungsfunktionen moderner CPUs quasi parallel zu Windows, was einen flotten Wechsel zwischen den beiden Betriebssystemen verspricht.

Samsung installiert bei seinem mit 1 GByte RAM ausgestatteten Netbook N220 die Hybrid-Variante von Hyperspace parallel zu Windows 7. Beim Start erscheint nach dem BIOS-Selbsttest für einige Sekunden eine Art Boot-Manager, wo ein Druck auf F6 den Start von HyperSpace veranlasst; vom Einschalten bis zur Einsatzbereitschaft vergehen dann ungefähr 37 Sekunden. Wer das Mini-System als Standard einstellt oder die Taste bereits während des Selbsttests betätigt, kann bereits nach circa 28 Sekunden mit der Arbeit beginnen.

Beim Klick auf das Windows-Icon im Panel von HyperSpace zieht sich eben jenes zurück und startet das Microsoft-Betriebssystem – das dauerte auf dem N220 50 bis 60 Sekunden und damit genauso lange wie ein direkter Start von Windows ohne Umweg. Über ein Icon auf dem Windows-Desktop kann man zu HyperSpace zurück wechseln, was ungefähr 40 Sekunden dauert; spätere Wechsel zwischen den beiden Systemen dauern dann 15 bis 20 Sekunden. Da die beiden quasi parallel laufen, erscheint das jeweils andere Betriebssystem, wenn man eines herunterfährt – das verlängert den Ausschaltvorgang.

Über ein Konfigurationstool für Windows lässt sich festlegen, wie viel Speicher HyperSpace nutzt. Da Samsung 256 MByte voreinstellt, stehen Windows bloß ungefähr 750 MByte zur Verfügung, wenn HyperSpace parallel läuft – dadurch reagiert das ohnehin schon nicht schnelle Netbook unter Windows gelegentlich noch träger.

Die Bedienoberfläche des ebenfalls auf Linux und Open-Source-Software basierenden HyperSpace unterscheidet sich signifikant von Windows, Gnome oder KDE, dürfte sich Neulingen aber schneller erschließen als bei anderen Schnellstart-Systemen. Der Desktop ist mit einigen Widgets vorbelegt, die Nachrichtentitel und Wetterinformationen anzeigen oder Zugriff auf Twitter oder Gmail gewähren.

Im Anwendungsmenü finden sich Icons für Amazon, Facebook, MSN, Myspace, Photoshop, Wikipedia und YouTube – letztlich handelt es sich aber nur um Links auf die gleichnamigen Webangebote. Zum Telefonieren liegt Skype bei; ein Instant Messenger fehlt, sodass man zum Chatten über ICQ, Jabber und Co. ebenfalls den Browser bemühen muss. Neben ein paar Spielen finden sich auch Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationsprogramm, die zur Office-Suite HyperSpace Office gehören; sie basiert auf dem in Java geschriebenen ThinkFree Office, arbeitet gelegentlich etwas träge und ähnelt von der Bedienung OpenOffice, bietet aber längst nicht dessen Funktionsumfang.

Der Dateimanager und andere Programme können von der NTFS-formatierten Systempartition nur lesen, dort aber nicht schreiben – zum Datenaustausch mit Windows muss man daher die von Samsung eingerichtete FAT32-Partition nutzen. Da eine Windows-Version von ThinkFree Office fehlt, lassen sich die mit HyperSpace erstellen Dokumente nur mit anderen Programmen weiterverarbeiten. Gelegentlich gehen dabei Formatierungen und einige andere Eigenschaften von Dokumenten verloren.

Der Browser basiert auf Firefox 3.5. Erweiterungen lassen sich nicht nachinstallieren, es sind aber Plug-ins für Adobe Flash Player, Adobe Reader, Java und der Real-Player vorinstalliert, sodass man alle im Internet gängigen Techniken nutzen kann. YouTube-Videos in 480p ruckeln, sobald das Onscreen-Menü oder andere Einblendungen im Spiel sind.

Phoenix bietet sein Mini-Betriebssystem nicht nur Hardware-Herstellern zur Integration an, sondern hat es auch direkt an Endkunden verkauft – die Hybrid-Variante etwa kostete 60 US-Dollar. Derzeit ist sie aber nicht mehr erhältlich und auch die kostenlos erhältliche 21-Tage-Test-Version der Software ist von der HyperSpace-Webseite verschwunden; es wird auf eine Version 2.0 verwiesen, die schon seit vergangenem Herbst „bald“ erscheinen soll. Lenovo hatte bereits in der ersten Hälfte letzten Jahres einige Notebooks mit einer älteren Version von HyperSpace ausgeliefert, aber recht schnell damit aufgehört. Samsung und einige andere Hersteller haben in den vergangenen Monaten angekündigt, verschiedenen Net- und Notebooks HyperSpace beizulegen.

"Schnellstart"-Systeme wie HyperSpace starten zwar schneller als Windows, von der schnellen Einsatzbereitschaft eines Fernsehers oder einer HiFi-Anlage sind sieaber weit entfernt. Zudem zeigen alle verfügbaren Lösungen kleinere oder größere Macken und lassen wichtige Funktionen vermissen. HyperSpace Hybrid kann da noch am ehesten überzeugen.

Ein vollwertiges Linux oder Windows kann es aber ebenso wenig wie die anderen Mini-Betriebssysteme ersetzen. Der Parallelbetrieb mit Windows macht dann allerdings einen Datenabgleich unerlässlich, sofern man HyperSpace oder ein anderes Mini-Betriebssystem wirklich nutzen möchte. Das hört sich wie ein triviales Detail an, wird im Alltag aber schnell zu einer zeitraubenden und überaus nervigen Fummelarbeit, wie all jene wissen, die schon einmal zwei Betriebssysteme parallel betrieben haben.

Schnell ist etwa der Chat- oder Mail-Account nur bei einem Betriebssystem eingerichtet oder die gesuchte Webseite in den Bookmarks des anderen gespeichert; manchmal ist auch einfach die schnell benötigte Datei vom gerade verwendeten System aus nicht erreichbar oder mit dessen Anwendungen nicht benutzbar Letztlich dürfte der Wechsel zum jeweils anderen System sowie der doppelte Einrichtungs- und Pflegeaufwand daher mehr Zeit fressen, als man beim schnellen Start eines funktionseingeschränkten Systems spart.

Die Konzentration auf ein Standard-Betriebssystem in Kombination mit einem nachhaltigen Einsatz von Suspend-to-RAM (Standby/ACPI S3) dürfte daher für das Gros der Anwender besser sein als der Einsatz eines halbgaren Schnellstart-Systems. Auf diese Weise spart man sich nicht nur Einrichtungs- und Einarbeitungsaufwand, sondern bekommt nach dem Einschalten innerhalb weniger Sekunden genau die Windows- oder Linux-Bedienoberfläche präsentiert, die man zuvor verlassen hat. (thl)

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