Das erste Steinchen

Happy Birthday: Der Mosaic-Browser ist zehn Jahre alt

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„Hiermit ist Version 1.0 von NCSA Mosaic, ein vernetztes Informationssystem und ein World Wide Web Browser, für X-Window-Systeme freigegeben.“ Mit diesen dürren Worten wurde auf der Mailing-Liste WWW-Talk am 21. April 1993 eine Software-Revolution angekündigt. Mosaic war der erste Internet-Browser, der Text und Grafik einer HTML-Seite integriert darstellte. Ältere Software wie der Ur-Browser des WWW-Erfinders Tim Berners-Lee oder der damals populäre Viola konnte zwar Grafiken anzeigen, doch mussten die Anwender dafür den jeweiligen Verweis im Text anklicken. Mosaic beendete die Trennung von Text und Grafik; das textorientierte WWW wurde bunt. Die Zugriffszahlen auf die damals verfügbaren Webseiten explodierten. Und Mosaic lieferte das erste Beispiel für die Kommerzialisierung kostenloser Internet-Software.

Ursprünglich war die Entwicklung von NCSA Mosaic ein Projekt der Software Group am National Center for Supercomputer Applications (NCSA) der Universität von Illinois. Diese Gruppe entwickelte alle Tools, die die Wissenschaftler am NCSA benötigten. Als einer der Wissenschaftler einen Browser haben wollte, wurde ihm dieser für die nächsten Wochen versprochen. Das Team, das schließlich Mosaic entwickelte, führten Eric Bina und Marc Andreessen an, wobei Bina der programmierende Kopf war und Andreessen der Vermarkter, der die Kontakte nach außen knüpfte. Als sich die beiden mit ihrem Projekt im Herbst 1992 erstmals auf WWW-Talk vorstellten, stießen sie mitten in eine angeregte Diskussion, in der die meisten Teilnehmer Browser, die das Web quietschbunt wie ein Bilderbüchlein machen sollten, vehement ablehnten.

In rascher Folge wurden Beta-Versionen von NCSA Mosaic entwickelt und zum Download freigegeben, mitunter zweimal pro Woche. Das Mosaic-Team bediente sich in akademischer Tradition bei der Konkurrenz und übernahm etwa die Schaltknöpfe für die Startseite und das Navigieren (vorwärts, rückwärts) von Viola oder die Lesezeichen von Lynx, einem reinen Text-Browser. Die eigene Leistung steckte vor allem in der Integration von Text und Grafik. Als NCSA Mosaic 1.0 erschien, in sechs Varianten für X-Window, Sun, SGI, IBM-Workstation, DEC und die Alpha-Rechner von DEC, war man streng genommen noch nicht fertig, weil die Mac-Variante fehlte. Obwohl es am Center keine PCs gab, stellte die Gruppe schließlich auch einen Port für Windows 3.1 auf die Beine.

Im Laufe des Jahres 1993 entwickelte sich Mosaic zu einem Selbstläufer sondergleichen. Ende 1993 waren zwei Millionen Kopien von Mosaic im Umlauf, die Download-Rate betrug 100 000 Kopien pro Monat. An Computern sonst uninteressierte Menschen fragten nach, weil es da „so ein Zeug gibt, mit dem man das Internet sehen kann“, wie es häufig hieß.

Frühzeitig begann die Universität Illinois damit, die Software zu verkaufen. Beauftragt wurde zunächst die Firma Spyglass, die mit anderen NCSA-Produkten erfolgreich war. 1994 erwarb Microsoft von Spyglass eine unbeschränkte Generallizenz für zwei Millionen Dollar. 1995 gelang es Spyglass, den Kontrakt in finanzieller Hinsicht zu verbessern: Microsoft zahlte fortan 98 Cents pro Kopie. Dafür musste sich Spyglass aber dazu verpflichten, nicht an Microsoft-Konkurrenz zu verkaufen.

Den 29. Browser auf Mosaic-Basis stellte Mosaic Communications vor: den Navigator 1.0. Er stammte von dem Team, das den Ur-Mosaic entwickelt hatte; Marc Andreessen war Junior-Chef der Firma. Geleitet wurde Mosaic Communications von Jim Clark, der mit der in Netscape umgetauften Firma einen formidablen Börsengang hinlegte, an dem sich alle nachfolgenden Internet-Hypes orientierten. Mit zehn Millionen Kopien pro Jahr erlangte Netscape Navigator aus dem Stand weg die Marktführerschaft bei den Browsern. Die konnte das Unternehmen aber nicht gegen Microsoft mit seinem in Windows integrierten Internet Explorer verteidigen.

„Mosaic war kein großes Stück Software, und in vielem ist die konzeptionelle Leistung von Berners-Lee in der Entwicklung des WWW höher einzuschätzen“, befindet Martin Campbell-Kelly, Professor für Softwaregeschichte. „Doch Mosaic brachte den Knoten zum Platzen. Revolutionen sind meistens sehr einfach gestrickt.“ (ad)

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