Das fünfte Rad

@ctmagazin | Editorial

Cartoon
Unter den hochqualifizierten Spezialisten, die Intel Pentium(r) Prozessoren herstellen, fällt eine Gruppe besonders auf: die MMX[TM] Technologie-Abteilung für Bild-, Sound- und Videoverbesserung. Diese Experten wurden speziell für eine anspruchsvolle Aufgabe geschult: Dem Pentium(r) Prozessor Spaß beizubringen. PC´s, die über einen Pentium(r) Prozessor mit MMX[TM] Technologie verfügen, begeistern mit satteren Farben, vollerem Sound, flüssigerem Video und schnellerer Grafik.* (Intel-Anzeige)
*Im Vergleich zu einem Pentium(r) Prozessor ohne MMX[TM] Technologie bei gleicher Geschwindigkeit, gemessen mit Intels Media Benchmark.

Da erfindet einer ein Rad, und die Welt steht kopf. Schließlich soll es sich ja um einen der wichtigsten Technologiesprünge in der Geschichte der Menschheit handeln.

Aber es war nicht das Rad, das muß mal gesagt werden, sondern ein weiteres Rad. Genauer gesagt: ein fünftes Rad. Das hängt jetzt an dem in die Jahre gekommenen Pentium-Gefährt. Mal schiebt´s, mal bremst´s - auf jeden Fall ist die Kiste jetzt sehr viel schwieriger zu steuern.

Den seltenen Schub erleben wir etwa im Bildbearbeitungsprogramm Photoshop beim "Gaußschen Weichzeichner": Bei Radien von 1 bis 4 Pixeln geht´s spürbar flotter als bisher; ab 5 ist wieder Schluß mit der neuen Dynamik. Den Bremseffekt bemerkt, wer wirklich anspruchsvolle Aufgaben stellt: 3D-Modellierung mit Fließkomma-Anteil etwa. Wie schwierig der aufgemotzte Wagen zu lenken ist, das bekommen die Programmierer zu spüren, denn das MMX-Anhängsel läuft nur mit handgemachtem Assembler-Code. Der ist mühsam zu entwickeln und fehlerträchtig. Das bekommen dann die Anwender zu spüren.

Manches Softwarehaus tut sich schwer, dem großen Trara um den MMX-Turbo überzeugende Taten folgen zu lassen. Die lückenhafte Photoshop-Beschleunigung hat nicht Adobe, sondern Intels Special Task Force herausgekitzelt, kolportiert der amerikanische Kolumnist und Buchautor Robert Cringely ("Unternehmen Zufall"). Das populäre Autorennspiel "pod" lief bei uns MMX-getrieben gar etwas langsamer als in der Standardversion (siehe S. 296). Wirklich beeindruckt sind wir aber von den Ergebnissen des Benchmarks, den Intel entwickelt hat.

Nein, MMX ist nicht bloßer Humbug, wie in manchen Newsgroups zu lesen. Immerhin beflügelte die Errungenschaft im abgelaufenen Quartal den PC-Absatz. Außerdem hat Intel die Pentiums in Standardanwendungen auch ein kleines bißchen schneller gemacht. Aber von einem anderen als dem Marketing-Standpunkt aus gesehen stellt MMX gar nichts auf den Kopf. Diese unelegante Technik kuriert lediglich fragmentarisch das Hinterherhinken des Pentium bei Multimedia-Aufgaben.

Ebensowenig setzt der neue Pentium II einen technologischen Meilenstein - auch wenn Sie dergleichen anläßlich der offiziellen Vorstellung vielleicht in Ihrer Tageszeitung gelesen haben. Sein Design ist das Eingeständnis einer technischen Fehlleistung (beim Pentium Pro mit integriertem L2-Cache reicht die Produktionsausbeute nicht), verbunden mit dem strategischen Klimmzug, durch einen proprietären Bus das Monopol endgültig zu besiegeln.

Intels Werbung möchte Ihr Augenmerk davon natürlich ablenken. Das derzeitige Lieblings-Reklamemotiv des Marktführers, etwas abgewandelt, haben wir oben abgebildet, damit Sie es in diesem Magazin auch einmal zu sehen bekommen. Beachten Sie das Kleingedruckte, es ist wahr.

Apropos: Kritische Analysen und Labortests noch vor dem geplanten Anlaufen von PR-Kampagnen sind natürlich kontraproduktiv für jede Marketing-Strategie. Intels Verärgerung über die Berichte zu MMX und Klamath ist daher sehr begreiflich. Auch die Darstellung, c't habe nutzlose Benchmarks mit einem nur eingeschränkt funktionsfähigen Vorserienexemplar angestellt, kann man verstehen. Aber nachdem jetzt finale Exemplare verfügbar sind, messen wir doch lieber nach: siehe Seite 22.

Christian Persson

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