Das virtuelle Volk

@ctmagazin | Editorial

Oh, wie sie über das Stoppschildgesetz schimpfen. 140 Zeichen sind mehr als genug, um die Internet-Kompetenz der CDU zu beschreiben.

Das virtuelle Volk

Oh, wie sie über das Stoppschildgesetz schimpfen. 140 Zeichen sind mehr als genug, um die Internet-Kompetenz der CDU zu beschreiben. Der Verrat der SPD an ihren Grundwerten ist hingegen derart bodenlos, dass ihm ein einziger Blog-Eintrag kaum gerecht werden kann (pro Tag). Mit dem Sezieren der missratenen Worte der Zensursula lässt sich ein ganzes Web-Magazin füllen.

Die vernetzte Gesellschaft reagiert ihren Frust digital ab. Ihr versteht gar nichts, ihr Politikdinosaurier! Und dann wird es erklärt, immer und immer wieder: Warum das Gesetz eine Farce ist, warum es mehr schadet als nützt, warum es einen neuen digitalen Untergrund schaffen wird, statt den existierenden auszutrocknen.

Währenddessen sitzen die Politikdinosaurer im Café, blättern durch die Zeitung und freuen sich, wie gut das neue Gesetz beim Volk ankommt. Die Bild hat sie gelobt; Mütterchen haben sich auf der Straße bedankt, dass endlich was gegen den bösen Kinderschänder von nebenan passiert.

Im Reich der Bits und Bytes wird das Murren derweil immer lauter. 134015 Leute haben mit Name und Adresse eine Online-Petition gegen das Gesetz unterschrieben. Es hat ein Zeichen gesetzt, aber nichts geholfen. Wir müssen gegen dieses Gesetz auf die Straße gehen! Tausende, Zehntausende rufen online zum Protest auf. Ein paar Hundert versammeln sich an Ort und Stelle; der Rest drückt daheim F5 - mal lesen, wie es gelaufen ist.

Die Dinosaurier stehen kurz auf und sehen sich das Spektakel an. Junge Männer mit Pickeln im Gesicht, die nie eine abbekommen werden. Bleiche Gestalten in formlosen Parkas. Vermutlich alles Nichtwähler. Unbedeutend.

Währenddessen online: Diese Internet-Ausdrucker wählen wir nie wieder! Denen werden wir es zeigen! Wir werden Parteimitglieder bei den Piraten - deren Programm ist ein Wiki, an dem jeder mitschreiben kann. E-Demokratie! Die ahnungslosen Parteibuchhalter von vorgestern werden sich noch wundern.

Bei der Europawahl haben die deutschen Piraten 0,9 Prozent erreicht - nicht übel, aber sieht so eine Massenbewegung aus? Wohl nicht, feixt der Politikveteran. Ob die nun nicht wählen oder für eine albern klingende Spontipartei stimmen, fällt im Herbst kaum ins Gewicht.

Wochenlang haben die Leute im Web 2.0 agitiert, während dort draußen - in der Realität 1.0 - echte Politik gemacht wurde. Ach, wäre doch jeder Tweet und jeder Forenkommentar gegen die albernen Stoppschilder eine Postkarte an einen Bundestagsabgeordneten, jeder Blog-Eintrag ein Leserbrief an ein Medium der Ewiggestrigen, mit felsenfester Argumentation und kompetenter Rechtschreibung. Aber wer will sich dafür schon dem Postschalterangestellten unterwerfen! Wir sind im Recht; die anderen haben keine Ahnung.

Derweil sitzt im Café neben dem Politiker ein Lobbyist, dessen Augen leuchten, wenn er an die Potenziale dieses Stoppschilds denkt. Der Lobbyist verwendet einfache Sätze und spricht ganz leise. Der Politiker hört ihn trotzdem - im Unterschied zu den Abertausenden, deren digitaler Aufschrei in seiner analogen Welt nie ankommt.

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