Demand for Video

@ctmagazin | Editorial

Wer zu spät kommt ...

1993 berichtete c't unter dem Titel "Bogart auf Knopfdruck" das erste Mal über Pläne, Videos direkt aus dem Internet auf den heimischen PC zu laden und dort abzuspielen. In den folgenden Jahren wurde "Video on Demand" zum Zauberwort der IT-Industrie, zum Synonym für die Kommerzialisierung des Internet. Es verhieß neue, unermessliche Absatzmärkte - egal ob man Hardware, Software oder Internet-Dienste feilbot.

Auch die Medienkonzerne reagierten - Allianzen mit Internet-Firmen waren an der Tagesordnung. Als vorläufiger Höhepunkt fusionierte kürzlich der Internet-Riese AOL mit dem Medien-Moloch Time-Warner - Video on Demand schien nur noch eine Frage der Bandbreite.

Durch bessere Kompressionsverfahren, DSL und Flatrates rückt Video on Demand jetzt endlich in greifbare Nähe: Ein Download von zwei Stunden für ein Video in VHS-Qualität erscheint durchaus akzeptabel (siehe Artikel S. 90 der c't Heft 3/2001). Doch wo bleiben die attraktiven Angebote von AOL-Time-Warner & Co? Fehlanzeige!

Stattdessen haben wieder einmal die Hacker die Initiative ergriffen und Napster-ähnliche Netzwerke aufgebaut. Dort kann der neugierige Cineast mit wenigen Mausklicks komplette Filme aus dem Internet laden - natürlich nur als Raubkopie. Zumindest in den USA erfreuen sich diese Angebote bereits einiger Beliebtheit.

Die einmal mehr völlig überraschten Medienkonzerne reagieren, als hätte es Napster nie gegeben: Raubkopierern müsse das Handwerk gelegt werden, man werde die Verletzung von Urheberrechten nicht dulden ... Statt die Surfer mit interessanten Angeboten auf die eigenen Seiten zu locken, droht man ihnen mit dem Strafgesetzbuch.

Dabei sind Konglomerate wie AOL-Time-Warner in der besten Position, illegalen Raubkopierern im Internet das Wasser abzugraben. Für einen Video-Download in ordentlicher Qualität ohne viel Suchen direkt vom Provider würden viele Internet-Benutzer gern ein paar Mark zahlen.

"Demand for Video" ist da - legales Video on Demand lässt weiter auf sich warten. In anderen Bereichen ist der Wunsch des Kunden Befehl. Wer ihn ignoriert, läuft Gefahr, dass andere den Bedarf befriedigen - unter Umständen auch illegal. Die Musikindustrie hat anscheinend ihre Lektion gelernt. Sie versucht jetzt durch Kooperation mit Firmen wie MP3.com und Napster die Versäumnisse der letzten Jahre aufzuholen.

Wie viel Vorlaufzeit braucht die Filmindustrie, um eigene Angebote zur Marktreife zu bringen? Wenn sich die Filmbranche jetzt nicht beeilt, gibt sie bald ein ähnlich jämmerliches Bild ab wie die Musikindustrie, als diese noch glaubte, sie könne das Problem MP3 auf jurustischem Weg lösen.

Jürgen Schmidt

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