Der Kuss des Todes

@ctmagazin | Editorial

Der Kuss des Todes

Ich muss ein schreckliches Geheimnis beichten: Kein Ding, das ich schätze, überlebt meine Zuneigung. Anwendungen, Betriebssysteme, Hardware, Hersteller - kaum finde ich sie gut, fangen sie an zu welken. So leide ich unter einem invertiertem Midas-Touch: Alles Güldene, das ich anfasse, wird zu Blei.

Eine Liste aus dem Stegreif: OS/2, Lotus Magellan, Ami Pro, Word Pro, Poser, CineMaster, Desqview, Detailer, Sidekick, Word Perfect, Homesite, MiniDisc, WatzNew, Xara. Die robustesten Vertreter in der Aufzählung fristen heute gerade noch ein Schattendasein. Der Rest ist ausgesetzt, aufgegeben, tot, vergessen.

In der Redaktion hat sich mein Hauch des Todes bereits herumgesprochen. Gelegentlich enthalten mir Kollegen viel versprechende Produkte mit der Begründung vor, "im Prinzip wäre es ja für dich ideal, aber das wäre schade drum."

In einigen Fällen greife ich sogar zur Selbstzensur. Aus diesem Grund findet sich auch Monate nach meinen wohlgesonnenen Worten zu Linux immer noch keine Distribution auf meinem Rechner: Ich will die Zukunft des Betriebs-systems nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Der SCO-Prozess war ein Schuss vor den Bug: Lass’ die Finger weg davon oder wir drehen die freie Software durch den Copywolf.

Einige Hersteller ziehen ihren Kopf dadurch aus der Schlinge, dass sie jeden Bugfix mit einem neuen Ärgernis ausgleichen. Die feine Balance zwischen Fort- und Rückschritten hält ihr Produkt aus meiner persönlichen Favoritenliste heraus. Andere warten mit einer neuen Version, bis ich mich einem neuen Thema widme.

Bestimmte Anwendungen finde ich so indiskutabel, dass ihre Marktführerschaft gesichert ist: Word zum Beispiel. Ich will Texte schreiben, nicht Toolbars konfigurieren. Sind womöglich meine Präferenzen dafür verantwortlich, dass in der Computerbranche stets das Mittelmaß siegt?

Der Gedanke liegt nahe, aus dem Fluch einen Segen zu machen. Wochenlang habe ich versucht, Trusted Computing total gut zu finden, um die Initiative damit zu Fall zu bringen. Es klappt nicht. Offenbar muss die Zuneigung von Herzen kommen, damit das Subjekt in meiner Umarmung verendet.

Gerald Himmelein

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