Der Mensch denkt, die Maschine arbeitet

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Die Textverarbeitung hat Geburtstag: Vor vierzig Jahren begann IBM mit der Auslieferung seines "Magnetic Type Selectric Typewriter" vor, der MT/ST. Eine rasante Entwicklung folgte erst nach einigen Irrwegen.

Vergrößern IBMs erstes Schreibsystem MT/ST beziehungsweise MB 72 [Klicken für vergrößerte Ansicht]

Die Textverarbeitung hat Geburtstag: Vor vierzig Jahren begann IBM mit der Auslieferung seines "Magnetic Type Selectric Typewriter", der MT/ST. In Deutschland wurde das System als "Magnetband-Schreibmaschine" (MB 72) verkauft, womit die Funktionsweise gut beschrieben ist. Die MT/ST war eine Kugelkopfmaschine mit einem Beistelltisch, auf dem eine wuchtige Mechanik zwei Bandlaufwerke steuerte, die mit Speicherkassetten bestückt wurden. Ihre Magnetbänder konnten jeweils 28.000 Zeichen speichern, entsprechend rund 12 Seiten DIN A4. Einmal auf die Bänder gespeicherte Texte konnten mit 900 Anschlägen pro Minute vom rasenden Kugelkopf verarbeitet werden.

Vergrößern Das Speicherwerk der MT/ST [Klicken für vergrößerte Ansicht]

Damit kam die Textverarbeitung in heutiger Form in die Welt. Denn mit der MT/ST konnten Absätze neu geschrieben und umkopiert oder Textblöcke verschoben werden. Als wichtigstes Feature entpuppte sich der "Serienbrief": ein Band enthielt die Steuerdatei mit den Anschriften, das andere den Formbrief. Umfangreiche Korrekturen waren auf einmal kein Problem mehr, weil die jeweils neueste Fassung immer auf der zweiten Bandstation gespeichert werden konnte. 42.719 Mark kostete das Wunderwerk, doch die meisten Firmen zahlten lieber 1044 Mark monatlich und investierten kräftig in ihre Bandsammlungen. IBMs größter Kunde in Deutschland wurde die Allianz, wo Sachbearbeiter fortan keine Texte mehr diktierten, sondern in einem umfangreichen Floskel-Handbuch die entsprechenden Nummern zusammensuchten und nur die Nummern der Textbausteine nannten. "Sterbeband 14 23 56" ergab ein Schreiben, das den Angehörigen das Beileid aussprach, die zügige Abwicklung der Versicherungsleistung versprach und einige Dokumente anforderte.

Vergrößern Ein Blick ins Innere der MT/ST. Rechts und links laufen die Bänder, in der Mitte die 8 Aufnahmeköpfe für die ASCII-Zeichen [Klicken für vergrößerte Ansicht]

Die Idee der Textverarbeitung analog zur Datenverarbeitung war im Jahre 1964 so neu, dass IBM auch bei der Werbung für seine MT/ST neue Wege einschlug. Für die Werbespots engagierte man "Muppetmaster" Jim Henson, für die Musik den Experimentalmusiker Raymond Scott, der mit seinem Elektronium das Vorbild vom Synthesizer Robert Moogs baute. Henson und Scott drehten und komponierten den Werbespot "The Paperwork Explosion" (Hörausschnitt), in dem zum ersten Mal das Wort von der Informationsüberflutung auftaucht. Während Scotts Elektronikinstrumente Tonfolgen dudeln, die an Handy-Klingeltöne erinnern, kommandiert eine Stimme hartnäckig: "People: Think! Machines should do the work!" Scott ging sogar so weit, für die MT/ST Töne zu komponieren, die beim Wagenrücklauf, beim Speichern und beim Abrufen von Textbausteinen erklingen sollten. Scott dachte dabei an ein Schreibbüro, in dem eine freundliche "Informationssymphonie" ertönt.

Die Produktmanager bei IBM wollten von alledem nichts wissen. Den großen Erfolg der MT/ST nutzten sie, um 1969 einen Nachfolger auf der Basis von Magnetkarten auf den Markt zu bringen. Der Magnetkartenschreiber MC 72 konnte wesentlich weniger als die MT/ST: Anstelle zweier "Laufwerke" gab es nur noch einen Kartenschacht. Dafür waren die exakt lochkartengroßen biegsamen Magnetkarten so flach, dass sie bequem zu den Akten geheftet werden konnten. Damit brachte das 31.790 Mark teure System (Monatsmiete 725 Mark) den Durchbruch in großen Rechtsanwaltskanzleien. Auf den Magnetkarten (50 Spuren, 100 Speicherstellen, jede Spur entsprach einer Textzeile) konnte gezielt nach einzelnen Worten gesucht werden, die zudem automatisch ersetzt werden konnten. Search and Replace war geboren, doch wer umfangreiche Serienbriefe wie mit der MT/ST produzieren wollte, brauchte dafür die Hilfe eines IBM-Rechenzentrums. Die Taste "Trennen" auf der zur MC 72 gehörenden Kugelkopf-Schreibmaschine schaltete keine automatische Silbentrennung ein, sondern trennte die Modem-Verbindung zum Großrechner, auf dem IBM gegen Gebühr verschiedene Arbeiten erledigte.

Vergrößern Ulrich Steinhilper schuf im Jahre 1956 den Informations-Rhombus

Die Idee der Textverarbeitung war indessen so neu nicht. Erstmals propagiert wurde sie von einem Deutschen, der bei IBM den Schreibmaschinenvertrieb leitete. Lange bevor die IBM-Kugelkopfschreibmaschine mit Bandlaufwerken zur textverarbeitenden MT/ST veredelt wurde, hatte der ehemalige Jagdflieger Ulrich Steinhilper die Idee, dass analog zum Data Processing -- der EDV im eigentlichen Sinne -- das Text Processing an Bedeutung gewinnt, dass die in den Büros produzierten Inhalte mit den Daten-Kolonnen gleichziehen werden, die aus dem Rechenzentrum kommen. "Die Kollegen verkauften 'Anwendungen' und wir verkauften nur Schreibmaschinen, das war schon widersinnig", erinnert sich Steinhilper heute.

Steinhilper schuf im Jahre 1956 den Informations-Rhombus, in dem, ganz in der Tradition der IBM, das Denken an oberster Stelle steht und die Text/Datenverarbeitung der Endpunkt ist. Daten und Texte liefern dementsprechend die Endpunkte der Diagonalen im Rhombus. Steinhilpers Gleichung wurde von seiner Prognose ergänzt, dass Daten- wie Textverarbeitung in der Zukunft zu gleichen Teilen die Computer beschäftigen werden. Steinhilper reichte seinen Rhombus und die Vorhersage als Verbesserungsvorschlag Nr. 9103 auf dem dafür vorgeschriebenen blauen (Think!) IBM-Papier ein und erhielt 1956, von der Zentrale angewiesen, für das "Verkaufsargument" einen Erfinderlohn von 25 Mark.

Vergrößern Mit dem teuren Textsystem P6 versuchte IBM erfolglos, dem Erfolg der Textverarbeitung auf PC-Basis zu trotzen [Klicken für vergrößerte Ansicht]

Erst 1971, als die MT/ST bereits von der Magnetkartenmaschine abgelöst war, als IBM mit Composern, Satzprogrammen und Silbentrennungen viel Geld verdiente, begriff man bei IBM die Tragweite von Steinhilpers Idee und verlieh ihm den World Achievement Award, verbunden mit einer Flugreise rund um die Welt. Wie zur gerechten Strafe konnte IBM dann nicht Fuß fassen, als mit dem Personal Computer die Textverarbeitung wirklich explodierte und zu einer "Killer-Applikation" in den Büros dieser Welt wurde: Die Firma versuchte beharrlich, ihr teures Textsystem P6 zu vermieten. Dem ersten IBM PC, dem Urahn aller Kompatiblen, spendierte man 1981 mit Easywriter zwar eine Text-Software, vom Ur-Hacker John Draper (Captain Crunch) im Gefängnis von Santa Rita geschrieben und nach dem Film "Easy Rider" benannt. Doch die Liste der Verbote, was Easywriter nicht können durfte, war länger als die Liste der Anforderungen, die IBM stellte. So sollte die Serienbrieffunktion, mit der die MT/ST ihren Siegeszug antrat, auf einseitige Briefe beschränkt bleiben.

Der zunächst für den Apple II geschriebene Easywriter hatte gegen den 1976 erschienenen Electric Pencil von Michael Shrayer keine Chance. Shrayer orientierte sich an den Befehlen der MT/ST, als er seinen Pencil für CP/M-Rechner programmierte, die Texte auf Bandkassetten in normalen Rekordern speichern sollten. Unter den Hobbyisten erntete Shrayer Gelächter, als er erklärte, vom Electric Pencil 250.000 Exemplare verkaufen zu wollen. Noch erstaunter war die Szene, dass Shrayer nach dem Verkauf der 250.000. Textverarbeitung tatsächlich seine Firma schloss. Als mit WordStar der nächste Stern der Textverarbeitung aufstieg, war Electric Pencil fast vergessen. Heute teilt WordStar das Schicksal von Electric Pencil, wenn Microsoft mit seiner Textverarbeitung Word 5.1 als Höhepunkt zuverlässiger PC-Software gelten kann. In Referenz an die goldenen Tage hat Microsoft unlängst die Version 5.5 zum freien Download bereitgestellt, ein Einstand, der mit der MT/ST nicht möglich ist: Ein Exemplar dieser Maschinen läuft im Haus zur Geschichte der Datenverarbeitung von IBM in Sindelfingen und produziert heute noch Serienbriefe, auch wenn die Wartung immer schwieriger wird. "Wenn wir sterben, werden auch diese Maschinen sterben", meint Horst Lutz, der die MT/ST und ihre Nachkommen wartet, "das ist eine beruhigende Vorstellung."

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