Der Tarifwechsel

@ctmagazin | Editorial

Der Tarifwechsel

Montags bis freitags zwischen 13 und 14 Uhr während unserer Lesersprechstunde findet bei mir im Büro seit vielen Monaten ein seltsames Ritual statt. Denn Anfragen zum Thema Internet-Provider landen bei mir. Das läuft ungefähr folgendermaßen ab:

"Schönen guten Tag, hier ist Müller, ich habe ein Problem", tönt es mir entgegen. Ein kurzes "Ja" von meiner Seite an dieser Stelle reicht aus. Schließlich gibt es ja nicht nur ein Thema.

"Ich bin T-Online-Kunde!" Gibt es tatsächlich noch andere Themen? In letzter Zeit habe ich es mir angewöhnt, an dieser Stelle des Gespräches die Schilderung des Problems selbst zu übernehmen, um kostbare Zeit zu sparen: "Ich kann mir schon denken, wo der Schuh drückt. Sie haben den Tarif gewechselt und nun haben Sie eine viel zu hohe Rechnung von T-Online erhalten, weil die den Tarifwechsel verschlampt haben. Stimmts?" Es dauert immer rund zwei Sekunden, bis der Leser sich von seiner Verblüffung ob meiner hellseherischen Fähigkeiten erholt hat. Meist erfolgt dann ein zögerndes "Ja ...".

Nun muss ich dem zu erwartenden Lamento des Lesers konstruktiv begegnen: "Am besten machen Sie von nun an alles schriftlich. Sichern Sie alle Beweise, dass Sie den Tarif in Ihrem Sinne gewechselt haben, beispielsweise den Ausdruck von der Webseite! Legen Sie schriftlich Einspruch ein! Zahlen Sie nur die Summe, die T-Online korrekterweise zustünde, ignorieren Sie Mahnungen, und wenn T-Online Sie verklagt, nehmen Sie sich einen Anwalt!" Zugegeben, in der Realität sind die Formulierungen noch nicht ganz so geschliffen, aber ich arbeite dran. Gelegenheit zum Üben habe ich ja genug.

Pfiffige Leser wittern da gleich die Chance auf schnellen Ruhm: "Sie haben doch da eine Rubrik 'Vorsicht, Kunde' ...". Ja, haben wir, aber da muss man sich erst mal hinten anstellen, an einer Schlange, die sich in meinen Gedanken bereits mindestens zweimal um unseren Häuserblock windet und einer unangemeldeten Demonstration gegen die T-Online-Rechnungsabteilung verdächtig ähnlich sieht. Ich muss das des besseren Verständnisses wegen am Telefon in andere Worte kleiden: "Wir haben bereits über einige ganz ähnlich gelagerte Fälle berichtet, und uns liegen noch viele weitere vor. Wir können ja nicht in jeder Ausgabe über die Rechnungsprobleme bei T-Online berichten, und Ihr Fall ist kein Einzelfall."

Tja, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Aber vielleicht könnte ja mal zur Abwechslung ich selbst groß rauskommen. Eine Hommage an Kafka mit dem Titel "Der Tarifwechsel" wäre doch vielleicht ein verheißungsvoller Auftakt für meine Schriftsteller-Karriere. Aber das klingelnde Telefon reißt mich aus meinen Tagträumen, noch ist es nicht 14 Uhr. Ein Franz K. ist dran - und er hat ein Problem mit T-Online ...

Urs Mansmann

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