Der rettende Knopf

@ctmagazin | Editorial

Natürlich war es Sonntag, als der ISDN-Anschluß den Geist aufgab. Zwar klingelte das Telefon noch, doch nach dem Abheben war nichts zu hören. Anrufer bekamen das Besetztzeichen - und riefen deshalb gleich noch ein paarmal an. Die Störungsstelle gab uns den Tip, doch einfach mal für 5 Minuten alle Stecker herauszuziehen. Leider half es nichts, und nach dem zehnten erfolglosen Klingeln zogen wir den Stecker endgültig raus. Am Montag klärte der Techniker die Sache auf: An unserem Wochenendvergnügen war doch die Vermittlung der Telekom schuld.

Dienstag hole ich das Auto aus der Werkstatt ab. Auf der Heimfahrt stört mich ein leichtes Ruckeln, irgendwie läuft der Motor nicht recht rund. Bei höherem Tempo steigert sich das ungute Gefühl. Es hört sich an, als wenn nicht alle Zylinder mitmachten. Ein Anruf beim Service soll mich beruhigen: "Die Motorsteuerung war aus dem Takt, wir mußten die Batterie abklemmen. Es kann bis zu 24 Stunden dauern, bis die optimalen Parameter wieder eingestellt sind." Und ich dachte, der Computer solle das Klopfen verhindern. So schont er bekanntlich nicht nur die Nerven der Passagiere, sondern vor allem den Motor.

Am nächsten Tag quetsche ich mich in die übervolle Straßenbahn. Erst nach drei Versuchen kann der Fahrer die Türen schließen: "Nun treten Sie doch bitte endlich von der Tür zurück, der Computer schließt die nicht, wenn noch jemand in der Lichtschranke steht". An der nächsten Haltestelle das gleiche Ritual, doch es steht gar niemand an der Tür. Trotzdem schließt das Ding erst nach minutenlangem Warngepiepse. An der dritten Station hat der Fahrer die Nase voll. "Erschrecken Sie nicht, ich muß mal eben die Batterie abschalten", tönt es per Lautsprecher - dann wird es ganz still und dunkel in der Bahn. Kurz darauf geht das Licht wieder an, die Ventilatoren laufen hoch, über die Haltestellen-Anzeige flimmert "... BIOS Rev 3.2". Endlich schließt die Tür.

Nicht nur Windows hat uns bewußt gemacht, daß Geräte eine Reset-Taste haben. Es zeugt von Selbstbewußtsein der Benutzer gegenüber ihren Maschinen, wenn Sie sich die Reparatur Marke "ausschalten - einschalten - läuft wieder" zutrauen. Doch spätestens bei einer kompletten Straßenbahn, die derart wieder in Gang kommt, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Ja, nach dem Reset schließt die Tür, aber bedeutet das auch wirklich, daß sie während der Fahrt zu bleibt? Wie verarbeitet eigentlich die umgebende Signaltechnik die unverhoffte Abschaltung des Zuges? Diese Fragen bleiben ungeklärt, denn augenscheinlich funktioniert nach dem Kaltstart alles normal. Und beim nächsten Mal wird´s genauso gemacht, wie der routinierte Reset des Fahrers nahelegt.

Jedes neue Produkt, das auf dem Markt eine Chance haben soll, muß mehr Fähigkeiten als sein Vorgänger oder als die Konkurrenzprodukte bieten. Wir Kunden wollen das so, obwohl jede zusätzliche Zeile Programmcode, jeder weitere Anschluß auch eine neue Fehlerquelle ist. Die Hersteller arbeiten schon an der nächsten Produktgeneration, sie haben keine Zeit mehr für die Fehlersuche. Wozu denn auch, solange per Reset-Taste alles wieder läuft?

Christof Windeck