Desinformationskampagnen nehmen weltweit zu

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Bild: dpa, Dominic Lipinski/PA Wire

Einer Studie zufolge werden in immer mehr Staaten soziale Medien genutzt, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Insbesondere China habe Facebook, Twitter & Co. als Propagandawerkzeuge entdeckt.

Weltweit nutzen immer mehr politische Akteure soziale Netzwerke, um gezielt die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Meist gehe es darum, „Konsens herzustellen, unerwünschte Stimmen zu unterdrücken oder das Vertrauen in die liberale internationale Ordnung zu untergraben“, berichtete Ende September das Oxford Internet Institute, eine Forschungseinrichtung der Universität Oxford.

Das Institut untersucht seit drei Jahren Strukturen und Verursacher von Desinformationskampagnen und veröffentlicht jährlich die Ergebnisse in einer Studie (PDF). Im laufenden Jahr 2019 haben die Forscher demnach bereits in 70 Ländern Nachweise für organisierte Manipulationskampagnen in sozialen Medien gefunden, während dieses Phänomen im vorigen Jahr 48 und 2017 lediglich 28 Staaten betraf.

Gerade autoritäre Regierungen haben der Studie zufolge das Instrument zu schätzen gelernt. China sei führend bei professioneller Desinformation geworden. Vor den Protesten in Hong Kong hat sich die chinesische Regierung darauf beschränkt, inländische Plattformen wie Weibo, WeChat und den Messenger-Service QQ zu infiltrieren.

Doch seit dem Frühjahr fokussiere sich die chinesische Manipulations- und Zensurmaschinerie auch auf Facebook, Twitter und YouTube. Es gehe darum, die führenden Köpfe hinter den Demonstationen als gewalttätige Radikale darzustellen, um ihnen ihre Popularität zu nehmen. Dabei gehen sie den Beobachtungen zufolge sehr ausgeklügelt vor. „Demokratien sollten das ernst nehmen“, betonten die Forscher Samantha Bradshaw und Philip Howard in der Studie. China setze soziale Medien als Werkzeug zur Stärkung von geopolitischer Macht und Einfluss ein.

Das Studiendesign besteht aus einem mehrstufigen, kontinuierlich laufenden Verfahren: Die Forscher suchen in den Medien und Suchmaschinen nach Hinweisen zu Desinformationskampagnen. Dann tragen sie die verfügbaren Informationen zusammen und unterziehen sie jeweils qualitativen Analysen, die sie dann wiederum mit einer erneuten Recherche abgleichen. Die Ergebnisse werden schließlich von lokalen Experten überprüft und in eine Matrix gesetzt.

Für Deutschland weist der Bericht vergleichsweise wenig Propaganda-Aktivität aus. Dies gilt etwa auch für Österreich, Ungarn, Italien, Polen oder Spanien. In diesen Ländern sind laut den Forschern „kleine Teams“ vor allem in Zeiten von Wahlkämpfen oder sonstigen Abstimmungen online unterwegs, es gebe aber nicht permanent ausgefeilte Beeinflussungskampagnen von Regierungen oder Parteien.

In den dunkelblau gefärbten Staaten haben politische Akteure 2019 ausweislich der Studie Desinformationskampagnen gefahren. (Bild: The Computational Propaganda Project / University of Oxford)

Zudem experimentierten die Infokrieger in diesen Staaten nur mit einer Handvoll Strategien wie dem Einsatz von Social Bots, um Desinformation breiter zu streuen. Generell sei computergestützte Propaganda inzwischen zu einem „normalen Teil der digitalen Öffentlichkeit“ geworden. Als Mittel der Wahl gilt der Studie zufolge nach wie vor Facebook.

Das sieht auch der Konzern selbst so. Facebook-Technikvorstand Mike Schroepfer zufolge dürften ausländische Akteure beispielsweise im kommenden Jahr erneut versuchen, die US-Präsidentenwahl über die sozialen Netzwerke des Konzerns zu beeinflussen. Allerdings „auf andere Art, als sie es 2016 getan haben“, erläuterte er.

Zwar will Facebook Desinformation, Hassrede und Propaganda noch mehr als bisher mit dem Einsatz von KI aufspüren und bekämpfen. Allerdings bleibe es vorerst bei menschlichen Moderatoren als letzte Instanz: „Ich sehe in der absehbaren Zukunft keine KI, die solche Entscheidungen ohne menschliche Hilfe treffen kann“, sagte Schroepfer im Gespräch mit der Welt am Sonntag.

Die NGO Global Desinformation Index (GDI) wies darauf hin, dass Manipulation in sozialen Netzen keineswegs politischen Akteuren vorbehalten ist. Unter anderem mit politisch alarmistischen Fake-Posts werden Nutzer auf Webseiten gelockt, wo die Akteure hinter den Kampagnen mit den so generierten Werbeklicks Geld verdienen.

Laut GDI werden mit rund 20.000 Fake-News-Webseiten pro Jahr rund 213 Millionen Euro Werbeeinnahmen erzielt. GDI habe analysiert, wie viele Aufrufe diese Seiten erhalten, wer ihr Publikum ist, welche Werbung auf ihnen zu sehen ist und wie hoch die Werbeeinnahmen sind. Anzeigen stammten dabei von großen Unternehmen, wobei auch – ohne deren Wissen – deutsche Firmen dazu gehören. Als Beispiele nennt GDI unter anderem die Deutsche Bahn, den Autozulieferer Opel und die Deutsche Telekom. (hob)


Dieser Artikel stammt aus c't 22/2019.