Die Chip-Branche im Umbruch

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Viele Foundrys werden daher die derzeitige Halbleiterrezession nicht überleben, meint der TSMC-Chef. Spezialisierung und Nischenmärkte sind daher angesagt.

Alle reden vom Aufschwung in der Chipindustrie, aber keiner hat ihn bis jetzt gesehen. Auch die Semiconductor Industry Association (SIA) hält weiter Ausschau. Der einflussreiche US-Halbleiterverband beschwor noch vor wenigen Wochen die günstigen Prognosen für 2003: Mit Steigerungen von bis zu 25 Prozent sei zu rechnen, verkündete SIA-Chefanalyst Doug Andrey. Bald werde es auch mit den Preisen aufwärts gehen, denn die weltweiten Chipkapazitäten seien zu über 90 Prozent ausgelastet.

Bei der jüngsten Aktualisierung seiner Zahlen musste der Verband allerdings eingestehen, dass man sich wohl etwas in der Richtung vertan hatte. Seit Januar sind die sowohl Stückzahlen als auch Umsätze sequenziell wieder leicht rückläufig. Nur im Vergleich zu den Vorjahreswerten -- dem miserablen Jahr 2001 also -- hatte es in den vergangenen 10 Monaten zweistellige Stückzahlzuwächse gegeben. Daran sei nicht nur die geopolitische Lage Schuld, räumt SIA-Präsident George Scalise ein. Märkte, die noch im Vorjahr für etwas Belebung gesorgt hatten -- insbesondere Mobilfunk und Unterhaltungselektronik -- lassen nun die Nachfrage wieder vermissen. Obwohl die Fertigungsvolumina bei den fortschrittlichsten Halbleiterprozessen zu knapp 90 Prozent ausgelastet seien, drücke ein "beträchtlicher Kapazitätsüberhang am unteren Ende" auf die Absatzpreise.

Vorgeprescht

Warum dies so ist, machte Edward Ross, Präsident des größten Halbleiter-Auftragsfertigers TSMC, jüngst auf dem Semiconductor Summit in Monterey klar. "Wir sind dem Markt mit unserer Technologie um etwa vier Jahre voraus." Die taiwanische Foundry schickt sich an, ab Anfang 2004 Halbleiter mit einer Integrationsdichte von 90 Nanometer zu produzieren. Mehr als die Hälfte der TSMC-Kunden hat jedoch noch nicht einmal den Übergang von 180- auf 130-Nanometer-Prozesse vollzogen. Eine 90-nm-Fabrik verschlingt rund 3 Milliarden US-Dollar. Bei solchen Investitionen seien Jahresumsätze von 6 Milliarden US-Dollar zum Überleben erforderlich. Nicht alle Kunden ziehen bei solchen Risiken aber mit, denn auch Design und Logistik für die neuen Verfahren verteuern sich rasant. So beobachtet Ross einen Anstieg des von ihm "Gut-genug-Faktor" getauften Trends: Chip-Entwickler suchen ein Optimum aus Kosten und Leistung unterhalb der absoluten Technologiespitze. Viele seiner Kunden konstruieren außerdem weiterhin für 180-nm-Technik, weil in ihren systemintegrierten Chips auch analoge Komponenten einbezogen sind.

Viele Foundrys werden daher die derzeitige Halbleiterrezession nicht überleben, glaubt Ross. Und dies, obwohl die meisten Chipfirmen bereits seit Jahren auf eigene Investitionen in künftige Fertigung verzichten. "In wenigen Jahren wird die Industrie auf eine Handvoll Mitspieler konsolidiert sein". meint Ross. Partnerschaften wie jüngst zwischen AMD und Fujitsu im Bereich der Flash-Produktion dürften die Regel werden. Doch auch dies bringt neue Risiken mit sich: Die Logistikketten in der Foundry-Fertigung verlängern sich oft um mehrere Zwischenstufen. Dadurch verzögert sich der Designzyklus aller Produkte -- Marktvorhersagen werden immer unsicherer.

Die Branchenkrise hat TSMC nun zu einem Giganten des Chipgeschäfts gemacht, wenn auch nur durch Fehler und Verzagtheit der Konkurrenz -- und weil die Taiwaner nach den bisherigen Milliardeninvestitionen nicht mehr zurück können, wie Ross freimütig einräumt. Das Unternehmen aus dem Hsin-Chu Industriepark steht zu seinem Risiko: Kommt ein neuer Aufschwung im Halbleiterzyklus, wird die Foundry mit der modernsten Technik wie kein anderes Unternehmen profitieren. Doch derzeit ist der taiwanische Konzern bestenfalls Einbeiniger unter den Lahmen.

Single-Dasein

Wie es mit dem hinter der Technologiekurve der Chipindustrie nachhinkenden Elektronikmarkt -- und dadurch auch im Chipgeschäft -- wieder aufwärts gehen könnte, skizzierten in Monterey drei Spezialisten für System-on-chip-Designs (SoC). So behauptet Michael Gulett, Chef von ARC International, dass für klassische Design-Häuser, die Lizenzen für einzelne Komponenten verkaufen, die Uhr abgelaufen sei. Seine Firma integriert mehrere Techniken um einen konfigurierbaren Prozessorkern herum zu einer Systemplattform. Dies nimmt dem Hersteller das Handling vielschichtiger Urheberrechte und Lizenzen ab, etwa für Prozessor, Peripherie und I/O-System. ARC hat sich zuletzt auf Komplettdesigns für WLAN-Komponenten spezialisiert. Ähnlich geht das Start-up 3DSP vor, das aus hauseigenen DSP-Kernen komplette Breitbandsysteme für DSL- oder Funknetze konfiguriert. "Die meisten unserer Entwickler könnten auch bei einem unserer Kunden beschäftigt sein", erklärt 3DSP-Chef Duane Smith sein Outsourcing-Modell für Applikationsentwicklung.

Chris Rowen, dem Chef von Tensilica hingegen, sind solche Ansätze viel zu defensiv. Künftig könnte ein "ganzes Meer von Prozessoren" auf einem einzigen, hochintegrierten SoC-Baustein Platz finden. Diese lassen sich individuell für bestimmte Aufgaben konfigurieren. Designer müssten sich nur dem neuen Entwicklungsansatz verschreiben, konfigurierbare Prozessorkerne software-basiert mit entsprechenden Programmbibliotheken zu verknüpfen. Tensilica liefert neben den konfigurierbaren Cores die notwendigen Werkzeuge und Dienste, um beliebig komplexe Funktionen auf möglicherweise Hunderten von Prozessoren in hochintegrierten Schaltungen abzubilden. Die Bausteine werden dabei nicht mehr selbst produziert, sondern von Foundrys wie etwa TSMC, um von deren modernsten Halbleiterprozessen zu profitieren.

Auf mehr kontrollierte Offensive setzt ein Oldtimer im Chipgeschäft, die 1966 gegründete Firma AMI Semiconductor. Die Chefin Christine King sieht so schnell keine rosigen Zeiten für die Branche voraus. Die IBM-Veteranin will AMI daher kompromisslos darauf trimmen, flexibel in möglichst vielen Nischen mitzumischen: Die Palette reicht vom RFID-Transponder zum Stückpreis von wenigen Cents bis zum 10.000-Dollar-Modul für militärische Anwendungen -- auf die King gar nicht näher eingehen will. "Killer-Applikationen gibt es nicht mehr." Im Gegensatz zu den SIA-Marktforschern glaubt die AMI-Präsidentin, dass die Chipbranche sich auf einstellige Wachstumszahlen einstellen sollte. Immerhin aber hält King die Augen nach Übernahmekandidaten offen, allerdings nicht in neuen Märkten, sondern in angestammten Bereichen wie Medizin- und Automatisierungstechnik. So hat AMI im vergangenen Jahr die Medizinsparte von Alcatel gekauft. Eine ähnliche Akquisition in Europa würde laut King noch gut ins Portfolio passen.

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