Die Nadel im Spreuhaufen

@ctmagazin | Editorial

Die c’t-Redaktion weilt seit August nicht mehr in der Helstorfer Straße, sondern in einem neuen Gebäude. Es riecht nach Teppich und Ordnung. Noch ist es weitgehend unentdecktes Land und nährt die Fantasie: Hält die breite Glasfront der Zombie-Apokalypse stand?

Die c’t-Redaktion weilt seit August nicht mehr in der Helstorfer Straße, sondern in einem neuen Bürogebäude in der Karl-Wiechert-Allee. Es riecht nach Teppich und Ordnung. Noch ist es weitgehend unentdecktes Land und nährt die Fantasie: Hält die breite Glasfront der Zombie-Apokalypse stand? Führt ins fünfte Stockwerk keine Treppe, weil Heise dort eine Roboterarmee baut? Wenn man den Tresen im Eingangsbereich dreht, öffnen sich dann die Wasserbecken zu einer in die Tiefe führenden Freitreppe? Erwartet uns da unten die Bundeslade? Batman? Moria?

Die Helstorfer Straße stärkte das Immunsystem und schwächte die Stauballergiker. Es herrschte kreatives Chaos. Papier und Datenträger, Platinen und Kabel türmten sich auf den Schreibtischen der Redakteure. Während des Umzugs wühlten schwielige und von Lötkolbenbrandnarben gezeichnete Hände in Bergen von IT-Geschichte und versuchten, die Spreu vom Weizen zu trennen. Container um Container füllte sich mit Abfall.

Hin und wieder fand jemand eine Nadel im Spreuhaufen und hielt das Fundstück triumphierend hoch: Der Debabilizer (er wandelt Atari- und Amiga-Software in für Windows 95 lesbare Formate um)! Ein 14,4er-Modem (Sohn, damit ging man früher ins Internet)! CorelDraw 8 für Linux! Ein Gummi-Türstopper in Form eines Damenschuhs! Ein mumifizierter Käfer (einem kundigen Kollegen zufolge ein Moschusbock)!

Der immer größere Durchsatz an Daten und Gegenständen zwingt zur Disziplin: Archivieren heißt wegschmeißen. Niemand interessiert sich mehr für Disketten - es gibt ohnehin keine Lesegeräte mehr dafür. Das Resultat: Die Briefe von Wilhelm II. an Zar Nikolaus II. sind erhalten, Schröders E-Mails an Putin nicht unbedingt.

So tragen die 80er und 90er Jahre schon jetzt den pathetischen Beinamen "Das dunkle Zeitalter", während jahrtausendealte Grabinschriften noch so lesbar sind wie die Zeitung von heute Morgen. Aber vielleicht ist es auch nicht schlimm, dass die meisten Daten im Laufe der Jahre verloren gehen. Das Bekannte und Beliebte - Faust, die Beatles, Star Wars - bleibt.

Manchmal spielt der Zufall allerdings böse Streiche. Die Sumerer drückten Holzkeile in feuchten Ton und zeichneten damit Flüchtiges wie ihre Geschäfte kostengünstig auf. Papyrus wäre viel zu teuer gewesen. Zeichnungen und Gedichte verbrannten im Laufe der Jahrtausende. Ton wird nur noch haltbarer, sodass 5000 Jahre alte Kassenbons in Massen überliefert sind, während von der Literatur nur eine Geschichte - Gilgamesch - blieb.

Unser Umzug bot einen Anlass, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und sich über nachhaltige Datensicherung Gedanken zu machen. Die Backups meiner Fotos und Artikeldaten sind nun wieder auf dem neuesten Stand und liegen sicher an zwei verschiedenen Orten. Wer seine Schätze dem Zufall überlässt, findet irgendwann nur noch Kassenbons und Käfer vor. (akr)

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