Die Sache mit dem Flaschenboden

@ctmagazin | Editorial


Die Sache mit dem Flaschenboden

Letzten Freitag war ich auf einer Party: runder Geburtstag. Die Beleuchtung war schummrig, doch die digitale Spiegelreflexkamera machte mit lichtstarkem Objektiv bei ISO 1600 bis in die frühen Morgenstunden zwar mit ordentlichem Rauschen belegte, aber ansonsten ansehnliche Bilder. Es wurde spät, Alkoholpegel und Uhrzeit lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen und irgendwann wankte ich ins Bett.

Kurz darauf klingelte mein Wecker, denn am Samstagmorgen sollte ich auf der Hochzeit meines Cousins fotografieren. Mit geschlossenen Augen raffte ich mich auf, schlurfte ins Bad und schabte die Spuren der Nacht aus dem, was tags zuvor mein Gesicht gewesen sein musste. Ich schulterte das Fräulein SLR und hetzte - bereits ein wenig verspätet - in Richtung Kirche.

Dort angekommen versuchte ich, trotz meines Zustands die Szene würdig einzufangen. Schließlich setzte die Familie auf mich und meine Fotos von diesem einmaligen Ereignis. Als nach der Zeremonie der Stress von mir abfiel, durchfuhr es mich wie ein Blitz.

Hastig angelte ich nach der Fototasche, kontrollierte die morgendlichen Aufnahmen und meine Befürchtung wurde schreckliche Gewissheit: Ich hatte die ISO-Einstellung nicht noch einmal kontrolliert, sondern trotz aufgestecktem Blitz bei dem nächtlich eingestellten Wert belassen. Was war passiert? Zu viel Alkohol, zu wenig Schlaf? Professionelle Kamera, unprofessioneller Fotograf? Genau, all das.

Schweißperlen sammelten sich auf meiner Stirn. Ich blickte mich unruhig um. Hatte jemand etwas bemerkt? "Lass dir nur nichts anmerken", sagte ich mir, "so kommst du heil aus der Nummer raus. Sie können deine Angst riechen." Ich spielte den jovialen Profi und sparte mir die Nervosität für die anschließende Sitzung am Rechner auf. Per Software würde ich den Fehler - wenn auch nicht vollständig - dann doch so weit beheben können, dass er nicht weiter auffallen würde.

Zu Hause stellte ich fest, dass den Fotos nicht nur weniger Bildrauschen gut tat, sondern auch ein ausgeglichener Helligkeits- und Farbkontrast, ein veränderter Bildausschnitt oder eine andere Belichtung. Im Eifer des Gefechts setzte ich zusätzlich einige Fotos mit edler Körnung in Schwarzweiß um, montierte die freundlichsten Gesichter zum perfekten Gruppenbild und ersetzte langweiligen durch dramatischen Himmel.

Das Rohmaterial wäre besser gelungen, wenn ich die Kamera richtig bedient hätte - keine Frage. Ohne diesen groben Fehler hätte ich mich aber vermutlich nicht so umfassend mit den Fotos beschäftigt. Seither verpasse ich auch geglückten Fotos eine digitale Kur per Bildbearbeitung. Wie früher die automatisch entwickelten Abzüge lassen sich digitale Schnappschüsse zwar ohne weiteren Aufwand betrachten; ein Kunstwerk wird aus ihnen aber erst nach dem Gang in die (digitale) Dunkelkammer.

(siehe dazu unser Titelthema "Foto-Workshop")

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