Die Spiele in Leipzig

Games Convention etabliert sich als zentrale deutsche Publikumsmesse der Unterhaltungssoftware-Branche

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Die einen erleben die Games Convention als schwer erträgliche Zumutung für Ohren und Nerven, die anderen als „Pahdiiiie satt“, wieder andere suchen - und finden - abseits des großen Krawalls tatsächlich das Gespräch mit Spieleschöpfern und -vermarktern und können einen Blick auf kommende Hits und Flops ergattern.

Große Plakate des Saturn-Elektromarkts jubelten „Die Spiele sind doch in Leipzig!“ - und hatten Recht damit, wenn auch ganz unolympisch: Die dritte Games Convention als derzeit wichtigste deutsche Messe für den Bereich Computer- und Videospiele gab sich in den Hallen der Neuen Messe Leipzig vom 19. bis 22. August die Ehre und war Anziehungspunkt Nummer eins für Gamer und Topfgucker in Sachen Spiele-Neuentwicklungen, aber auch für Kick-Suchende, Babe-Watcher, Abfeierer und Goodies-Abgreifer, die sich schwerpunktmäßig aus Post-Techno- und Zahnspangen-Generation rekrutierten.

Was die großen Projekte großer Publisher angeht, so wussten Kenner der Spieleszene aus der einschlägigen Presse, was sie erwarten würde. Überraschungen gab es oft an kleineren Ständen - so will etwa Brian Fargo, einer der Väter des Rollenspielgenres auf dem Heimcomputer, eine neue Fassung des Kult-Klassikers The Bard’s Tale auf den Markt bringen, die mit den technischen Mitteln der Jetztzeit an die zauberhafte Serie aus den Achtzigerjahren anknüpfen soll. Als Barde kämpft der Spieler mit Waffen und magischen Gesängen gegen allerlei Monster in einer Fantasy-Welt. Das Ganze zeichnet sich durch augenzwinkernden Humor aus, der etwa dann zum Tragen kommt, wenn sich der Barde mit der Erzählerstimme aus dem Off streitet, weil diese ihm mit ewigen Übertreibungen auf die Nerven geht. Wie so oft werden auch hier die Konsoleros vor den PC-Besitzern in den Genuss des Spiels kommen.

Ein Wiedersehen wird es auch mit Leisure Suit Larry geben - in Magna cum Laude tritt Larry Laffers Neffe Larry Lovage das Erbe seines Onkels an und versucht, die holde Weiblichkeit von seinen Qualitäten als Liebhaber zu überzeugen. Der Protagonist spricht in der deutschen Spielversion mit der Stimme von TV-Comedian Oliver Pocher. Das Adventure, das nicht aus der Feder von Larry-Erfinder Al Lowe stammt, aber dessen skurrilem Humor treu bleiben will, soll zeitgleich für PC, Xbox und Playstation 2 erscheinen.

Den lang erwarteten Nachfolger des First-Person-Shooters Halo hat Microsoft zwar erstmals in einer spielfähigen Fassung gezeigt, aber nur auf der Xbox. Von einer Umsetzung des Titels für Windows ist bislang keine Rede.

Bereits fertig und auf dem Weg ins Presswerk ist Peter Molyneux’ Rollenspiel Fable. Hier lenkt der Spieler die Geschicke seines Helden von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter. Jede Entscheidung hat Einfluss auf den Verlauf der Geschichte. Wer stets tugendhaft handelt, bekommt im Laufe des Spiels gar einen Heiligenschein verpasst, während notorischen Missetätern Hörnchen wachsen. Die Xbox-Fassung soll noch im Herbst 2004 auf den Markt kommen. Wann Windows-Spieler mit „Fable“ rechnen können, steht noch nicht fest.

Auch abseits der reinen Software fand sich manche Überraschung - so wird etwa das Thema 3D-Monitore, bislang eine Domäne von Profi-Anwendern in Bereichen wie Fahrzeugkonstruktion oder Medizin, zunehmend für Spieler relevant. Ein ungewöhnliches Konzept zeigte hier die Firma X3D Technologies: Ihre quasiholografischen Monitore stellen nicht wie herkömmliche autostereoskopische Bildschirme nur zwei Blickwinkel eines Bildes gleichzeitig dar (einen für jedes Auge), sondern acht - dadurch ist es möglich, mehrere Betrachter nebeneinanderzustellen, sich vor dem Geschehen zu bewegen, dabei verschiedene Perspektiven zu durchschreiten und sogar ansatzweise hinter Objekte zu spähen.

Das X3D-Verfahren nutzt LC- oder Plasma-Flachdisplays, vor die ein feines optisches Blendenraster montiert wird. Ein spezieller Treiber errechnet die acht Ansichten. Er ist für OpenGL, aber auch für DirectX zu haben; so lassen sich alle „sauber“ programmierten aktuellen Spiele auf einem X3D-Display plastisch genießen - ohne Filterbrille oder andere Hilfsmittel am Betrachter. Dadurch, dass die Bildertrennung im Subpixelbereich arbeitet, reduzieren sich Ausgangsauflösung und -helligkeit der genutzten Displays nicht auf ein, sondern nur auf drei Achtel. Der Einsteigerbildschirm kostet bei X3D derzeit 1600 Euro; in einigen Wochen will man speziell für den Home-Entertainment-Markt ein 17-Zoll-Modell für rund 1000 Euro auf den Markt bringen.

Ebenfalls brillenlos, aber als klassische autostereoskopische Lösungen mit „nur“ zwei gleichzeitigen Ansichten präsentierten sich weitere 3D-Monitore, die preislich allerdings noch deutlich jenseits der 2000-Euro-Marke liegen. Eine ungewöhnliche Lösung besteht dabei im Einsatz zweier hintereinander angeordneter TFT-Panels. Indem man das hintere abschaltet, lässt sich ein solcher Monitor für gewöhnliche 2D-Darstellung nutzen. Die Ablenkung der Stereo-Teilbilder, die dafür sorgt, dass jedes Auge nur das dafür bestimmte Bild sieht, geschieht bei autostereoskopischen Monitoren je nach Modell über Blenden-, Linsen- oder Prismenraster.

Zum „innovativsten Produkt der Messe“ wurde ein Spielecontroller gekürt: der Gametrack von Atari. Bei diesem System steuert der Nutzer ein Spiel durch Bewegungen, jedoch ohne die etwa bei Sonys „EyeToy“ übliche grobe Bewegungsabnahme per Webcam. Die zwei Spezialhandschuhe, die der Gametrack-Spieler trägt, sind über Seilzüge mit einer Auswertungseinheit verbunden. Anhand des Winkels und der Seillänge kann das System die exakte Position der Hände im Raum feststellen. Erste Anwendung findet diese Technik bei einem Prügelspiel, in dem man erstmals selbst Hand an die virtuellen Gegner legen kann. Eine solche Kampfrunde ist recht schweißtreibend. Nach jeder Partie werden der Kalorienverbrauch und die Geschwindigkeit des schnellsten Schlags angezeigt. Atari arbeitet an weiteren Spielen wie Golf oder Tennis für den Gametrack-Einsatz. Vorerst gibt es das System nur für die PS 2, allerdings sind Xbox- und PC-Version in Planung.

In Halle 2, die mit ihrem „GC Familiy“-Bereich gegenüber den Kreisch-Zentren von Halle 3 und 5 geradezu eine Oase der Ruhe darstellte, durften Spieler ebenfalls vollen Körpereinsatz bringen - bei einem studentischen Projekt, das im Rahmen einer Kooperation des Instituts für Simulation und Grafik mit der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Firma Impara entstanden ist: Der offizielle Titel für die Semesterarbeit lautet „Virtual Physics“. Die Studenten sprechen lieber von Pirates, was auch besser zu dem passt, was sie vorführten: Drei Piratenschiffe kämpfen gegeneinander in einer tropischen Inselwelt. Jedes benötigt einen Steuermann und einen Kanonier, die zusammenarbeiten müssen, um die anderen Boote aufzuspüren und zu versenken. Der Clou dabei sind die Steuergeräte, die die Studenten gebastelt haben. So lenkt man ein Schiff, indem man ein Holzbein mit dem Knie in die gewünschte Fahrtrichtung drückt. Die originalgetreue Kanone will mit der Hand ausgerichtet werden. Als Auslöser dient ein elektronisches Zündholz, dass an eine Lunte gehalten werden muss. Die dem Spiel zugrunde liegende Engine beruht auf Squeak, einer Variante von Smalltalk.

Gleich zum Auftakt der Messe haben die Veranstalter mit Rekorden aufgetrumpft: Die Größe der genutzten Ausstellungsfläche ist 2004 gegenüber 2003 von 40.000 auf 55.000 Quadratmeter gewachsen, wobei die Anzahl der Aussteller gleichzeitig um rund 30 Prozent höher liegt als im letzten Jahr.

Für Besucher gab es, wie schon gehabt, dreierlei farbige Bändchen passend zur jeweiligen Altersstufe - nur das rote Band erschloss den Zugang zu den Spielen ohne Jugendfreigabe, die in bewachten Bereichen zu sehen waren. 106.000 Bändchen wurden an den vier Messetagen an Handgelenken befestigt, knapp die Hälfte davon im Laufe des Samstags, an dem Massen von Spielehungrigen beinahe den Messebetrieb lahm legten.

Rekordverdächtig mutet auch die Menge der von den Veranstaltern gemeldeten Welt-, Europa- und Deutschlandpremieren an. Insgesamt ist von 167 Erstvorführungen die Rede, allerdings erweist sich diese Zahl bei genauem Hinsehen als ziemlich schöngelogen. In der Liste der Premieren tauchen zahlreiche Produkte auf, die schon seit langem angekündigt und keinesfalls fertig zu bewundern waren. Die Leipziger zählten etwa manche Vorführung selbstablaufender Demos oder Videos bereits als Premiere. (Nico Nowarra/psz)