Die Welt als Wille und Vorstellung

Microsoft, die Gesellschaft und die große Politik

Wissen | Reportage

Der Einfluß, den ein Unternehmen von der Größe Microsofts fast automatisch auf Politik und Gesellschaft hat, kommt der Firma gerade recht. Getreu den Vorstellungen des Chefs und unter seiner tatkräftigen Mithilfe versucht das Unternehmen, seine Stellung im politischen und gesellschaftlichen Leben kräftig zu nutzen und zu festigen. Alles unter der Maxime: was für Microsoft gut ist, ist auch für die Gesellschaft gut.

Abflug Frankfurt 10:30 Uhr mit Lufthansa-Flug 454 - ein netter Zug der Firma, einmal im Jahr alle Beschäftigten, auch die europäischen, zu einem großen Fest einzuladen. Nach einem Zwischenstopp landet die Maschine pünktlich 17:20 Ortszeit in Seattle. Mitarbeiter der großen Microsoft-Familie warten schon auf die Neuankömmlinge und geleiten sie weiter zum Veranstaltungsort. Die Amerikaner bekommen zwar außerdem noch ihr eigenes Fest - aber was soll's, aus aller Welt sind Microsoft-Angestellte auf Kosten der Firma angereist, um sich auf das nächste Geschäftsjahr einzustimmen.

Steve Ballmer, Microsofts Vize-Chef, der angibt, früher als Autohändler gearbeitet zu haben, wirkt ein bißchen wie eine Mischung aus Prediger und Gebrauchtwagenhändler. Seine Auftritte bei den Mitarbeiterfesten ähneln den wortgewaltigen Ansprachen amerikanischer Fernsehgeistlicher, die das Kommen des Herrn ankündigen. Europäern mögen solche Veranstaltungen befremdlich vorkommen, Amerikanern liegt das vielleicht mehr. Trotzdem kann man sich nach den Beschreibungen ehemaliger MS-Mitarbeiter des Gefühls nicht erwehren, in die Veranstaltung einer religiösen Sekte geraten zu sein.

Als Typus des geborenen Verkäufers (die amerikanische Presse nennt ihn schon einmal 'Straßenhändler') wird Steve Ballmer vom Chef Gates auch manches Mal von der Leine gelassen und betätigt sich als Wadenbeißer. Er schreckt nicht davor zurück, Geschäftspartner und Konkurrenten telefonisch unter Druck zu setzen, wenn sie nicht so parieren, wie sich Microsoft das vorstellt. 'Man ist entweder Freund oder Feind, und Sie sind jetzt ein Feind', blaffte er laut dessen Aussage den damaligen Chef von Pacific Bell an, der lokalen Telefongesesellschaft von San Francisco. Sein Vergehen: er hatte Netscapes Web-Browser als Standard eingeführt.

Vier Themen beherrschen die jährlichen Mitarbeiterfeste von Microsoft: die Umsatzvorgaben für das nächste Jahr, Analyse der Konkurrenz, die Corporate Identity und natürlich die Motivation der eingeflogenen Mitarbeiter. Wenn eine Firma schon den See auf dem eigenen Gelände nach dem Chef 'Lake Bill' nennt, wundert es nicht, wenn solche Veranstaltungen in verzückter Begeisterung für den 'Großen Vorsitzenden' schwelgen.

'[...] Microsoft (schuf) eine immanente Heldenverehrung, und Bill Gates' Wille infiltrierte alle Lebensbereiche seiner Angestellten, sogar derjenigen, die ihn noch nie kennengelernt hatten', schrieb Robert X. Cringely in seiner Geschichte Microsofts ('Unternehmen Zufall', zitiert nach c't 6/92, S. 36). 'Die Softwarefabrik hat nur Platz für ein einziges Genie, und das ist Bill Gates. Aber da Bill Gates in Wirklichkeit nicht den Code der Software von Microsoft schreibt, heißt das, daß sich nur wenige geniale Geistesblitze ihren Weg auch in die Produkte bahnen. Diese sind abgeleitet - erfolgreich, aber abgeleitet', so Cringely weiter über die interne Struktur von Microsoft und die daraus resultierenden Ergebnisse.

Wenn es nicht Innovation und Kooperation sind, die Gates' Vorstellung von Microsoft und der externen Welt beschreiben, dann sind es zwei andere Stichworte: Kontrolle und - Macht. Gates' weitreichende Beziehungen und Unternehmungen sind nicht nur das Vehikel, Microsoft immer größer zu machen und vor Angriffen zu schützen. Umgekehrt ist Microsoft auch das Instrument, Gates' Vorstellungen von Wirtschaft und Politik in die Tat umzusetzen. Verschafft der Erfolg des Unternehmens ihm doch auch Gehör bei jedem Politiker, der etwas auf sich hält oder seine Modernität beweisen will.

'Leider war der andere Bill verhindert, jener, der Präsident ist und den Bill Gates gelegentlich im Urlaub auf der Ferieninsel Martha's Vineyard besucht und mit ihm über Golfspiel und Golfkrieg fachsimpelt. So lud der Microsoft-Chef [...] wenigstens den Vizepräsidenten der USA zum Abendessen mit mehr als hundert seiner besten Freunde aus der Industrie ein. Al Gore sagte begeistert zu [...]', beschreibt der Spiegel 36/97 das Verhältnis von Gates zur amerikanischen Regierung.

Hat der Microsoft-Chef zu Mitgliedern der US-Regierung fast schon ein freundschaftliches Verhältnis, verläßt er sich doch nicht darauf, daß die Weltmacht seine Interessen auch immer richtig vertritt. Mit sicherem Gespür für die Märkte der Zukunft ist er überall dort zu finden, wo sich seiner Ansicht nach relevante Entwicklungen zeigen.

Amerikanische Nachrichtenagenturen vermeldeten am 7. Oktober 1997 eine Reise des Microsoft-Chefs schon wie die eines Staatsmanns: 'Gates besucht Großbritannien'. Dort traf er sich dann mit Englands neuem Premier Tony Blair. Unter anderem sagte er ihm Unterstützung für sein Projekt zu, alle Schulen mit Computern und Internet-Zugang auszustatten. Nebenbei spendete er 20 Millionen US-Dollar für ein Computer-Labor der Universität in Cambridge und vereinbarte eine Kooperation mit British Telecom zur Computer-Ausbildung von Lehrern.

Einem Softwareunternehmen fällt es leicht, die eigenen Produkte zu stiften. Die Produktion einer CD kostet Pfennige, und der Wert der Software ist rein virtuell. Kein Mensch geht davon aus, daß eine Schule oder eine Kultusbehörde in der Lage ist, mehrere tausend oder gar hunderttausend Mark für die Programme auszugeben. Schließlich haben sie doch schon Schwierigkeiten, das Geld für die Hardware aufzutreiben.

Da schenkt man als Unternehmen die Anwendungen und Betriebssysteme doch lieber her. Schüler werden kaum noch das Verlangen haben, etwas anderes als Microsoft-Produkte einzusetzen, wenn sie schon in der Schulzeit daran gewöhnt wurden und auch die Lehrer nichts anderes kannten. Und damit die Einstimmung schon der Jüngsten auf Microsoft reibungslos klappt, geht Gates das eben auf höchster Ebene an.

Gleichzeitig kann man bei den Treffen mit den Politikern natürlich auch seine eigenen Vorstellungen vom Softwaremarkt und der Wirtschaftspolitik zur Sprache bringen. Als Gates im Oktober Rußland besuchte, war es fast schon selbstverständlich, daß er sich mit dem russischen Premierminister Tschernomyrdin traf, um über Softwarepiraterie und die Wirtschaft in der ehemaligen Sowjetunion zu plaudern. Verabredungen mit dem Präsidenten der russischen Zentralbank, Sergej Dubinin, mit Vagut Alekperow, dem Chef einer der größten Mineralölfirmen des Landes, sowie dem stellvertretenden Premierminister Anatoli Chubais, einem engen Vertrauten von Boris Jelzin, standen ebenfalls auf dem Programm. Neue Märkte erfordern eben viel Einsatz.

Ein sicheres Gespür beweist Gates aber nicht nur bei der Öffnung neuer Märkte, sondern auch beim Aussuchen der Partner, die vielleicht wichtig werden könnten. Gerhard Schröder mag für die meisten Amerikaner ein unbeschriebenes Blatt sein. Bill Gates ist der Ministerpräsident von Niedersachsen und mögliche Kanzlerkandidat der SPD wichtig genug, um sich mit ihm während dessen USA-Reise im Herbst 1997 zu treffen. Daß dabei gleich noch öffentlichkeitswirksame Werbung für Microsoft-Produkte abfiel, fand selbst das Wall Street Journal bemerkenswert.

Eine feine Nase für Politik und Märkte gehört natürlich zur Führung eines Unternehmens wie Microsoft. Alle Welt diskutiert darüber, wie Microsoft mit Kooperationen, Beteiligungen und Firmenkäufen auf Märkte vordringt, die jeder für zukunftsträchtig hält. Kabelnetze, Anbieter von Internet-Inhalten, digitales Fernsehen - kaum ein Bereich, in dem Microsoft selbst oder Bill Gates in der letzten Zeit nicht aktiv geworden ist (siehe Seite 88).

Selbst den Banken will Microsoft Konkurrenz machen. Eine anfangs etwas abwegige Vorstellung, daß ein Softwareunternehmen den klassischen Geldhäusern den Rang ablaufen könnte, wird von diesen inzwischen allerdings ernst genommen. So schrieb die US-Fachzeitschrift 'American Banker', daß Microsoft innerhalb von zwei Jahren eine ernsthafte Bedrohung in der Distribution von Finanzdienstleistungen und im Zahlungsverkehr sein könnte.

In der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt bleibt aber, daß Gates sich inzwischen in Bereichen tummelt, die die Basis für die Anbieter im Internet und traditionellen Medien bilden. Sie können für die Zukunft von Microsoft und seine diversen Aktivitäten eine entscheidende Rolle spielen. Denn ähnlich wie die Fernsehanstalten als Anbieter von Inhalten haben auch vergleichbare Unternehmen im Internet das Problem, wo sie denn nun genügend Inhalte herbekommen. Gates als Kirch des Internet? Nicht ganz abwegig - Beteiligungen an Dreamworks, der Firma von Steven Spielberg, die neben Filmen auch multimediale Anwendungen produzieren will, und die Gates-Gründung Corbis sprechen Bände.

Corbis? Die Selbstdarstellung der Firma ist, ähnlich der von Microsoft, nicht von Bescheidenheit geprägt: 'Die Mission von Corbis besteht darin, der weltweit führende Anbieter von visuellen Inhalten und Dienstleistungen im digitalen Zeitalter zu werden'. Dazu habe man heute schon neue Bereiche in den Vereinbarungen über geistiges Eigentumsrecht erschlossen und neue Methoden für das Suchen, Einlesen und die Auslieferung von Bilddateien entwickelt. Das Ganze ist natürlich für diejenigen, die ein bestimmtes Bild benutzen wollen, keineswegs kostenlos.

Corbis hat heute schon Verträge mit einigen der führenden Fotografen und Museen auf der Welt abgeschlossen. Sie haben der Firma das exklusive Distributionsrecht für digitalisierte Versionen der Kunstwerke und Fotografien eingeräumt. Zu den Lizenzgebern von Corbis gehören unter anderem Ansel Adams, die Bettmann-Sammlung, die National Gallery in London und das Museum in Detroit.

Gates selbst schreibt zur Gründung von Corbis in seinem Buch 'The Road Ahead': 'Ich glaube, daß es für hochwertige Bilder eine rege Nachfrage auf dem Highway geben wird. Natürlich ist die Annahme, daß sich auch Privatpersonen die Mühe machen werden, den digitalen Bildervorrat zu durchmustern, zur Zeit noch Spekulation. Ich bin jedoch der Meinung, daß sich viele Menschen dafür interessieren werden, sobald ihnen die geeignete Benutzeroberfläche zur Verfügung steht.' Und die kommt dann natürlich ebenfalls von Microsoft...

Vom Betriebssystem des Rechners, mit dem man ins Internet geht, über die Box, die den Fernsehempfang steuert, und die Inhalte, die man sich mit Rechner oder Fernseher nach Hause holt, bis zu den Abrechnungsmodalitäten und Dienstleistungen für die genutzten Angebote - Gates und Microsoft möchten überall sein. Die Vision, auf jedem Schreibtisch und in jedem Heim einen PC stehen zu haben, der mit Microsoft-Software arbeitet, ist längst von der Realität überholt worden. PCs oder Computer allgemein sind nur noch ein Teil der Ideen, die Bill Gates antreiben.

Die gesellschaftliche Macht eines Unternehmens oder gar einer Einzelperson, die Inhalte, Geräte und Abrechnungsmodalitäten aller modernen Kommunikations- und Unterhaltungsmöglichkeiten beherrschen, ist unabsehbar. Das Unternehmen wie sein Chef wissen das natürlich. Microsoft und der große Vorsitzende Gates als Herrscher über die Medien, ihre Inhalte und ihre Finanzen - eine Horrorvorstellung, die angesichts der internen Struktur von Microsoft das Informationsministerium in Orwells Staat von 1984 wie einen Hort der Demokratie erscheinen lassen.

Microsoft ist aber auf dem besten Weg, eine Machtposition zu erlangen, wie sie nicht einmal Medienkonzerne wie Viacom oder Disney bislang erreicht haben. Im Gegenteil, Microsoft ist teilweise sogar an ihnen beteiligt oder strebt eine enge Kooperation oder eine Beteiligung an. Kein Wunder, daß dies mit Einflußnahme auf die Politik abgesichert werden soll. (jk)

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Microsoft beschäftigt alleine in Deutschland etwa 50 sogenannte Consultants. Sie sind zwar fest bei MS angestellt, können aber von Firmen gemietet werden, um ihnen bei der Einführung spezifischer Lösungen zu helfen. Im Gegensatz zu den normalen Firmenberatern Microsofts, die ebenfalls bei Kunden eingesetzt werden, werden sie nicht nach Umsatz bezahlt - sie können also eigentlich frei werkeln, ohne ihr Gehalt aufgrund schlechter Verkäufe in Gefahr zu sehen.

Eine Art Propagandist unter dem Mäntelchen des Kundenberaters? Dafür spricht zumindest, daß nach Informationen, die uns vorliegen, die Consultants keine Software unterstützen dürfen, die nicht von Microsoft stammt. Erklärtes Ziel ist vielmehr die flächendeckende Einführung von MS-Software, im Microsoft-Jargon '100-Prozent-Deals'. Dafür können die Consultants dann auch große Rabatte einräumen - kein Wunder, daß sie nicht nach Umsatz bezahlt werden.

Ob's den Kunden nutzt, sei dahingestellt. Microsoft jedenfalls bekommt durch solche Vorgehensweisen schnell mehr als nur einen Fuß in die Tür. Microsoft Office ist selbst bei den meisten Firmen Standard, die nicht etwa auf die Betriebssysteme der Gates-Company setzen. Und das ist der Hebel, bei dem dann die Consultants ansetzen. Wer nun glaubt, diese Herangehensweise sei branchenüblich, täuscht sich. Konkurrenten von Microsoft sind teilweise weit weniger dogmatisch. Ein IBM-Vertriebsbeauftragter käme heutzutage nicht im entferntesten auf die Idee, OS/2 nur deshalb zu empfehlen, weil es von IBM ist. Dementsprechend machen die NT-Dienstleistungen bei IBM inzwischen ein gerüttelt Maß des Umsatzes aus.

Hilft alles nichts, dann fährt Microsoft schweres Geschütz auf. In den USA mag eine Firma noch so unbekannt sein, wenn die deutsche Dependance von Microsoft die Zentrale davon überzeugen kann, für Deutschland sei diese von Bedeutung, fliegt auch schon mal MS-Vize Steve Ballmer oder der Chef Bill Gates persönlich ein. Eine bayerische Bank beispielsweise wurde nach Angaben eines EDV-Dienstleisters so lange mit Besuchen und Hilfestellungen bearbeitet, bis sie für den Gates-Besuch reif war. Ein Gespräch des MS-Chefs mit dem Vorstand brachte dann die letztendliche Entscheidung, von OS/2 auf Windows NT zu wechseln.

Über den Inhalt des Treffens von Gates mit dem Daimler-Benz-Vorstand vor einigen Wochen darf spekuliert werden - beide Seiten vereinbarten Stillschweigen. Kooperationen mit Firmen wie der Telecom oder SAP schließt Microsoft ebenfalls gerne auf höchster Ebene ab.

Wen wundert es da noch, daß Microsoft selbst in Branchen, die bislang von anderen Systemen dominiert waren, immer erfolgreicher wird - und das ganz im Widerspruch zur landläufigen Meinung, die Gates-Company könne mit den Anfordernissen der Unternehmens-EDV nichts anfangen? Niederlagen wie bei der Allianz, bei der nach Insider-Informationen alle NT-Pilotprojekte vorerst gestoppt wurden, steckt man weg. Microsoft soll gegenüber dem Versicherungskonzern sogar schriftlich zugestanden haben, bestimmte Anforderungen in deren EDV-Struktur mit NT nicht erfüllen zu können. Wenn's zu technisch wird, macht die Firma schon eher einmal einen Rückzieher. Entscheidungen für Microsoft-Software versucht man eher auf der Management-Ebene zu erreichen. Welcher Vorstand fühlte sich nicht geschmeichelt, wenn er Besuch vom reichsten Unternehmer der Welt oder seinem Vize bekommt, zur Not auch vom deutschen Statthalter. Die EDV-Abteilung darf dann mit den Konsequenzen leben.

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