Die Woche: Abstimmung per Geldbeutel

@ctmagazin | Kommentar

Mit Crowdfunding können Open-Source-Projekte ihren Anwendern neue Beteiligungsmöglichkeiten bieten und gleichzeitig Gelder für ihre Projekte einnehmen.

Wohin soll die Reise gehen? Diese Frage beantworten bei Open-Source-Projekten regelmäßig die Maintainer oder wenige Entwickler, die sich bei dem Projekt engagieren. Die Anwender fragt üblicherweise niemand. Das liegt nicht etwa daran, dass die Entwickler die Götterdämmerung fürchten; der Grund ist vielmehr, dass die Anwender nur selten die langfristige Entwicklung des Projekts bedenken und die zur Verfügung stehenden Ressourcen und Möglichkeiten nicht kennen.

Dabei gibt es mit Crowdfunding eine einfache Möglichkeit, Anwender an Richtungsentscheidungen zu beteiligen und gleichzeitig die dafür nötigen Ressourcen zu schaffen – indem Anwender Gelder für die Entwicklung bereitstellen, mit denen sich durchaus auch ein Programmierer anheuern lässt. Die Entwickler des Video-Editors Kdenlive etwa wollen so ein Refactoring des Kdenlive-Codes finanzieren.

Crowdfunding funktioniert so: Irgendjemand denkt sich ein Vorhaben aus, entwirft einen möglichst detaillierten Plan, berechnet die erforderlichen Gelder und stellt das Ganze bei einer Crowdfunding-Plattform wie Kickstarter oder Indiegogo online. Das gilt nicht nur für Software-Projekte, per Crowdfunding lässt sich nahezu alles finanzieren – vom innovativen Ketchupbeutel-Ausquetscher über ein privates soziales Netz bis hin zu Prototypen für ein Einmann-Fluggerät.

(Bild: Andrew Magill, Flickr (CC-BY-2.0))

Besucher der Crowdfunding-Plattform können den einzelnen Projekten Gelder zur Verfügung stellen, wobei der zugesagte Betrag erst dann fällig wird, wenn das Projekt das avisierte Finanzierungsziel erreicht hat. Kommt nicht genügend Geld zusammen, zahlt keiner der Investoren – und das Projekt muss auch nicht durchgeführt werden.

Open-Source-Projekte könnten diesen Mechanismus gut nutzen, um die Anwender an Richtungsentscheidungen zu beteiligen: Wenn das Interesse der Anwender so groß ist, dass sie sogar einen Programmierer für die Umsetzung bezahlen, sollte man den Wunsch ernst nehmen. Dabei kann man ihnen auch die Wahl zwischen verschiedenen Varianten lassen. Hätte das Gnome-Projekt zum Beispiel zwei Crowdfunding-Projekte ins Leben gerufen, bei dem die Anwender entweder in die Portierung des Gnome-2-Desktops oder in die Entwicklung der Gnome Shell investieren können, wäre Linus Torvalds der Aufruf zum Gnome-2-Fork erspart geblieben – er hätte einfach seine Brieftasche öffnen und genügend Geld für die Umsetzung bereitstellen können.

Gegenüber herkömmlichen Spenden haben Crowdfunding-Projekte den Vorteil, dass die Anwender ihr Geld in konkrete Vorhaben investieren. Damit erweitert sich die potenzielle Spendergemeinde auch um Firmen, die ein Programm einsetzen und besonders an bestimmten neuen Funktionen interessiert sind. Für die Projekte bedeutet es eine zusätzliche Einnahmequelle – allerdings auch eine zusätzliche Verpflichtung: Steht die Finanzierung, müssen sie das Projekt wie geplant umsetzen.

Da die Entwickler und Maintainer aber nach wie vor selbst auswählen können, welche Crowdfunding-Projekte sie starten und welche Teile der Entwicklung sie aus allgemeinen Spenden finanzieren oder in ihrer Freizeit umsetzen, verlieren sie nicht die Kontrolle über das Projekt oder über die langfristige Zielsetzung. Natürlich gibt es auch den einen oder anderen Anwender, der aus Idealismus ohne vorherige Absprache ein Crowdfunding-Projekt ins Leben ruft – solche Aktionen sind aber in der Regel zum Scheitern verurteilt, weil dem Einzelnen die Möglichkeit fehlt, die Öffentlichkeit auf das Crowdfunding-Projekt aufmerksam zu machen.

Das Problem der fehlenden Öffentlichkeit gilt auch für kleine, wenig bekannte Projekte: Nur die wenigsten werden von selbst auf so eine Crowdfunding-Initiative aufmerksam; vielmehr muss man Mailing-Listen, Homepages und auch Pressemitteilungen nutzen, um möglichst viele Anwender zu informieren und damit die Möglichkeit zu geben, sich an der neuen Entwicklung zu beteiligen. Insofern haben es große und bekannte Projekte einfacher, Crowdfunding-Projekte erfolgreich zu platzieren. Allerdings wird diese Möglichkeit von Open-Source-Projekten momentan nur selten genutzt.

Viel verbreiteter ist Crowdfunding bei Open-Source-Hardware wie zum Beispiel Ubertooth, einem Bluetooth-Analyzer. Michael Ossmann gab Interessenten über das Crowdfunding-Portal Kickstarter die Möglichkeit, sich an der Entwicklung und der Produktion der neuen Gerätegeneration finanziell zu beteiligen – und nahm mit über 50.000 US-Dollar das Dreifache des ursprünglich avisierten Betrags ein.

Dabei erhielten die Investoren stets einen Gegenwert für ihr Geld: Wer 15 US-Dollar bereitstellte, erhielt eine Platine zum Aufbau eines solchen Analyzers, für 30 Dollar gab es einen Bausatz und für 100 Dollar einen fertig aufgebauten und getesteten Ubertooth-Analyzer.

Bei Open-Source-Software-Projekten geht das in dieser Form natürlich nicht, schließlich kann sich später jedermann den Quellcode herunterladen. Trotzdem können die Projekte den Investoren einen Anreiz bieten – verbreitet sind die Nennung auf einer speziellen Sponsorenseite des Projekts oder T-Shits mit einem besonderen Aufdruck.

Da es sich bei den Unterstützern aber üblicherweise um besonders interessierte Anwender handelt, könnte man den Investoren über die Goodies hinaus zusätzlich anbieten, sie mit den verschiedenen Entwicklungsständen nicht nur im Quellcode, sondern auch mit fertigen Binärpaketen für ihre Distribution zu versorgen – sodass sie die Pakete unmittelbar installieren und so die Weiterentwicklung hautnah mitverfolgen können. Der Aufwand für die Projekte wäre überschaubar und angesichts des Geldes, das eine solche Aktion einspielen würde, auch wirtschaftlich vertretbar.

Und wer weiß, vielleicht beteiligen sich die Investoren dann ja nicht nur mit Geld an der Weiterentwicklung, sondern auch mit ein paar Bug-Reports – der bisher verbreitetsten Beteiligungsform im Open-Source-Umfeld. Bei Kdenlive hat es übrigens auch ohne Goodies funktioniert: Binnen einer Woche kamen fast 5000 US-Dollar für die Überarbeitung des Codes zusammen – deutlich mehr als die 4000 US-Dollar, die man für die befristete Bezahlung eines Entwicklers veranschlagt hatte. (mid)

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