Die Woche: Das WebOS-Debakel

@ctmagazin | Kommentar

Naxh langen Hin und Her ist es jetzt entschieden: WebOS soll Open Source werden. Kommt jetzt der große WebOS-Boom?

Endlich ist eine Entscheidung gefallen: WebOS soll Open Source werden, hat die HP-Chefin Meg Whitman verkündet. Aber ob das eine Garantie für die Zukunft ist, nach dem ganzen Hin und her der letzten Monate?

Eigentlich hatte Hewlett-Packard ganz große Pläne, als das Unternehmen im Frühjahr 2010 den WebOS-Entwickler Palm übernahm: Nicht nur WebOS-Smartphones und -Tablets wollte man bauen, auch in Druckern und sogar in in Desktop-PCs sollte das hauseigene Betriebssystem zum Einsatz kommen. Im Sommer dieses Jahres war davon freilich nichts mehr übrig: Im Zuge eines radikalen Konzernumbaus verkündete der damalige HP-Chef Léo Apotheker das Aus für WebOS-Geräte.

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Zwar wurden anschließend trotzdem noch Touchpads nachproduziert , dennoch musste ein Großteil der WebOS-Mannschaft gehen. Spekulationen über eine anstehende komplette Schließung der WebOS-Sparte dementierte HP jedoch energisch. Gerüchte, Amazon wolle WebOS kaufen, erwiesen sich als ebenso gegenstandslos wie Vermutungen, Samsung oder HTC seien interessiert. Meg Whitman, Nachfolgerin von Apotheker, der mit seinen Umbauplänen letztlich scheiterte, hielt sich erst einmal alle Optionen offen. Bei all diesem Hin und Her ist es nicht verwunderlich, dass selbst die WebOS-Fans von WebOS Internals nicht mehr an die Zukunft von WebOS glaubten.

Und so fällt es auch schwer, in der Freigabe als Open Source mehr zu sehen als ein Versuch, WebOS loszuwerden, ohne es offiziell einzustampfen. Zumal viele wichtige Fragen in diesem Zusammenhang noch völlig ungeklärt sind: Es ist weder entschieden, unter welcher Lizenz WebOS stehen soll, noch, wie die weitere Entwicklung organisiert werden kann. HP will sich zwar weiter bei WebOS engagieren, aber wie das aussehen könnte, ist offen; ebenso offen wie die Frage, ob HP zukünftig WebOS-Geräte baut: Mit Smartphones ist definitiv Schluss, hat Whitman bereits erklärt. Ein Twitter-Kommentar bringt es auf den Punkt: "Schrödingers Plattform: WebOS ist offenbar sowohl tot als auch lebendig und eine Katze".

Immerhin gibt es auch Anzeichen, dass "Freigabe als Open Source" doch mehr bedeuten könnte als "Viel Spaß damit und tschüss". Die HP-Chefin selbst hat ein Interview zu den Hintergründen der Freigabe von WebOS gegeben. Darin bleibt sie zwar in vielen Details vage, aber es scheint, als hätte das Projekt durchaus eine gewisse Priorität bei HP. So soll das WebOS-Team von rund 600 Leuten bestehen bleiben, und Whitman will dem Open-Source-WebOS einige Jahre Zeit geben, um erfolgreich zu werden. Zudem sucht Hewlett-Packard das Gespräch mit der Community, die sich um WebOS Internals herum gebildet hat und die bei einem Open-Source-WebOS eine wichtige Rolle spielen muss.

Letztlich ist WebOS ja auch "bloß" eine Linux-Distribution (und viel näher an einem Desktop- oder Server-Linux als Android mit seinem ganz eigenen Software-Stack). Und so viel ist gar nicht nötig, um eine Linux-Distribution zu pflegen: Ein paar hundert Freiwillige, die regelmäßig einen Teil ihrer Freizeit investieren (Debian). Ein Multimillionär, der sich seinen Traum von einem freien Betriebssystem einige Millionen kosten lässt (Ubuntu). Ein Unternehmen, das in einem Jahr weniger Umsatz macht als HP in einem Quartal Reingewinn (Red Hat – das missratene letzte Quartal von HP mal außen vor gelassen). Ein Entwicklerteam bei einer Firma, deren Aktivitäten ansonsten im Bereich Web liegen (Android). Nichts also, was den IT-Giganten HP zusammen mit der engagierten WebOS-Internals-Community überfordern sollte.

Die entscheidende Frage ist jedoch eine andere: Braucht der Markt noch ein weiteres Mobil-Linux, das irgendwo zwischen dem gut etablierten Android und dem erfolglosen MeeGo-Nachfolger Tizen angesiedelt ist? Letztlich, das hat auch die HP-Chefin durchblicken lassen, hängt die Zukunft von WebOS vor allem davon ab, ob Gerätehersteller auf den WebOS-Zug aufspringen. So überzeugt ich von dem Open-Source-Entwicklungsmodell bin, so gelungen ich das WebOS auf meinem HP Touchpad finde: Ich bin skeptisch, ob die Hersteller Bedarf an einem weiteren Mobilbetriebssystem neben Android, Windows Phone 7 und ihren Eigenentwicklungen haben. (odi)

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