Die Woche: Das war 2009

@ctmagazin | Kommentar

Das vergangene Jahr brachte eine Reihe zukunftsträchtiger und spannender Entwicklungen für Linux und Open Source: Chrome OS und Android-Telefone, Netbook-Distributionen, ein neues Standard-Dateisystem für Linux, gute Geschäfte für Open-Source-Firmen – und GPL-Code von Microsoft.

Vergrößern Googles Chrome OS: Browser statt Desktop

2009 war in mancherlei Hinsicht ein spannendes Jahr für Linux und Open Source, in dem einige Weichen für die Zukunft gestellt wurden. Dabei darf ein Name nicht fehlen: Google. Was 2008 mit der Linux-basierten, offenen Smartphone-Plattform Android anfing, führte über den Chrome-Browser (für den Google mittlerweile sogar Anzeigen schaltet) und das Netbook-Betriebssystem Chrome OS (beide unter den Namen Chromium und Chromium OS als Open Source verfügbar) zu dem vor wenigen Tagen vorgestellten Google Phone.

Vergrößern Das Google-PhoneBild: google.com

Worum geht es Google? Vor allem um ein offenes Internet als Grundlage der eigenen Such-, Anzeigen- und sonstigen Dienste, wie das Unternehmen in einem Blog-Eintrag erklärt. Und da machen Google-Smartphones – und demnächst Google-Netbooks? – viel Sinn: als einfache Immer-dabei-Geräte für den mobilen Internet-Zugang, die das globale Netz immer selbstverständlicher im Alltag verankern, aber auch zur Stärkung der eigenen Marke in einem boomenden Markt.

Wie es Google-Vizepäsident Jonathan Rosenberg in dem erwähnten Blog-Eintrag formulierte: Ein Unternehmen profitiert sowohl, wenn sein Markt wächst, als auch, wenn es seinen Anteil am Markt steigern kann. Google arbeitet an beiden Faktoren – und Open Source ist eine wichtige Komponente der Strategie.

Vergrößern Lenovos Linux-Smartbook mit ARM-ProzessorBild: lenovo.com

Aber nicht nur Google sieht eine immer wichtigere Rolle für Linux auf den mobilen Internet-Geräten der Zukunft: Intel arbeitet weiter an seiner Moblin-Plattform – und hat ebenfalls einen Schritt in Richtung mehr Offenheit getan, als das Unternehmen das Moblin-Projekt unter die Ägide der Linux Foundation stellte und so für weitere Mitstreiter öffnete. Was Intel weniger gefallen wird, aber auch zur Verbreitung von Linux beitragen dürfte: Allmählich scheinen die Smartbooks mit ARM-Prozessoren in die Gänge zu kommen; und da gibt es derzeit überhaupt keine ernsthafte Alternative zu Linux.

Aber Google, Intel und Lenovo sind nicht die einzigen, die über Linux auf Netbooks nachdenken. 2009 war das Jahr der Netbook-Distributionen, die neue Desktop-Konzepte für kleine Bildschirme einführten. Teilweise handelt es sich neu entwickelte Systeme (Easypeasy, Xpud), teilweise sind sie (wie der Ubuntu Netbook Remix) von bestehenden Distributionen abgeleitet.

Natürlich gab es auch 2009 neue Versionen der bekannten Linux-Distributionen: Fedora 11 und Fedora 12 griffen wie üblich als erstes die jüngsten technischen Entwicklungen der Linux-Welt auf. Die Ubuntu-Entwickler nahmen mit Jaunty Jackalope (9.04) und vor allem Karmic Koala (9.10) Anlauf für die im April anstehende nächste Version mit Langzeitsupport und reduzierten die Bootzeit erheblich. OpenSuse 11.2 wagte als erste der großen Community-Distributionen den konsequenten Umstieg auf KDE 4, Debian 5.0 (Lenny) untermauerte den Anspruch der Entwickler, eine grundsolide Distribution zu bauen.

Während sich die meisten großen Community-Distributionen schon länger auf einen festen Release-Zyklus festgelegt haben (sechs Monate bei Ubuntu und Fedora, acht Monate bei OpenSuse), entwickelte das Debian-Projekt bislang nach dem Motto "veröffentlicht wird, wenns fertig ist". Das könnte sich jedoch ändern: Im Sommer einigte man sich nach längeren Diskussionen auf einen relativ festen Release-Zyklus von zwei Jahren, der mit Debian 6.0 (geplant für den Sommer 2010) starten soll.

Erst mal vom Tisch ist allerdings der Vorstoß von Ubuntu-Begründer Mark Shuttleworth, die Erscheinungstermine von Debian und Ubuntu zu koordinieren. Shuttleworth wird dennoch nicht müde, für seine Idee abgestimmter Termine aller wichtigen Linux-Distributionen zu werben: Ein gleicher Versionsstand bei zentralen Systemkomponenten wie Kernel, C-Library und X.org würde den Hardware- und Softwareherstellern das Leben deutlich einfacher machen. Vielleicht klappt es ja dieses Jahr ...

Novells Unternehmensdistribution Suse Linux Enterprise 11 brachte neben aktualisierter Software Verbesserungen unter anderem in den Bereichen Hochverfügbarkeit und Interoperabilität. Mit dem im Sommer offiziell gestarteten Suse Studio will Novell das Bauen von Software-Appliances auf Basis von Suse Linux Enterprise erleichtern. Die Versionen 5.3 und 5.4 von Red Hat Enterprise Linux brachten vor allem kleinere Neuerungen – und die Einführung der Virtualisierungslösung KVM, die mit dem für dieses Jahr geplanten RHEL 6.0 den Klassiker Xen ablösen soll.

Wirklich revolutionäre Sprünge gab es bei den Linux-Distibutionen 2009 freilich nicht: Weder tauchte ein neuer Stern am Himmel auf (irgend etwas in mir sperrt sich dagegen, die Spezial-Linuxe Chrome OS und Android in eine Reihe mit universersellen Distributionen wie Ubuntu, Debian und RHEL zu stellen), noch krempelte eine revolutionäre technische Entwicklung alles um.

Allerdings brachte 2009 eine Menge technischer Verbesserungen und Neuerungen. Der Linux-Kernel entwickelte sich stetig weiter, wie unser Kernel-Log regelmäßig dokumentiert. So stabilisierte sich der Ext3-Nachfolger Ext4 im Laufe des Jahres, sodass mittlerweile die ersten Community-Distributionen Ext4 als Standard-Dateisystem einrichten – wenn auch nicht ganz schmerzfrei: Anfang des Jahres sorgte ein gegenüber Ext3 verändertes (und inzwischen wieder abgestelltes) Verhalten, das unter ungünstigen Bedindungen zu Datenverlust führen konnte, für heftige Dikussionen. Auch das "Next Generation Filesystem" Btrfs ist 2009 so weit gereift, dass es mutige Anwender bereits verwenden können.

Umfangreichere Veränderungen gab es auch bei der Grafik: Kernel-based Modesetting (KMS) verlagerte einen beträchtlichen Teil der Ansteuerung der Grafik-Hardware vom X-Server und seinen Grafiktreibern in den Kernel (auch das nicht ohne Schmerzen, wie der Ärger um die Intel-Grafik zeigte), und die 3D-Unterstützung vor allem von Radeon-Hardware wurde deutlich verbessert. X.org, nach wie vor für die Grafik zuständig, konfiguriert die meiste Hardware jetzt selbständig, ohne dass der Anwender noch an der xorg.conf herumfummeln muss.

Eine Reihe von Optimierungen im Kernel sorgen für einen schnelleren Systemstart. Auch am Powermanagement feilten die Kernel-Entwickler, sodass Notebooks mit einem aktuellen Linux-Kernel etwas länger laufen und Probleme mit Suspend to RAM oder Suspend to Disk deutlich seltener geworden sind. Und wie üblich haben zahlreiche neue Treiber die Hardwareunterstützung verbessert, unter anderem im Bereich WLAN. Ganz vorne dabei ist Linux mit seinen Treibern für die erst allmählich verfügbar werdenden USB-3.0-Controller.

Daneben gab es 2009 auch noch einige wichtige Aktualisierungen bei den Anwendungen. Die Mozilla Foundation setzte mit Firefox 3.5 zu neuen Höhenflügen an – und hofft, mit der Unterstützung neuer Web-Standards wie HTML5 das Web ein Stück offener zu machen. Die OpenOffice-Entwickler legten nach der Version 3 im Herbst 2008 mit OpenOffice 3.1 nach.

KDE 4, bei Erscheinen der Version 4.0 in den Augen vieler Anwender ein ziemliches Desaster, wurde 2009 erwachsen: Mit KDE 4.2 ist der neue Desktop nach Ansicht der Entwickler endgültig anwendertauglich geworden. Die Gnome-Entwickler haben aus den KDE-4-Problemen gelernt: Gnome 3 wird noch bis zum Herbst dieses Jahres auf sich warten lassen. Im Interview erläuterte Release-Manager Vincent Untz, was die Gnome-Anwender erwarten können.

2009 war ein wirtschaftlich gutes Jahr für Linux und Open-Source-Software. Open Source hat offenbar von der Wirtschaftskrise profitiert: Red Hat beispielsweise wächst und wächst. Der wichtigste Distributor im Bereich Unternehmens-Linux konnte 2010 über 700 Millionen US-Dollar umsetzen und einen Gewinn von gut 80 Millionen US-Dollar einfahren. Auch Novell, Nummer 2 im Enterprise-Linux-Business, steigerte seine Linux-Umsätze – während die anderen Geschäftsbereiche eher rückläufig sind. Überhaupt konnten eine Menge Open-Source-Firmen (auch in Deutschland) deutliche Zuwächse vermelden – ganz im Gegensatz zum Rest der Branche.

Die zunehmende Bedeutung von Open Source im Softwaremarkt zeigt sich nicht zuletzt darin, dass zunehmend auch quelloffene Geschäftsanwendungen Akzeptanz finden, beispielsweise im Bereich Business Intelligence (siehe Open Source Business Intelligence im Vergleich und Datenqualität messen mit Pentaho), ERP-Anwendungen (siehe Open-Source-ERP-Systeme im Vergleich und Lx-Office: ERP mit Open Source) und Groupware (siehe Quelloffene Exchange-Alternativen).

Durch das ganze Jahr hindurch zog sich der Hickhack um Sun, mit Java, MySQL, OpenSolaris, OpenOffice und diverser weiterer Software einer der größten Open-Source-Anbieter. Nachdem IBM erst feilschte und schließlich absagte, meldete Oracle Interesse an und erhielt im Sommer den endgültigen Zuschlag. Da fragte sich die Branche allerdings schon länger, was wohl aus dem ganzen Software-Portfolio von Sun werden würde.

Interessanterweise schoss man sich dann auf MySQL ein (nicht etwa auf Java, das in der Softwarebranche doch sicher eine viel wichtigere Rolle spielt) – bis hin zur EU-Kommission, die sich um den Wettbewerb im Datenbankmarkt sorgte. Argumente für und gegen die Übernahme kamen von vielen Seiten; Oracle hielt sich erst bedeckt, sicherte dann aber schließlich zu, MySQL als Open Source weiterzupflegen. Die endgültige Entscheidung fällt erst in den nächsten Wochen, aber die Signale aus Brüssel deuten darauf hin, dass die EU-Kommission die Übernahme jetzt wohl gestatten wird.

Selbst Microsoft, Lieblings-Hassobjekt von Teilen der Open-Source-Community, hat sich im letzten Jahr ein Stückchen Richtung Open Source bewegt. Nicht nur, dass das Unternehmen mit der Codeplex Foundation eine eigene Open-Source-Stiftung ins Leben gerufen hat und aktiv unter anderem zu diversen Apache-Projekten beiträgt: 2009 haben die Redmonder erstmals eigenen Code unter der GPL freigegeben (und damit ihre jahrelange Agitation gegen die GNU-Lizenz ad absurdum geführt). Damit ist zwar noch lange kein Frieden zwischen Microsoft und der Open-Source-Welt eingekehrt, wie etwa die immer wieder aufflackernden Diskussionen um Mono zeigen; aber die Zeiten des offenen (verbalen) Kriegs scheinen vorbei zu sein.

Was waren für Sie die wichtigsten Entwicklungen 2009 rund um Linux und Open Source? Diskutieren Sie mit! (odi)

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