Die Woche: Debian: 18 oder volljährig

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Das Debian-Projekt feiert seinen 18. Geburtstag. Gegründet als große Familie freier Entwickler, legt es nicht nur auf freie Software Wert, sondern auch auf eine basisdemokratische Organisation des Projekts. Das sorgte in der Vergangenheit für etliche Streitereien.

Mit nunmehr 18 Jahren ist Debian eine der ältesten Linux-Distributionen, die noch immer weiterentwickelt wird. Von Anfang an bestand das Debian-Projekt aus einer großen Familie freier Entwickler, die ganz besonders auf ihre Freiheit bedacht sind. Nicht nur bei der Software, sondern in allen Dingen – bis hin zur Organisation des Projekts.

Ohne eine lenkende Firma oder den Projektgründer im Hintergrund liegen die Entscheidungen in den Händen aller offiziellen Debian-Entwickler, die noch dazu gleichberechtigt sind – vom einfachen Programmierer über die Maintainer bis hin zum Debian-Project Leader: Jede Stimme hat das gleiche Gewicht. Kein Wunder, dass Abstimmungen ihre Zeit dauern und mitunter zu ausschweifenden Diskussionen, aber nicht immer zum gewünschten Ergebnis führen.

Den langjährigen Debian-Maintainer Matt Garrett, der 2005 sogar als Projektleiter kandidierte und nur knapp verlor, frustrierte das so sehr, dass er Ende August 2006 alles hinwarf: Er wechselte zu Ubuntu, wo Mark Shuttleworth die Richtung vorgibt und nicht alles mit den Entwicklern bis ins kleinste Detail ausdiskutiert wird. Besonders hob Garrett in seinem Blog Ubuntus Code of Conduct hervor, der dafür sorge, dass es in den Diskussionen um technische Details ginge und man auf den Ubuntu-Mailing-Listen nicht so sehr vom Thema abschweife.

Auch Martin Schulze schmiss bei Debian hin, weil es niemanden gab, der ein Machtwort sprechen konnte: Er hatte sich als Debian Stable Release Manager zur Aufgabe gemacht, die Updates für das jeweilige Stable Release zu verteilen, wurde aber von den FTP-Mastern blockiert. Nach etliche Verhandlungen und dem vergeblichen Versuch, selbst FTP-Master zu werden, gab er im März 2006 schließlich auf.

2007 kam es während der Fertigstellung von Debian 4.0 Etch fast zum Eklat: Weil die Nachfolger von Martin Schulze, Andreas Barth und Steve Langasek, durch das Projekt Dunc-Tank für ihre Tätigkeit als Release Manager bezahlt wurden, drohten etliche freie Entwickler an, ihr Engagement für das Debian-Projekt zu überdenken und künftig zu reduzieren. Damit hatten sie Andreas Barth gleich eine Erklärung für die viermonatige Verspätung von Debian Etch geliefert, die durch Bezahlung der Release Manager ja eigentlich verhindert werden sollte. In seinem Blog beschwerte er sich dann auch prompt über Entwickler, die andere absichtlich bei ihrer Arbeit behinderten, indem sie nichts außer Trotz lieferten. Kein Wunder, dass ein solcher Vorwurf zu neuen Diskussionen führte – was diverse Debian-Entwickler dazu veranlasste, ins Ubuntu-Lager zu wechseln.

Ein weiterer großer Krach ereignete sich im Juli 2009, als der damalige Debian-Projektleiter Stefe McIntyre regelmäßige Release-Zyklen einführen wollte. Der Zorn der Entwickler entfachte sich nicht an dem Vorhaben an sich, sondern an der Kommunikation: Ubuntu-Gründer Mark Shuttleworth hatte in einem Interview gesagt, dass eine "sehr gute" Kooperation zwischen dem Ubuntu-Team und dem Debian-Projekt bestehe und man einen gemeinsamen Freeze-Termin für Debian und Ubuntu anpeile.

Von den Gesprächen mit dem Ubuntu-Team wussten die meisten Debian-Entwickler jedoch nichts und hatten auch noch nicht über feste Release-Zyklen abgestimmt – ein absolutes No-Go in einem so basisdemokratischen Projekt wie Debian. Nach zähem Ringen stimmte letztlich doch eine knappe Mehrheit für regelmäßige Release-Zyklen – dennoch scheiterte der Versuch kläglich: Nur einen Monat vor dem geplanten Freeze-Termin schlug das Release Team aufgrund der vielen noch offenen Bugs Alarm und verschob den Freeze-Termin auf unbestimmte Zeit. Bis zur Veröffentlichung des fertigen Systems benötigten die Entwickler ein weiteres Jahr und blieben letztlich ihrer alten Policy "release when ready" treu. Steve McIntyre aber gab seinen Posten als Projektleiter auf, indem er wie die meisten seiner Vorgänger gar nicht mehr für eine weiter Amtszeit kandidierte.

Es ist bei Debian halt wie in einer richtigen Familie: Man zofft sich gelegentlich, aber letztlich rauft man sich doch wieder zusammen und macht sich an die Arbeit. Dass Debian mit seinen basisdemokratischen Grundsätzen länger für Entscheidungen benötigt als wenn ein kleines Gremium oder ein Einzelner die Entscheidungen trifft, liegt in der Natur der Sache. Der 18. Geburtstag beweist jedoch, dass sich der Ansatz der Debian-Gemeinde bewährt hat – auch wenn der Verschleiß an der Spitze bemerkenswert hoch ist. Aber vielleicht gibt sich das ja noch, wenn Debian erwachsen geworden ist. (mid)

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