Die Woche: Der Hype ist vorbei

@ctmagazin | Kommentar

Auf der Liste der "besten Open-Source-Software für Unternehmen" stehen fast nur alte Bekannte. Gibt es keine neue Open Source mehr?

Da hat InfoWorld sein alljährliches Ritual der Best Open Source Software Awards, kurz Bossies, vollzogen und in vier Kategorien – Anwendungen, Entwicklertools, Plattformen und Middleware sowie Netzwerktools – die "beste Open-Source-Software" für Unternehmen ausgewählt. Und ich schaue mir die Listen an und wundere mich.

Beispiel Business-Anwendungen: Gekürt wurden die ERP-Suite OpenBravo, die CRM-Lösung SugarCRM, die BI-Software Pentaho, das Dokumentenmanagementsysteme Alfresco und LogicalDoc, die Content Management Systeme Drupal, WordPress und Tiki Wiki sowie die Suchmaschine Solr.

Was dabei auffällt: Das sind alles alte Bekannte auf der Liste. Fünf der neun prämierten Anwendungen – OpenBravo, SugarCRM, Pentaho, Drupal und WordPress – standen schon 2009 auf dem Siegertreppchen, eine sechste – Alfresco – hat InfoWorld bereits 2008 ausgezeichnet. Tiki Wiki feiert bald zehnjähriges Jubiläum, LogicalDoc ist der Nachfolger des auch nicht eben frischen Dokumentenmanagementsystems Contineo. Und der Lucene-Aufsatz Solr, Apache-Projekt seit Anfang 2006, ist eigentlich eher ein Tool für Entwickler.

Was auch auffällt: Die Mehrzahl der Anwendungen ist so genannte "kommerzielle Open Source" – Open-Source-Software, hinter der ein Unternehmen als Hersteller steht (Ausnahmen wie Apache Solr bestätigen die Regel). Verwunderlich ist das nicht bei der Kategorie "Open-Source-Anwendungen für Unternehmen": Kommerzielle Open Source, das schien vor fünf, sechs Jahren die Lösung zu sein, um freie Software aus der Infrastruktur- und Entwicklerecke herauszuführen; die Vorteile freier Software – verminderte Abhängigkeit, geringere Kosten, niedrige Einstiegshürden, Software an eigene Bedürfnisse anpassen – mit Anforderungen wie Herstellersupport, SLAs, Garantien und Zertifizierungen verbinden, die kommen, wenn es um "unternehmenswichtige" Anwendungen geht. (Als ob E-Mail nicht wichtige wäre ...)

Ganz so hat es allerdings nicht funktioniert: Kommerzielle Open Source, hat sich gezeigt, ist kommerzielle Software wie jede andere auch; nur dass man ein bisschen in den Quellcode gucken darf (in der Regel sogar nur in einen Teil des Codes, siehe Offener Kern, geschlossenes Herz) und eine Version mit mehr oder weniger eingeschränktem Funktionsumfang zum Ausprobieren kostenlos aus dem Internet herunterladen darf.

Aber Herstellerunabhängigkeit? Es gibt nur ein Unternehmen, das Herstellersupport für SugarCRM anbieten kann. Geringere Kosten? Die Anbieter kommerzieller Open Source müssen wie alle anderen Softwarehersteller ihre Entwicklungskosten finanzieren. Niedrige Einstiegshürden? Nicht zuletzt durch Konkurrenzdruck durch Open Source gibt es auch von immer mehr proprietären Anwendungen kostenlose Test- oder Community-Versionen. Und am Code fummeln darf man schon gar nicht, wenn man Support vom Hersteller will.

Das Modell "kommerzielle Open Source", so scheint mir, hat sich überlebt. Natürlich, Alfresco, SugarCRM und Co. haben sich am Markt etabliert – weil ihre Produkte mit der proprietären Konkurrenz mithalten können. Aber nicht, weil sie Open-Source-Software sind – das hat ihnen damals "lediglich" mehr Interesse eingebracht als anderen Startups. Aber der Effekt ist weg, mittlerweile ist es nichts Besonderes mehr, wenn Unternehmen Open-Source-Software herstellen.

Geblieben ist aber das fundamentale Problem kommerzieller Open Source: Wie verdient man Geld mit Software, die jeder kostenlos weitergeben darf? Das in Verruf geratene Open-Core-Prinzip, das die meisten Anbieter freier Unternehmenslösungen praktizieren, ist nicht der Königsweg – es ist schon eine spezielle Übung in Dialektik, Kunden einerseits die Existenz einer (abgespeckten) Open-Source-Version als Vorteil gegenüber der proprietären Konkurrenz darzustellen, ihnen dann aber die (leistungsfähigere) kommerzielle Version zu verkaufen. Der Hype um kommerzielle Open Source, scheint mir, ist vorbei.

Was nicht heißt, dass es mit Open-Source-Software vorbei ist. Um ihre Vorteile im Unternehmenseinsatz zu nutzen, braucht es keine Hersteller dahinter (siehe Krisenhelfer Open Source). Und so sehr die kommerziellen Open-Source-Anbieter im Blickpunkt des Interesses stehen (und auch in der Berichterstattung auf heise open breiten Raum einnehmen): Letztlich stammt von ihnen nur ein Bruchteil der Open-Source-Software, die tatsächlich in den Unternehmen eingesetzt wird. Das hat nicht zuletzt unsere Trendstudie Open Source gezeigt. (odi)

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