Die Woche: Die Zukunft von Suse

@ctmagazin | Kommentar

Mit den jetzt erfolgten Entlassungen im Linux- und Open-Source-Bereich will Attachmate Kosten senken. Aber ob sie das Linux-Geschäft beleben?

Es klang nach einer guten Nachricht für Suse: Mit der Übernahme von Novell durch Attachmate sollte das Linux-Geschäft wieder unabhängig werden. Attachmate-Chef Jeff Hawn erklärte schon im Dezember, Suse solle einer von (damals noch) drei gleichberechtigten Unternehmenszweigen im Attachmate-Angebot werden. Ein Verkauf von Suse stünde keinesfalls zur Diskussion; im Gegenteil werde man die Marke Suse stärken. Das OpenSuse-Projekt wolle man weiter sponsern und auch das Engagement bei der Kernel-Entwicklung fortsetzen.

Zwar hat Attachmate selbst keinerlei Erfahrung mit Linux oder Open Source – aber das Know-how bringt das alte Suse-Team ja mit. Ein eigenständiger Geschäftsbereich, der sich ohne Rücksicht auf die vielfältigen anderen Interessen in Novells "Mixed Source"-Gemischtwarenladen einfach auf das Linux-Geschäft konzentrieren kann: Das wäre geradezu ein Befreiungsschlag für Novells Linux-Spezialisten. Kaum war die Übernahme Ende April abgeschlossen, machte die Attachmate Group Nägel mit Knöpfen und gründete einen eigenen Geschäftsbereich Suse für das Linux-Geschäft mit Sitz in Nürnberg.

Also jetzt mit Volldampf voraus, befreit von allen Novell-Fesseln? Nun, nicht ganz. Zur Gründung der neuen Suse gab es gleich eine Änderung an der Spitze: Nils Brauckmann, zuletzt als Vizepräsident bei Attachmate für Vertrieb und Marketing zuständig und keineswegs ein Linux- oder Open-Source-Spezialist, löste Markus Rex ab, der seit Ende 2008 für den Bereich Open Platform Solutions inklusive Linux bei Novell verantwortlich war. Und das blieb nicht die einzige personelle Änderung: Von den jetzt bekannt gewordenen hunderten weiteren Entlassungen bei Novell treffen mehrere Dutzend den Linux- und Open-Source-Bereich.

Das klingt weniger nach "mit Volldampf voraus" als vielmehr nach "erst mal Kosten runter". Aus Sicht der Finanzinvestoren, denen Attachmate gehört, eine nachvollziehbare Entscheidung. Aber ob sich die Open-Source-Community, auf deren Zusammenarbeit Suse (wie jeder im Linux-Geschäft) angewiesen ist, vor diesen Karren spannen lässt?

Und wenn man überall ein Systemhaus finden kann, das einem eine Linux-Infrastruktur mit Debian, CentOS, OpenSuse, Ubuntu oder sonst einem kostenlosen Linux aufbaut, muss man seine Kunden vom Wert einer kostenpflichtigen Unternehmens-Distribution wie SLES und RHEL schon überzeugen – beispielsweise mit dem Know-how der Mitbeiter. Auch wenn Attachmate-Chef Hawn betont, alle Produkt-Roadmaps würden unverändert weiter gelten: Ob Suse die Kontinuität, die Anwender wie Partner beim Support und der Weiterentwicklung erwarten, ohne Kontinuität bei den Mitarbeitern garantieren kann?

Die nächsten Wochen werden zeigen, wie es in Nürnberg weitergeht. Wird man dort Ersatz für zumindest einen Teil der entlassenen Leute einstellen, wie es Jeff Hawn für die gefeuerten Mono-Entwickler angedeutet hat? Oder müssen auch dort erst mal die Kosten runter, sprich: Leute gehen? Attachmate, das hat Jeff Hawn selbst gesagt, hat keine Erfahrung mit Linux und Open Source. Hoffentlich verkalkuliert man sich nicht – und macht durch übertriebenes Sparen ein profitables und zukunftsträchtiges Geschäft kaputt. (odi)

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