Die Woche: Einfach bis zur Banalität

@ctmagazin | Kommentar

Nach einer auf dem Ubuntu Developer Summit getroffenen Entscheidung wird die Bildbearbeitung Gimp nicht mehr zur Standard-Ausstattung von Ubuntu gehören. Die Begründung: Das Programm sei zu kompliziert, durch den Verzicht gewinne man zusätzlichen Platz auf der CD und für die Fotobearbeitung läge ja F-Spot bei.

Auf dem traditionell einen Monat nach dem Release einer neuen Version stattfindenden Ubuntu Developer Summit treffen sich die Entwickler, um die technischen Eckdaten der kommenden Ubuntu -Version festzuklopfen. Diesen Monat ging es in Dallas um die Planung für Ubuntu 10.04, Codename Lucid Lynx, das nächste Ubuntu mit Long Term Support. Die Entscheidung, die populäre Bildbearbeitung Gimp aus der Standardinstallation zu entfernen, führte zu heftigen Diskussionen in der Community und die Begründung für diesen Schritt lässt auch viel Raum für emotionale Reaktionen.

Laut den auf der Entwicklerkonferenz vorgetragenen Argumenten sei Gimp zu kompliziert und eine Profianwendung, die normale Nutzer sowieso nicht verwenden würden. Diese wollten lediglich Fotos nachbearbeiten und dafür gäbe es schließlich F-Spot. Darüber hinaus belege Gimp viel Platz auf der CD, den man dringend benötige. Ob diese Gründe es rechtfertigen, eine der Vorzeigeanwendungen unter Linux aus der Standardinstallation zu entfernen, darüber kann man streiten.

Ubuntu zeichnete sich immer dadurch aus, den Anwendern ein komplett ausgestattetes System zur Verfügung zu stellen, das man vorab von der Live-CD ausprobieren konnte und das Linux als echte Alternative zu Windows präsentierte. Im Gegensatz zu einem frisch installierten Windows für das man erst tagelang Software zusammensuchen muss, war Ubuntu ein Rundum-Sorglos-Paket für alle gängigen Aufgaben. Mit der Entscheidung, Gimp aus der Standardinstallation zu entfernen, gibt es in Ubuntu kein Programm mehr, mit dem man Bilder malen oder schnell einen Button für seine Homepage erstellen könnte. Da bietet selbst Windows mit dem rudimentären Paint mehr.

Zugegeben, Gimp ist kompliziert – das gilt aber ebenso für die meisten eher professionellen Bildbearbeitungen unter Windows und Mac OS, wo viele Anwender auch aus dem nichtprofessionellen Bereich Photoshop oder Photopaint einsetzen. Mit dem Totschlagargument "zu kompliziert" könnte man zudem gleich OpenOffice mit entsorgen, wo wahrscheinlich 90% der Anwender nur 5% der Funktionen nutzen. Trotzdem laufen sie ob der randvollen Menüs und vielen Optionen nicht schreiend davon, sondern nutzen einfach die wenigen Funktionen, die sie kennen und benötigen. Genauso pragmatisch gehen die meisten Nutzer auch mit Gimp um: "Mag sein, dass ich das meiste nie brauche, aber für den Fall des Falles ist es wenigstens da."

Ubuntu bietet den Nutzern ja nicht mal eine Alternative, denn eine solche kann das von den Entwicklern vorgeschlagene F-Spot nicht sein. Zum einen ist das in Mono geschriebene Programm keine Bildbearbeitung, sondern eine Bildverwaltung mit einigen Bearbeitungsfunktionen, zum anderen kann es in keiner der beiden Disziplinen wirklich überzeugen. Während es kaum jemand einer Bildverwaltung vorwerfen wird, dass die Funktion zum Entfernen roter Augen schonmal versagt oder die Bildverbesserungsautomatismen an einem Foto scheitern, wird man sich sehr wohl daran stören, dass F-Spot bei großen Bildersammlungen so träge wird, dass man sich fragt, ob das Programm eingefroren ist oder im Hintergrund noch irgendetwas tut.

Nachvollziehbar ist allein das Platzargument – Ubuntu hat sich schon aus Konzeptgründen dafür entschieden, dass das Live-System auf eine CD passen muss. Durch den wenigen Platz werden die Entwickler immer wieder gezwungen, abzuwägen, welche Programme man aufnimmt oder entfernt. Außerdem besteht bei einer CD keine Gefahr, eines Tages mit 22 Text-Editoren und einem Dutzend Bildbetrachter zu erscheinen. Im Ubuntu-Konzept gibt es genau eine gute Anwendung für jeden Zweck und nicht mehrere – gut für Linux-Einsteiger, die nicht von der Programmvielfalt erschlagen werden und kein Nachteil für erfahrene Nutzer, da unzählige Alternativen in den Software-Repositories zur Installation bereitliegen.

Um Platz zu schaffen, hätten die Entwickler sich auch entscheiden können, das noch immer umstrittene Mono , F-Spot und Tomboy aus der Standardinstallation zu entfernen. Diese drei Pakete hätten wahrscheinlich weniger Anwender vermisst als Gimp. (amu)

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