Die Woche: Firefox 3.5 und die offenen Standards im Web

@ctmagazin | Kommentar

Firefox 3.5 wird eingebaute Unterstützung für den freien Video-Codec Ogg Theora mitbringen. Ist damit das Ende des proprietären Flash-Formats für Videos im Internet eingeläutet?

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Mit der demnächst anstehenden Veröffentlichung von Firefox 3.5 zieht der zukünftige Webstandard HTML 5 auf breiter Ebene ins Internet ein – und damit auch die Tags audio und video, die das einfache Einbinden von Klängen und Videos in Webseiten erlauben. Was auf den ersten Blick wie ein Detail klingt, das nur Web-Entwickler angeht, hat durchaus auch Auswirkungen auf Anwender: Erstmals wird es möglich, Töne und bewegte Bilder ohne Installation eines zusätzlichen Plug-ins im Browser abzuspielen.

Und da Web-Entwickler auf den Audio- und Video-Content wie auf jedes andere Element einer Webseite zugreifen können, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten für Anwendungen – etwa, ein laufendes Video auf Benutzeraktionen hin dynamisch zu verändern (ein Beispiel dafür kann man hier bewundern, wenn man mindestens den RC1 von Firefox 3.5 installiert hat). Und das, ohne dafür eine eigene Flash- oder Silverlight-Applikation schreiben zu müssen, die den Anwender erst einmal zur Installation eines Plug-ins nötigt.

Möglich wird das, weil Firefox 3.5 den freien Video-Codec Theora unterstützt. Ursprünglich sah die HTML-5-Spezifikation vor, Ogg Theora und Ogg Vorbis gleich als Standard für Video und Audio vorzuschreiben; von dieser Idee musste sich das W3C allerdings nach Intervention einiger Firmen verabschieden. Die Mozilla Foundation setzt hingegen ganz auf die Codecs von Xiph.org – schließlich fühlt man sich einem offenen Internet verpflichtet, und da sind proprietäre, lizenzpflichtige Formate wie H.264 (derzeit Standard-Codec für Flash-Videos im Internet) keine Option.

Unter anderem deswegen hat die Stiftung Anfang des Jahres 100.000 US-Dollar für die Weiterentwicklung von Ogg/Theora gestiftet. Und das Geld war offensichtlich gut angelegt: Mittlerweile liefert Ogg Theora bei Web-Videos eine ähnliche Qualität wie H.264. Mit Dailymotionbietet bietet bereits eine erste größere Video-Site Ogg-Theora-Videos als Alternative zu Flash-Filmchen an.

Damit hat sich Ogg Theora allerdings noch lange nicht als Standard im Web durchgesetzt. Die Macht des Faktischen heißt Flash – und das muss sich erst einmal ändern. Unwillkürlich fällt mir dabei die Geschichte des Audioformats Ogg Vorbis ein. Entwickelt als Alternative zu MP3, qualitativ seit Jahren konkurrenzfähig, aber – im Gegensatz zu MP3 – frei von Patenten und Lizenzkosten. Und trotzdem bis heute eine Randerscheinung: Wir tragen MP3-Player mit uns herum, keine Vorbis-Player; Audio im Internet kommt (von wenigen Ausnahmen abgesehen) im MP3-Format, bei den kommerziellen Musikportalen ist von Ogg Vorbis nichts zu sehen.

Ein klassisches Henne-Ei-Problem: Solange es kaum Vorbis-Content gibt, haben die Hersteller von Abspielgeräten keinen Grund, das Format zu unterstützen; und wenn die meisten Player kein Vorbis abspielen können, warum sollte dann jemand Inhalte in diesem Format anbieten? Erschwerend kommt hinzu, dass Ogg Vorbis höhere Anforderungen an die Abspielgeräte stellt – zumindest haben mehrere im Rahmen einer Magisterarbeit der TU Berlin befragte Hersteller von MP3-Playern darauf hingewiesen, dass längst nicht alle in MP3-Playern verbaute Signalprozessoren (DSPs) Ogg Vorbis abspielen können und der Codec auf DSPs schwierig zu implementieren sei.

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Mike Shaver von Mozilla

Wird sich diese Geschichte mit Ogg Theora nicht wiederholen? Mike Shaver, Vizepräsident Engineering der Mozilla Corporation, hält dagegen. Mit Firefox 3.5, so erklärte er uns, sei ja ein Abspielgerät für Ogg Theora da, das Ei also gewissermaßen schon gelegt – immerhin seien über 300 Millionen Internetsurfer mit dem Mozilla-Browser unterwegs. Auch Google Chrome und Opera könnten Ogg Theora abspielen (allerdings unterstützen diese Browser auch den H.264-Codec). Zudem sei ein Teil des Geldes, das Mozilla für die Weiterentwicklung des Codecs gespendet habe, in die Optimierung von Ogg Theora in Hinblick auf DSPs geflossen – wichtig für mobile Videoplayer.

Und es gibt schon erste Verbündete auf der Anbieterseite: Sowohl Wikimedia Commons als auch das Internet Archive beispielsweise nutzen bereits das Ogg-Theora-Format für Videos. Zudem werden ab Ende 2010 für großere Videoportale Lizenzgebühren für das Streaming von H.264-Videos fällig – möglicherweise ein Motiv, auf Ogg Theora umzustellen oder das Format zumindest alternativ anzubieten.

Wikipedia, das Internet Archive und Dailymotion sind natürlich nur ein Anfang und sicher nicht genug, um den Hersteller des (noch?) meist genutzten Browsers dazu zu bringen, ebenfalls Ogg-Theora-Unterstützung einzubauen – zumal das dessen Silverlight-Plänen abträglich sein könnte. Und die Möglichkeit, einige Internet-Videos ohne Plug-in abzuspielen, wird die Anwender nicht gleich in Scharen zu Firefox 3.5 treiben.

Entscheidend sind die Content-Anbieter: Erst wenn die großen Video-Portale auf Ogg Theora umsteigen (oder das Format zumindest alternativ anbieten), könnte es zu dem großen Schwenk weg von Flash-Video kommen. Google als Besitzer des größten Portals, Youtube, inszeniert sich zumindest gerne als Vorreiter eines offenen Webs und preist die neuen Möglichkeiten von HTML 5. Auch die Aussicht auf Lizenzkosten fürs Videostreaming von H.264 ab 2011 könnte für manches Videoportal eine Motivation für den Umstieg sein.

Aber das ist alles noch Zukunftsmusik – genau wie HTML 5, das erst als Entwurf vorliegt. Aber mit Firefox 3.5 ist ein erster Schritt Richtung Zukunft getan. (odi)

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