Die Woche: Gnome 3 ist cool

@ctmagazin | Kommentar

Mit der Freigabe von Gnome 3 wird es viel Kritik an der neuen Oberfläche hageln. Wer offen an die Neuerungen des Desktops herangeht, wird aber feststellen, dass vieles gar nicht so schlecht ist, wie es zunächst scheint.

Die neu vorgestellte dritte Generation des Gnome-Desktops will eine "revolutionäre neue Oberfläche" bringen. Und eine kleine Revolution ist Gnome 3 in der Tat. Applets? Konfigurierbare Themes? Verschwunden. Fensterliste? Knöpfe zum Minimieren und Maximieren im Titelbalken der Fenster? Auch weg. Daten und Ordner auf dem Desktop ablegen? Geht nicht mehr. Einstellmöglichkeiten? Aufs Nötigste zusammengestrichen.

Gnome 3.0 wirkt ganz schön abschreckend – speziell auf Nutzer von Gnome 2, denn damit hat die Oberfläche von Gnome 3 nicht mehr viel gemein. Beim ersten Kontakt entsteht so schnell Unbehagen und Unzufriedenheit. Das hat schon im Vorfeld zu viel Kritik im Internet geführt; auch heise open und LWN.net haben einige Aspekte des neuen Gnome vorab skeptisch beäugt – und ihre Zweifel angemeldet.

Bild: Gnome3.org

Mit der jetzt erfolgten Freigabe und der Integration in Distributionen wie dem Ende Mai erwarteten Fedora 15 wird noch viel mehr Kritik zu hören sein; und eine Menge Nutzer werden Gnome 3 als totalen Fehlschlag abkanzeln.

Es ist aber keiner. Im Gegenteil: Der vom Gnome-Projekt eingeschlagene Weg ist richtig, auch wenn er Anwender dazu zwingt, mit lieb gewonnenen Gewohnheiten zu brechen.

Denn nach genauerem Hinsehen und einigen Tagen Praxiseinsatz erweisen sich viele Dinge, die anfangs schlecht umgesetzt wirken, als ganz praktisch und wohlüberlegt. Das Umschalten der Arbeitsflächen oder das Aufrufen von Anwendungen etwa scheinen zu Beginn kompliziert. Das sieht gleich ganz anders aus, wenn man sich dran gewöhnt hat, die Gnome Shell über die linke Windows-Taste zu öffnen. Das Aufrufen von Programmen und der Wechsel zwischen ihnen ist sogar richtig komfortabel, wenn man das Dash mit den eigenen Favoriten füllt. Und die Suchfunktion der Gnome Shell scheint nach einigen Tagen unverzichtbar, so komfortabel ist sie.

Gerade langjährige Computer-Anwender müssen Gnome 3 aber erst mal erlernen und ihre Arbeitsweisen anpassen, um von diesen Verbesserungen zu profitieren. Das gilt insbesondere für die bei Gnome 3 sehr geschickt umgesetzten Arbeitsflächen, die sich Neulingen in der Gnome-3-Variante einfacher erschließen als alteingesessenen Nutzern. Wer das Konzept bei Gnome 3 allerdings verinnerlicht, wird die Knöpfe zum Minimieren bald nicht mehr vermissen.

Die Einstellmöglichkeiten auf das Nötigste zu reduzieren ist auch ein guter Ansatz, der den Gnome-Desktop weiter vereinfacht. Das macht ihn der attraktiver für die Facebook- und Smartphone-Generation, auch wenn es jene Linux-Freaks verschreckt, die sich möglichst viele Stellschrauben wünschen – die sind bei Gnome aber schon seit Version 2.0 fehl am Platz und bei KDE mit seinen vielfältigen Einstellmöglichkeiten besser aufgehoben.

Eines ist allerdings richtig: Wie schon bei der Einführung von Gnome 2.0 sind die Entwickler auch bei diesem Generationswechsel hier und da zu weit gegangen und haben zu viele Möglichkeiten entfernt. Notebooks mit Gnome 3 wechseln beim Zuklappen des Deckels etwa immer in den Bereitschaftsmodus. Ändern lässt sich das nur mit einem Zusatzprogramm oder Kommandozeilentricks – wer das nicht weiß, dürfte sich über kurz oder lang ärgern, wenn ein unüberlegtes Schließen des Deckels wieder einmal eine Chat-Verbindung oder einen Download unterbricht. Auch das Fehlen von Applets zur Systemauslastung und Wetterlage dürfte so manche Anwender nachhaltig wurmen.

Ähnlich wie anfangs bei Gnome 2 dürften daher einige Möglichkeiten mit den ersten größeren Udates zurückkommen – Gnome 3.2 steht in sechs Monaten, Gnome 3.4 in einem Jahr an. Sie werden neben viel Feinschliff an den mit Gnome 3 eingeführten Konzepten auch noch Neuerungen bringen, die Gnome 3 erst abrunden – auch das war schon bei der zweiten Gnome-Generation so.

Dann könnte auch eine bei Gnome 3.0 noch außen vor gelassene, viel diskutierte Neuerung kommen: das Zeitgeist-Framework und eine darauf zurückgreifenden Journal-Ansicht für die Shell. Zusammen sorgt das für einen neuartigen Zugang zu den eigenen Daten: Statt über Speicherorte, Pfade, Ordner und Dateinamen findet man Dateien über Tags, das Datum der letzten Bearbeitung oder den Kontext, in dem man sie zuletzt in den Fingern hatte. Das könnte sich im Alltag als praktischer Ansatz erweisen, mit dem sich Gnome 3 überhaupt erst komplett anfühlt.

Dieses Nachbessern erinnert stark an KDE 4, dessen erste Version sehr schlecht angekommen ist und heftig kritisiert wurde. Bis zu einem gewissen Grad ist dieser Vergleich durchaus berechtigt. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied: KDE 4.0 lief nicht sehr zuverlässig und wirkte unfertig. Gnome 3.0 hingegen läuft bereits stabil und ist durchaus schon alltagstauglich. (thl)

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