Die Woche: Goodbye 2010

@ctmagazin | Kommentar

Zum Jahresanfang boomen die Rückblicke auf das vergangene und die Prognosen für das gerade angebrochene Jahr. Wir werfen einen Blick zurück auf wichtige Ereignisse 2010 – und ihre Bedeutung für die Zukunft.

2010 war zweifellos das Jahr des mobilen Linux. Und das mobile Linux hat einen Namen: Android. Android-Smartphones erlebten im letzten Jahr einen gewaltigen Boom, verkaufen sich mittlerweile besser als das iPhone.

Für Konkurrenten des Google-Betriebssystems bleibt da wenig Raum. Um die Linux-Plattform der LiMo Foundation ist es still geworden, Intels Moblin und Nokias Maemo sind zu Meego verschmolzen. Daran wird zwar eifrig dann gearbeitet, Meego-Geräte sind bislang aber noch nicht in den Läden aufgetaucht. Und ob es ein gutes Zeichen für die Zukunft von Meego ist, dass Intel ausgerechnet das WeTab als Meego-Vorzeigegerät präsentiert?

Dann waren da die Diskussionen um die Zukunft der Linux-Grafik. Seit seinem Rückzug aus dem Canonical-Management setzt Ubuntu-Sponsor Mark Shuttleworth offenbar seine ganze Energie daran, alte Zöpfe abzuschneiden. Nachdem man für Ubuntu 10.04 bereits ein komplett neues Look and Feel entwickelt hatte, will er nun nicht nur den Gnome-Desktop durch Unity ablösen, sondern gleich das ganze X Window System loswerden und durch das Grafiksystem Wayland ersetzen (siehe dazu auch den Kommentar Das Ende von X11?). Beides hat für ordentlich Zündstoff in der Linux-Welt gesorgt. Unity soll schon in Ubuntu 11.04 zum Standard-Desktop werden, Wayland vielleicht in einem Jahr kommen – mal sehen, was daraus wird.

Wie unser Kernel-Log regelmäßig dokumentiert, hat sich der Linux-Kernel auch 2010 kontinuierlich weiterentwickelt. Das gilt beispielsweise für das Power-Management, das mit jedem Kernel-Release besser funktioniert, oder für die WLAN- und Grafiktreiber, die immer mehr Hardware unterstützen. Mit Nouveau existiert jetzt endlich ein freier Treiber für Nvidia-Grafik, der nicht wie der alte nv-Treiber ein bloßes Feigenblatt ist.

Viel Energie ist in Bereiche geflossen, die die Eignung von Linux für große Server verbessern: Neue Tracing- und Performance-Monitoring-Möglichkeiten helfen Entwicklern und Admins, Leistungsengpässen auf die Spur zu kommen. Optimierungen auf allen Ebenen von der Eliminierung des Big Kernel Lock über den Netzwerkcode bis zu den Dateisystemen verbessern die Skalierbarkeit. Die Replikationslösung DRBD (Distributed Replicated Block Device) erleichtert das Aufsetzen von Fail-Over-Clustern.

Zudem sind nach jahrelanger Quälerei endlich erste Teile des Xen-Dom0-Code zum Betrieb als Xen-Host in den Kernel eingezogen – möglicherweise zu spät: Nach Red Hat Enterprise Linux 6 bewegt sich mittlerweile auch Suse Linux Enterprise in Richtung KVM. Es scheint, als hätten sich die Entwickler sowohl mit der Kernel-Integration als auch mit der neuen Version 4 zu viel Zeit gelassen, um den Trend zu KVM noch aufzuhalten.

Nach monatelangen Gerüchten und Spekulationen über den Verkauf von Novell hat schließlich Attachmate zugegriffen – und gleich deutlich gemacht, dass man Suse als eigenen Geschäftszweig weiterführen will. Auch die OpenSuse-Community werde man weiter unterstützen, so Attachmate-Chef Jeff Hawn. Für Suse, bislang in der etwas unklaren Geschäftsstrategie von Novell gefangen, könnte das zum Befreiungsschlag werden – das sieht man auch in Nürnberg so. Völlig offen ist allerdings noch, was aus den fast 900 Novell-Patenten wird, die ein Konsortium aus Microsoft, Apple, EMC und Oracle gekauft hat. Die Open Source Initiative jedenfalls sorgt sich, die Patente könnten gegen Open-Source-Software eingesetzt werden.

Eine ganz andere Strategie als Attachmate in Sachen Open-Source-Communities fährt Oracle, das im Umgang mit Suns Open-Source-Erbe in den letzten Monaten eine Menge Porzellan zerschlagen hat. So startete die OpenSolaris-Community nach einigen vergeblichen Versuchen, mit Oracle ins Gespräch zu kommen, ihr eigenes Projekt Illumos zur Pflege einer freien Solaris-Version namens OpenIndiana. Oracle zeigte sich nicht daran interessiert.

Dann Java: Der schon bei Sun schwelende Konflikt mit der Apache Software Foundation eskalierte, die ASF (und nicht nur sie) verabschiedete sich 2010 aus dem Java Community Process. Auch die Klage von Oracle gegen Google wegen dessen in Android verwendeter virtueller Maschine Dalvik sorgt nicht eben für Vertrauen, was die Offenheit der Zukunft von Java angeht. Und was es für die Java-Welt bedeutet, dass IBM die Unterstützung der Java-Implementierung Apache Harmony aufgibt und in Sachen Java jetzt mit Oracle gemeinsame Sache macht, ist noch gar nicht abzuschäten.

Nicht zu vergessen LibreOffice. Dem Community-Fork von OpenOffice ging eine ähnliche Geschichte voraus wie bei OpenSolaris: Oracle verweigerte die Kommunikation mit der Community und vermied klare Aussagen zur Zukunft des OpenOffice-Projekts, bis die Community ihre eigenen Wege ging. Ob die Document Foundation und ihre Unterstützer die Weiterentwicklung von LibreOffice stemmen können, muss die Zukunft zeigen – bislang zumindest geht es voran.

Aber vielleicht liegt Oracles ablehnende Haltung gegenüber Open Source sogar im Trend? Im vergangenen Jahr gab es einige Diskussionen um den Sinn kommerzieller Open Source. Vor einigen Jahres noch erschien Open Source mit Herstellersupport, für die nicht eine unscharf definierte Community, sondern eine Firma verantwortlich ist, als Köngigsweg, um freie Software aus der Infrastruktur- und Entwicklerecke herauszuführen. Diese Idee hat aber offensichtlich den Gipfel des Gartnerschen Hype-Zyklus überschritten: Die Zeiten, in denen sich Software-Startups nur irgendwie an den Open-Source-Trend anhängen mussten, um erfolgreich zu sein, sind vorbei.

Der Bedarf an kommerziellem Support für Open-Source-Software ist aber natürlich trotzdem da – und wird auch erfolgreich bedient. Red Hat ist da nur das prominenteste Beispiel. Vielleicht müssen wir auch einfach wieder lernen, dass innovative Open Source in erster Linie von Enthusiasten aus Interesse an der Sache gemacht wird, nicht von Firmen, die vor allem Geld verdienen wollen. So wie das lang erwartete Perl 6 – auch wenn dessen Innovationen so manchem Perl-Fan einen ausgewachsenen Release-Kater beschert haben.

Immer noch nicht endgültig ausgestanden ist die unendliche Geschichte um SCO und den Streit um das Unix-Copyright. Immer wieder zieht SCO vor Gericht den Kürzeren, und immer wieder gibt es neue Einsprüche und Revisionen. Das Thema wird uns wohl auch im neuen Jahr begleiten – auch wenn sich mittlerweile kaum noch jemand deswegen ernsthaft Sorgen zu machen scheint.

Nicht mehr fertig geworden ist Debian 6. Der Versuch, analog zu anderen Linux-Distributionen feste Release-Zyklen einzuführen, ist damit wohl gescheitert – nach der ursprünglichen Planung hätte Squeeze bereits im Sommer 2010 erscheinen sollen. Die meisten Debian-User dürften darüber aber nicht allzu unglücklich sein: Schließlich rührt der gute Ruf von Debian vor allem daher, dass die Entwickler seit jeher Stabilität über Schnelligkeit und neueste Features stellen.

Auch Gnome 3 hat sich gegenüber dem avisierten Termin Herbst 2010 verzögert; stattdessen gab es mit Gnome 2.32 noch eine weitere Version der 2er-Serie des Desktops. Und auch Btrfs, seit über zwei Jahren das designierte Next Generation Filesystem für Linux, hat den Status "in Entwicklung" noch nicht verlassen.

Und noch ein Fehlschlag: Angesichts des iPhone- und Android-Booms hat es Symbian nicht mehr geholfen, dass Nokia das klassische Handy-Betriebssystem als Open Source freigegeben und an eine Stiftung übergeben hat. Nachdem im Laufe des Jahres ein Hersteller nach dem anderen die Symbian-Entwicklung aufgeben hat, glaubt wohl nur noch Nokia an eine Zukunft. Open Source alleine reicht eben nicht... (odi )

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